Stadtkern: Ist Dresdens Altstadt-Rekonstruktion das Vorbild für Berlin?

Was lehrt der Wiederaufbau des Historischen Neumarktes in Dresden die Berliner? Die Hauptstadt hadert noch mit ihrer historischen Mitte, einschließlich des Neuen Marktes zwischen Rathaus und Marienkirche. Doch das Wiedererstehen des Schlosses mit barocker Fassade steigert 70 Jahre nach Kriegsende den Druck, dem alten Stadtkern eine seiner Bedeutung angemessene Gestalt zu geben. Torsten Kulke, Vorsitzender der Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden, sieht auch für Berlin ernsthafte Bürgerbeteiligung als Schlüssel zum Erfolg.

Wie ist Dresden das Großvorhaben historischer Wiederaufbau gelungen?

Mit langem Vorlauf und großer Beteiligung der Dresdner. Schon 1978 begann die Vorbereitung seitens der DDR-Führung, ein Herantasten an Varianten. 1981 gab es einen Wettbewerb mit Teilnehmern aus Ostblockländern, der erste Kriterien festlegte: Die Frauenkirche sollte wieder aufgebaut werden; es sollte Leitbauten geben, also zu rekonstruierende historische Gebäude, die den Neubauten Maß und Rahmen geben hinsichtlich der für Dresden typischen Fensterrasterung, der Traufhöhen, der First- und Dachgestaltung und der einzusetzenden Materialien. Das sind Voraussetzungen für ein einheitliches Erscheinungsbild. Die Leitlinien wurden vom Politbüro abgenickt.

Also von höchster Stelle. Wo blieben da die Dresdner?

Der Wettbewerb hatte gute Vorschläge gebracht, unter anderem sehr historisch geprägte aus Polen und Ungarn. Die wurden nicht genommen. Für einen Realisierungswettbewerb sprach man 1983 im Bezirk Dresden ansässige Teilnehmer an. Es gab drei Preise, ein vierter, stark historischer, kam von der TU Dresden. Alle wurden der Öffentlichkeit vorgestellt, und die Dresdner schrieben in die Gästebücher, der vierte Preis müsse der erste sein. Das war das Signal an die Stadt, in diese Richtung zu arbeiten.

Was sah der beliebte vierte Preis vor?

Die Totalrekonstruktion des Neumarktes – der Platzansicht wie der abgehenden Straßen. Allerdings wäre das alles im Rahmen des Plattenbauprogramms WBS 70 zu errichten gewesen. Eine Vorblende hätte die Form der alten Fassade aufgenommen, dahinter Plattenbau. Ein Zweischicht-System. Allerdings hat man die technologische Umsetzung nicht hinbekommen.

Gebaut wurde nicht ...

.. auch weil die 750-Jahr-Feier Berlins dazwischenkam. Die Hauptstadt sollte saniert werden, alle Kapazitäten wurden abgezogen, vor allem die für Altbausanierung notwendigen Handwerker. Dresden war überfordert. Man muss das auch im Kontext der 70er-Jahre sehen: Die DDR strebte nach internationaler Anerkennung, proklamierte die umfassende Aneignung des kulturellen Erbes. Man hat sehr genau den Aufbau der Ostzeile des Frankfurter Römers beobachtet.

Wie sähe Dresden aus, wären die damaligen Pläne umgesetzt worden?

Wie das Berliner Nikolaiviertel, in angepasster Plattenbauweise mit wenigen Leitbauten. Aus heutiger Sicht können wir froh sein, dass es anders gekommen ist.

Wie kam der Prozess in Gang, der zur jetzigen Bebauung führte?

1993 begann der Wiederaufbau der Frauenkirche. 1995 wollte eine große deutsche Bank große Grundstücke in der Nachbarschaft kaufen – und es gab für diesen speziellen Ort keine Gestaltungssatzung, kein Steuerungsinstrument. Nachdem die Architektenkammer Dresden auf die Pauke gehauen hatte, ließ die Stadt, ausgehend von den DDR-Vorarbeiten, acht Architektenbüros eine Gestaltungssatzung vorbereiten. 1995 gab es eine Vorlage. Die blieb dann bis 2002 beim Stadtrat liegen, bis schließlich ein städtebaulich-gestalterisches Konzept verabschiedet wurde, also eine Art Rahmenplan. Der Stadtrat meinte damals, man dürfe die Hürden für Investoren nicht zu hoch legen.

Wie wurden Investoren diszipliniert?

Es handelte sich überwiegend um städtische Grundstücke. Eine Gestaltungskommission sollte über die Abläufe wachen. Aber 1999 war der Eindruck stark, dass bestimmte Dinge in die falsche Richtung laufen. Es brauchte eine Bürgervereinigung als Korrektiv – in der Situation entstand die Gesellschaft Historischer Neumarkt. 2002 haben wir ein Bürgerbegehren angestoßen, das klar die Frage stellte: „Wollen Sie den historischen Neumarkt zurück?“ 63 338 Dresdner sagten Ja. Ein starkes Signal an die Politik.

Wie erklären Sie diesen Wunsch nach historischer Rekonstruktion?

In Dresden hat sich über die DDR-Zeit hinweg eine kulturelle Schicht erhalten, die das Bild des alten Dresden mit sich trug – auch in diktatorischer Zeit. Eine große Rolle spielte das Buch „Das alte Dresden“ von Fritz Löffler, gerade in 17. Auflage erschienen. Das besitzt hier jeder gut sortierte Haushalt. Die Dresdner wussten, was da gestanden hat. Und: Anders als Berlin hat Dresden kaum Bevölkerungsaustausch erlebt. Die Leute sind bodenständig, in einem positiven Sinne konservativ. Das war der Humus für den Wiederaufbau der Frauenkirche und jetzt des Neumarktes.

Es scheint, als hätten Architekten Probleme mit älteren Baustilen …

In Deutschland gibt es nur eine Hochschule, die auch Platzgestaltung, Stadträume, geschichtliche Zusammenhänge als Teil der Architektenausbildung lehrt – in Dortmund. Alle anderen Universitäten haben Schwierigkeiten mit der Geschichtsvermittlung. Baukultur ist ja viel mehr als Bauhaus, so wichtig das war. Aber die Bauhausgedanken sind verkommen, sodass wir heute diese Kastenarchitektur sehen. Wir hören von Fällen, dass ein junger Architekt dem Professor eine traditionalistische Fassade mit Dach vorlegt und deshalb eine schlechte Note bekommt. So wurde 60 bis 70 Jahre lang ausgebildet. Ohne Feingefühl für Ortsbezogenheit. So wie wir uns mit Musikstilen beschäftigen, müsste – schon in der Schule – gelehrt werden, dass es Romanik, Barock, Klassizismus, Renaissance usf. gibt. Fragen Sie mal auf der Straße, vor welcher Art Haus man steht – da kennen sich fünf Prozent aus. Ein Riesenmanko. Die Unwissenden sitzen an den Schaltstellen, in Ämtern, in der Politik …

Was raten Sie Berlin für die Bebauung der alten Mitte?

Auf jeden Fall muss eine Mehrheit das Vorgehen tragen. Ich könnte mir einen Wettbewerb vorstellen, an dem große Teile der Architektenschaft beteiligt werden, 20 bis 30 Büros – sowohl traditionalistische als auch modernistische. Dann die fünf bis sechs besten Vorschläge küren, mit einer ebenfalls paritätisch traditionalistisch-modernistisch besetzten internationalen Jury. Diese wären dann den Bürgern vorzustellen. In einer anschließenden Bürgerbefragung müsste sich dann ein Kandidat für den Wiederaufbau herausstellen. Ein aufwendiges Verfahren, aber der wichtigsten Stelle in Berlin angemessen. Da muss man längere Wege gehen. Die Bevölkerung muss entscheiden. Nicht die Eliten.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie sehen, wie rechte Ausländerfeinde die schöne Dresden-Kulisse missbrauchen?

Das Problem ist generell virulent, zumindest im Osten Deutschlands. Dass es sich in Sachsen so fokussiert, mag damit zusammenhängen, dass Dresden Schaufenster und Bühne ist – wir haben ja seit 1990 Enormes geleistet. Auch angesichts dessen schäme ich mich, dass gerade am 3. Oktober viele rumgepläkt haben – in völlig unangemessenen Worten. Ich wünsche mir, dass die Politik hinterfragt, warum das so ist und entsprechende Antworten darauf findet.

Das Gespräch führte Maritta Tkalec.