Am Kreuzberg kräht ein Hahn, und was für einer – groß, bunt, mit prächtigem Kamm. Ein reich gepiercter Mann mit grünen Haaren  schlurft durch den Viktoriapark den Berg hinauf. Will er zum Nationaldenkmal? „Häh?“ fragt er verständnislos zurück.

Oben an den Stufen des Denkmals lärmen drei vergnügte Mädchen, eine mit himmelblauem Kopftuch, zwei ohne. Ob sie wissen, was das spitze Ding dort darstellt? Sie einigen sich auf „irgendwas mit Helden“. Damit sind sie nahe dran.

Eine wichtige Landmarke

Eine Kreuzbergerin, die ihrer Enkeltochter die historische Stätte zeigt, weiß zwar um die Bedeutung dieser wie von einer gotischen Kathedrale abgebrochenen Spitze, mag aber deutsche Siegesfeiern nicht. Als Landmarke gehöre das Denkmal allerdings einfach in die Gegend.

Das Nationaldenkmal    für die Befreiungskriege 1813 bis 1815 gegen die napoleonische Fremdherrschaft erzeugte einst patriotische Wallungen. Heute erhitzt es niemandes Blut mehr. Vor 200 Jahren aber hatten die Leute gute Gründe für große Gefühle und entsprechende Symbolik.

Das wunderliche Werk  weist auf das zentrale politische Erlebnis einer  Generation und den Beginn eines Umbruchs, der Deutschland vollständig veränderte. Aber der Reihe nach.

Preußens Eiserne Zeit

1806 besetzten französische Truppen Berlin, im Triumph ritt Napoleon durch das Brandenburger Tor in Preußens Hauptstadt ein – König Friedrich Wilhelm III. war nebst Gattin Luise nach Ostpreußen geflohen. 

Der altpreußische Staat war zusammengebrochen. Die Franzosen öffneten den Weg für  Modernisierungen: die  bürgerliche Selbstverwaltung, die Gründung einer Universität in Berlin, die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Gewerbefreiheit  und die Emanzipation der Juden.

Andererseits zwang Napoleon Preußen in eine Allianz gegen Russland. Hunderttausende   preußische Landeskinder zogen mit der Grande Armée in die verheerende Niederlage am Ende des Russland-Feldzuges.

Hochverrat der Preußen-Generäle

1812 leitete ein Hochverrat preußischer Generäle die Wende ein: Sie liefen zu den Russen über,  nun ging es  gemeinsam gegen Napoleon. Die nachfolgenden Befreiungskriege begannen mit einer Reihe von Schlachten. 

Von 1813 bis 1815 wurde so Kleinstaat um Kleinstaat von  der Franzosenherrschaft befreit.   1815 begann nach der Schlacht von Waterloo und  Napoleons Untergang eine Phase der nationalen Besinnung und politischen Einigung deutscher Lande.

Auftrag für das Siegesmal

Unter dem gewiss überwältigenden Eindruck dieser Ereignisse, der vielen Toten und Zerstörungen und der Gemeinschaft schmiedenden  Siegeserfahrung beauftragte Friedrich Wilhelm III. seinen Baumeister Karl Friedrich  Schinkel 1817, auf den südlichen Höhen vor Berlin ein weithin sichtbares Denkmal zu errichten.  Das geschah bereits zwei Jahre nach dem Einzug preußischer Truppen in Paris.

Tatsächlich lag der auserwählte 66 Meter hohe Hügel – Tempelhofer Berg, Runder Weinberg oder auch Sandberg geheißen – damals recht weit außerhalb der Stadt. Die Anhöhe markiert die südliche Grenze des Berliner Urstromtals und den Beginn der sich südlich anschließenden Teltow-Hochfläche.

Schinkel gab sich dem Überschwang der patriotischen Gefühle hin. Er entschied  sich für den gotischen Stil, den Goethe 1773 in seiner Schrift  „Von Deutscher Baukunst“  zum „deutschen Stil“ erklärt und eine wahre Gotik-Begeisterung ausgelöst hatte. Der Jurist und Politiker August Reichensperger (1808 – 1895) erklärte ihn schließlich zum  „germanischen“ Baustil schlechthin.

In Wahrheit liegt der Ursprung der Gotik nirgends anders als in Frankreich, wo um 1130 die ersten Kathedralen in Paris, Troyes, oder Chartres in den Himmel wuchsen. Das preußische Anti-Franzosen-Denkmal in französischer Gotik zu gestalten, hat also  auch eine komische Seite.

Heute steht man nach dem Aufstieg durch den Viktoriapark  vor der gotischen Spitze, 18,83 Meter hoch, in der typischen Form des Tabernakels (lateinisch für Hütte oder Zelt). In Nischen oberhalb des  kreuzförmigen Grundrisses   stehen zwölf Genien,  also antike Schutzgötter, für bedeutende Schlachten wie die bei Großbeeren, Kulm, Groß-Görschen oder die Völkerschlacht bei Leipzig.

Jede Figur trägt Züge eines Vertreters  des preußischen Königshauses. Da stehen König Friedrich Wilhelm III. als Herkules  mit Löwenfell und Keule (für die Schlacht bei Kulm) oder Königin  Luise mit Lorbeerkranz (für die Schlacht von Paris). Die angesagtesten Bildhauer gestalteten die Skulpturen.

Schinkel hatte sich für Gusseisen als Material  entschieden – auch das ist hochsymbolisch zu verstehen:  Die Unterwerfung durch Napoleon und die Flucht des Königspaars aus Berlin war als Eiserne Zeit empfunden worden.   

Die gusseiserne Hülle (der Kern ist gemauert) stellte kunstfertig und mit innovativster Handwerkskunst die Königliche Eisengießerei her. Solche Eisenhohlgüsse gelangen dort erstmals im Jahr 1800 und bereiteten einem neuen Industriezweig den Weg.

Hydraulische Wende und Hebung

Die Krone des Werkes bildet das Eiserne  Kreuz, so wie es Schinkel schon zuvor als Tapferkeitsorden für preußische Soldaten entworfen  und damit das Ordenswesen revolutioniert hatte: Das Eiserne Kreuz  war die erste Auszeichnung, die ohne Ansehen des Standes verliehen werden konnte.

Noch heute ist es das Hoheitszeichen der Bundeswehr. Vor allem aber kamen der Berg und das künftige Stadtviertel durch Schinkels Entwurf zu ihrem Namen: Kreuzberg.  

Anlässlich der Einweihung des Nationaldenkmals im Jahr 1821 –  auch Zar Alexander I. war angereist – wurde der Berg umbenannt.  Sein Name ging dann auf die um ihn herum entstehende Siedlung über.

Deren Häuser wuchsen – wie die Bäume am Berg, und so entstand ein Problem: Man sah das Siegesmal  kaum noch. So kam es 1878 zu einer spektakulären Aktion.

Zunächst hatte man einen acht Meter hohen, mit Naturstein verkleideten, teils zinnenbewehrten  mächtigen Sockel errichtet, dann hievte man das Denkmal mit hydraulisch getriebener Technik obenauf und wendete es bei dieser Gelegenheit um 21 Grad  in die schöne Achse zur Großbeerenstraße hinein. Diese wurde  noch eindrucksvoller und romantischer, als 1894 der Wasserfall gebaut wurde.

In der künstlichen Fels- und Wasser-Landschaft sitzen heute gerne die Leute, mit und ohne Getränk oder Rauschwaren, halten die Füße ins Wasser und freuen sich, mitten in der Stadt, des Wasserfalls und des Grüns. Patriotische  Gefühle kann auch hier niemand mehr in sich erspüren.

Ist ja alles 200 Jahre her, und man stellt sich vor, welches Schicksal das nächste Nationaldenkmal ereilen wird: die Wende-Wippe, die nicht einmal einen Platz in der Stadt findet. Geschweige denn einen in den Herzen.