Berlin - Die Freiheit der Person ist unverletzlich“, so steht es in Artikel 2 des Grundgesetzes. Dieses garantiert weitere Freiheitsgrundrechte. „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“, dieses Zitat der Kommunistin Rosa Luxemburg hielten DDR-Bürgerrechtler der SED-Gesinnungspolizei entgegen. „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, gefolgt von entsprechendem Handeln, formulierte der Philosoph Friedrich Hegel. Freiheit im Sinne der Autonomie eines Subjekts war aber mitnichten im Spiel, wenn zum Beispiel feudale Landesherrn Freiheiten gewährten. Da ging es um ökonomische Vorteile. Eine Freiheitssuche in Berlin.

Schlossfreiheit:

Der Große Kurfürst wünschte mehr Leben am Schloss, und so wies er 1671 per Erlass die Bebauung des Ufergeländes entlang des westlichen Spreearms an. Zehn Häuser entstanden. Der Bau auf dem sumpfigen Untergrund war wegen der schwierigen Fundamentsicherung teuer, weshalb der Landesherr für das unter kurfürstlicher Verwaltung stehende Gebiet diverse Freiheiten gewährte: die Befreiung vom Grundzins, vom Wachdienst und von militärischen Einquartierungen sowie die Gewerbefreiheit. Andererseits erwartete der Hof von den derart von der Rechtsform der Burgfreiheit Begünstigten, Personen aus dem Gefolge von Gästen des Hofes unterzubringen. Um sich auch dieser Pflicht zu entledigen, vereinbarten 1844 die Hausbesitzer, meist Adlige und Höflinge, eine jährliche Zahlung von insgesamt 1000 Talern an das Hofmarschallamt.

Das war angesichts enorm gestiegener Grundstückswerte keine besonders drückende Last. Berlin war 1709 infolge der Königskrönung zur Königlichen Residenz aufgestiegen. Das Schloss erlebte seinen barocken Ausbau. Die Immobilien lagen mittlerweile hochprivilegiert.

Die Besitzer nutzten von Anbeginn die gewährte Gewerbefreiheit. Schon 1676 öffnete die erste Schankwirtschaft. Wirt Hamrath servierte dem Publikum der Residenz teures  Bier von außerhalb. Dabei gehörte er gar nicht zu den Eigentümern, hatte allerdings das Straßenpflaster bezahlt. Der Vorschuss sollte mit den erwarteten schönen Einnahmen zurückfließen. Später kam das Café Josty hinzu und das opulente, Richtung Marstall gelegene Café Helms. Ein wirklich schickes Ausgehviertel mit Wasserblick lud dahin ein. Nur den Schlossherren missfiel die Häuserreihe zunehmend. Da hatte man nun mit der neuen Westfront samt Eosanderportal einen repräsentativen Auftritt – und den verstellten die alten Schachteln. Wilhelm II. setzte schließlich ihren Abriss durch und schaffte so Platz für das monströse  Nationaldenkmal für seinen Großvater, Kaiser Wilhelm I.. Vorbei war es mit der Schlossfreiheit, dem Leben dort. 1894 begann der Abriss.

„Freiheit“ in Spandau:

Diese mehr als zwei Kilometer lange Straße durch ein Gewerbegebiet hat eine lange Geschichte: Hier lagen über Jahrhunderte die Freiheitswiesen, die dem markgräflichen Landesherrn gehörten. Dieser vergab die Nutzungsrechte an dem Land – und zwar frei von Steuern, Abgaben, Zöllen usw. – an Personen seiner Wahl. Die Gründe für die Vergabe eines solchen, zeitlich begrenzten Lehens waren vielfältig. Sie konnte als Dank und Lohn für besondere Dienste erfolgen oder als Ablösung für Schulden, die der Landesherr bei dieser Person zu begleichen hatte. So wechselten die Nutzer der Freiheitswiesen seit Anfang des 16. Jahrhunderts häufig. 

In den Genuss der Abgabenfreiheit kam zum Beispiel in jener frühen Zeit ein Küchenmeister, Leiter der markgräflichen Küche, als Dank für seine Leistung. Er durfte, vermutlich bis an sein Lebensende, über das gewährte Land und den daraus gezogenen Nutzen frei verfügen. Zuständig für diese „Freiheit“ genannten Ländereien war in der Regel, so auch in Spandau, der Vogt der normalerweise ganz in der Nähe gelegenen Burg.

Im 19. Jahrhundert wurden die Freiheitswiesen als Eigentum des Landesherrn Teil des Industriegürtels, wo so viele Rüstungsgüter hergestellt wurden, dass Spandau zur größten Waffenschmiede Deutschlands wurde. Daher der zeitweilige Name An der Artilleriewerkstatt. 

„An der Freiheit“  in Köpenick:

 In der Altstadt findet sich eine 264 Meter lange Straße. Auch sie bezeichnete die Freiheit von Abgaben und Steuern, die der Landesherr einer bestimmten Bürgergruppe gewährte: Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die der Große Kurfürst ins Land geholt hatte und dauerhaft anzusiedeln wünschte. Der  Dreißigjährige Krieg hatte die Bevölkerung seiner Länder fast halbiert und die Wirtschaft verheert. Dörfer und Städte lagen wüst.

Die Flucht der später Hugenotten genannten Protestanten bot die Chance, weit über das landesübliche Niveau gebildete Leute mit guten Berufen und Fertigkeiten zu bekommen. Damit sie blieben, musste man den Seidenwebern, Wollarbeitern, Gerbern oder  Gärtnern etwas bieten: So ließ  der Kurfürst die Neuankömmlinge wissen, sie seien „gäntzlich befreyet“ von Auflagen, Zöllen, Steuern. Sie sollten wüst liegende Häuser und Flächen besetzen, Plätze „ohngeltlich“ übernehmen und bebauen können, „Holz, Kalck und andere Materialien zur Reparirung“ gratis bekommen. Garantiert wurden ihnen eigene Prediger und Gerichtsbarkeit. Das galt auf Dauer. Befreit wurden sie später auch von  Soldaten-Einquartierung.

In der Köpenicker Altstadt existierte zudem ein Freigut: Demnach durfte dort 1665 ein Landjäger Bock das „Bocksche Freigut“ bauen, weil er dem Großen Kurfürsten besondere Dienste geleistet hatte. Er errichtete ein Fachwerkhaus – heute beherbergt es das Heimatmuseum.

„Freiheit“ am Freigutweg in Rudow:

In der feudal geprägten Agrarstruktur verstand man unter einem Freigut eine mit vier oder mehr Hufen ausgestattete Bauernstelle. Auf den Freigütern lasteten keine Feudalabgaben. Die Besitzer dieser Güter nannte man Freisassen. Das Rudower Freigut entstand um 1787, als 34 Jahre zuvor abgetrennte Ländereien wieder in die dörfliche Hand zurückkehrten.

„Freiheitsweg“ in Alt-Reinickendorf:

Benannt ist dieser Weg nach einem „Die Freiheit“ genannten Luch in der Magistratsheide, einem von vielen der Stadt Berlin gehörenden Areale, dass wohl ähnlich wie andere Ländereien unter Befreiung von Abgaben genutzt wurde. Ende des 18. Jahrhunderts sollte es durch Gräben urbar und durch ein Gehege zur Rinderkoppel gemacht werden. Bekannt wurde ein daran entbrannter Rechtsstreit der an der Nutzung besonders interessierten Berliner Meiereibesitzer. Sie mussten zugunsten des Papiermüllers Schwiegerling sowie eines Herrn Heinrich Behm vom Gesundbrunnen auf das Land verzichten.