Berlin - Der Bus bremst unvermittelt, als ob ihm plötzlich klar wird, dass die Stadt hier endet und damit auch sein Einsatzgebiet. Ein paar Meter weiter, hinter dem Schild, auf dem „Berlin“ rot durchgestrichen ist, wäre er nur noch ein Linienbus aus der Stadt, der über eine Brandenburger Bundesstraße irrt. Aber kurz bevor die Marienfelder Allee zur B 101 wird und die Felder beginnen, rollt der 277er mit dem Ziel „Stadtrandsiedlung“ nach rechts in eine Haltebucht.

Die Stadtrandsiedlung liegt nicht am Stadtrand – sie ist der Stadtrand. Das hat sich nicht geändert, seit vor achtzig Jahren auf dem Acker Ziegel, Bretter und Werkzeug abgeladen und Häuser gebaut wurden, 134 Stück, jedes mit einem Garten drum herum. Anfang der Dreißigerjahre hatte sich für viele Menschen nicht erfüllt, was das Leben in der Großstadt zu versprechen schien, statt zur Arbeit gingen sie zur Armenspeisung, statt in einer ordentlichen Wohnung hausten sie in einem Loch im Hinterhof.

Ein paar von diesen Glück- und Hoffnungslosen spuckte die unter der Weltwirtschaftskrise ächzende Stadt jetzt wieder aus, an ihren Rändern sollten sie ein neues Leben beginnen. Ein unmoderneres, aber würdigeres Leben mit eigenem Dach überm Kopf, eigenen Hühnern im Stall und eigenem Gemüse im Garten. Mehrere Siedlungen für Erwerbslose und Kurzarbeiter wurden damals geplant, die erste hier, in Berlin-Marienfelde.

Von der Stadt und ihrem Lärm scheint die Siedlung immer noch nichts wissen zu wollen, der Weg hinein versteckt sich am Ende der Schallschutzwand, die sie von der vierspurigen Marienfelder Allee trennt. Dahinter stehen niedrige Häuser in gepflegten Gärten, sie sind schlicht, ihre bescheidenen Anfänge als Unterkunft für die Ärmsten würde man aber nicht vermuten.

Elefantengott im Vorgarten

Jeder Vorgarten offenbart ein anderes Konzept von Behaglichkeit, in einem wuchern Sommerblumen, ein anderer ist akkurat gestutzt, einen füllt ein Goldfischteich und einen anderen eine meterhohe Statue des indischen Elefantengottes.
Es ist still, bis auf die Art Geräusch, die sehr entspannend wirken kann, weil da, wo es entsteht, jemand eine kleine Idylle pflegt. Ein Rasenmäher. Das Surren eines Sprinklers. Nur zu sehen ist niemand. Dann öffnet sich zwischen zwei Häusern der Blick auf eine Wiese, und auf der stehen vier freundliche Menschen, die sich als Vorstandsmitglieder des Siedlervereins vorstellen. Am nächsten Wochenende, erzählt Schriftführer Frank Kasischke, ist Sommerfest, sie machen jedes Jahr eins, hier auf ihrer Wiese. Es ist viel zu tun, Getränke müssen bestellt, Essen und Tombolapreise organisiert werden.

Trotzdem nehmen sie sich die Zeit , vom Leben in der Siedlung zu erzählen. Viel später, am Ende der drei Stunden, die es dann geworden sind, versteht man auch, dass die Herzlichkeit kein Zufall war. Sondern Teil eines bemerkenswerten Zusammenlebens, das es hier, an Berlins südlichem Ende, zu entdecken gibt.

Die vier bitten ins Vereinshaus neben der Wiese, ein blockhausähnlicher Bau, der, wie die resolute Christa Wuttke erklärt, einst als Notunterkunft errichtet wurde: für die Siedlungsbewohner, auf deren Häuser 1943 eine Bombe gefallen war, die eigentlich das nahe gelegene Mercedes-Benz-Werk treffen sollte. Jetzt gibt es eine Bar und einen langen Tisch, über dem eine Discokugel hängt. Hier wird wohl öfter gefeiert? Gefeiert, Karten gespielt, zum Kaffeekränzchen und zum Frühschoppen eingeladen, ist die Antwort.

„So was ist wichtig“, sagt Nina Kasischke, Schatzmeisterin und Ehefrau des Schriftführers. „Für das Gemeinschaftsgefühl“, ergänzt Walter Tübke, „Das Gemeinschaftsgefühl fasziniert mich hier immer noch.“ Seit 20 Jahren wohnt er hier, aber in dem Satz klingt immer noch der Dazugezogene durch. Er ist eben nicht, wie viele andere, Enkel oder Urenkel einer der „Ursprungssiedler“, wie hier die genannt werden, für die die Siedlung einst gebaut wurde. Nina Kasischkes Urgroßeltern zum Beispiel. Und Christa Wuttkes Großeltern.

Alles aufheben können, was man braucht

Walter Tübke ist in Marienfelde aufgewachsen, aber als junger Mann wollte er nur weg, „ins Leben“. Das fand er in Kreuzberg, 1976 zog er hin, mit Anfang 20. Zehn Jahre später sagte er zu seiner Frau, nun könne er sich auch mal wieder etwas Ruhigeres vorstellen. Sie bewarben sich bei der Stadtrandsiedlung, die Walter Tübke noch von früher kannte, aber erst, als sie ein Kind hatten, rutschten sie auf der Warteliste nach vorn. Walter Tübke merkte bald, dass er nicht nur in ein Haus mit Garten gezogen war, sondern in eine Gemeinschaft. Wer zu viel Obst hatte, stellte es zum Mitnehmen vor die Tür, wer einen neuen Häcksler gekauft hatte, ließ die anderen ihn mitbenutzen, wer in den Urlaub fuhr, bat den Nachbarn, ein Auge aufs Haus zu haben, und wer was am Haus reparieren wollte, musste gar nicht erst in den Baumarkt fahren, weil irgendjemand das Nötige schon hatte.

Frank Kasischke lacht: „Die Mentalität, alles aufzuheben, was man irgendwann wieder brauchen könnte, hat sich hier erhalten. Ich hab ein halbes Haus in der Garage.“ Kasischke, Anfang 40, ist der zweite Zugezogene in der Runde und beobachtet das Siedlungsleben mit liebevoll-distanziertem Blick. Als seine Frau und er noch in Buckow wohnten, waren sie manchmal hier, um Nina Kasischkes Großeltern zu besuchen, die das Haus von den Urgroßeltern übernommen und nie viel verändert hatten. Wie eine Puppenstube sei es ihm beim ersten Mal vorgekommen, die kleinen Zimmer, die niedrigen Decken, die steile Treppe unters Dach, die mehr eine Leiter war. „Ich habe mich gefragt: Sind die Leute hier so klein?“ Im Garten standen hohe Tannen, die alles düster und das Haus noch kleiner wirken ließen, und es gab noch die Sickergrube aus der Zeit ohne Wasseranschluss. Sehr einfach sei alles gewesen, sagt Frank Kasischke, „und gleichzeitig anheimelnd.“

Aus der Not geborene Erfüllung

Als die Großeltern vor einigen Jahren starben, fragte Nina Kasischkes Vater das Paar, ob sie den Pachtvertrag übernehmen wollen. Die Häuser der Siedlung gehören den Bewohnern, die Grundstücke der Stadt. Beim so genannten Erbbaurecht kann man den Vertrag in der Familie weitergeben. Nina Kasischke fühlte sich in der Siedlung sowieso zu Hause, und ihr Mann, fürs Ingenieur-Studium aus einem kleinen Ort an der holländischen Grenze nach Berlin gekommen, vermisste das Ländliche. Ihnen gefiel der Gedanke, beides zu haben: Dorf und Großstadt. Sie haben dann gründlich umgebaut, von dem alten Haus blieb wenig mehr als die Fassade, sie haben die Tannen fällen lassen und den Garten neu bepflanzt.

Ob man das mal ansehen kann? Kein Problem, wenig später steht man auf akkurat gestutztem Rasen in einem Garten, dessen Größe von der Straße aus gar nicht zu erahnen war – die Siedler sollten genug Platz haben, um das für die Selbstversorgung Nötige anzubauen – und der sich elegant um das weiße Haus legt. Herr Lübke, der gleich nebenan wohnt, zeigt auch gern sein wild blühendes, fast verwunschen wirkendes Reich.

Auf dem Rückweg werden Nachbarn gegrüßt, nach dem Befinden der ältesten, 93-jährigen Siedlungsbewohnerin gefragt, und plötzlich wird einem klar, dass sich an diesem, einst aus der Not geborenen Ort eine Sehnsucht erfüllt, die viele Stadtmenschen an die Peripherie ziehen lässt. Nicht nur die nach eigenen vier Wänden und etwas Grün, sondern auch die nach einem überschaubaren und verlässlichen Miteinander, nach einer Gemeinschaft, in der man sich aufgehoben fühlt.

Zurück im Vereinshaus holt Christa Wuttke alte Fotos aus einer Tüte. Nachbarn, die wissen, dass die Geschichte der Siedlung sie interessiert, bringen ihr manchmal welche. „Sommerfest 1933“ steht auf der Rückseite eines Bildes, auf dem viele Mädchen in weißen Kleidern in die Kamera lächeln. „Da hatten sie alle ihre Kommunionskleider an“, sagt Christa Wuttke, „um sich fein zu machen, mit schicken Kleidern war ja nichts.“ Auf einem anderen Bild sitzen zwei Kinder und ihre Eltern vor dem neu erbauten Haus, das mit den Fensterläden, der Holzverkleidung und dem Stall für Hühner und Ziegen sehr ländlich aussieht. In den Gesichtern steht ein vorsichtiges Lächeln. Es gibt auch ein Foto, auf dem Männer aus Brettern ein Dach zimmern, hinter ihnen nur Feld, Bäume und Himmel.

Der Pioniergeist lebt weiter

Das besondere Gemeinschaftsgefühl der Siedlung hat vielleicht auch damit zu tun, dass der Pioniergeist, der aus diesem Foto spricht, nie ganz verschwunden ist. Man gewinnt der Natur ein Stück Land ab und übernimmt Verantwortung dafür und für die Menschen. Das hat sich bis heute nicht geändert, die Siedlungsbewohner müssen sich um jede Menge Dinge selbst kümmern, dass die Straßen in Ordnung sind, die Beleuchtung, das Abwassersystem. So steht es in den Pachtverträgen mit dem Land Berlin. Vieles machen sie selbst, es gibt zum Beispiel einen Lichtwart, der ist früher mit dem Eisen die Straßenlaternen hochgestiegen. Jetzt putzt er nur noch Graffiti weg.

Um all das zu organisieren, ist der Verein da. Einmal im Jahr kommt dann noch jemand vom Bezirksamt und kontrolliert, ob die Vorschriften eingehalten wurden. Es gibt viele Vorschriften, nicht alle leuchten den Bewohnern ein, sie reagieren mit manchmal über Jahre unentdeckt bleibendem Ungehorsam. Die Zäune zur Straße dürfen eigentlich nur 1,25 Meter hoch sein. Die Dächer müssen Satteldächer bleiben und mit roten Schindeln gedeckt sein. Die Fassaden müssen weiß sein. Vergrößern darf man die ursprünglich sechs mal acht Meter großen Häuser nur in Maßen. Weil nie viel verändert werden durfte, dokumentiert die Siedlung immer noch den konservativen Geist, aus dem heraus sie auch entstand: Sie war dörflich, rückwärtsgewandt, ein Gegenentwurf zu den Verführungen der Großstadt.

Die strikten Vorgaben stören manche Interessenten, es gibt noch eine Warteliste, aber sie ist nicht mehr so lang wie früher. Doch viele Häuser bleiben ohnehin in der Familie. So ist die Siedlung über die Jahre zu einem weitläufigen Bekannten- und Familienkreis geworden, mit teils betagten Mitgliedern. Frau Rochel zum Beispiel. „Mit Frau Rochel müssen Sie sprechen“, sagt Nina Kasischke, 85 sei sie und nie weggewesen. Jetzt gerade sei sie allerdings unterwegs, Kranzspenden sammeln für die Beerdigung eines Bewohners. Als Schatzmeisterin weiß Nina Kasischke das.

Das Leben kommt vorbei

Ein paar Tage später hat Frau Rochel Zeit. Aufrecht wartet sie am Gartenzaun, hinter ihr steht ein mächtiger Apfelbaum. Er hat mit ihr hier Wurzeln geschlagen; als sie hierherzog, war er ein zarter, frisch gepflanzter Baum. Marias Rochels Erinnerungen sind wie ein Fotoalbum, dessen Bilder vor allem ein Motiv haben, über achtzig Jahre hinweg. Wenn sie in den Garten sieht, sieht sie auch die drei Birnbäume, die zwei Pflaumen- und die zwei Kirschbäume, die jede Siedlerfamilie bekam und die schon vor langer Zeit gefällt wurden.

Schaut sie auf die schmale Straße vor ihrem Haus, tauchen Bilder auf von „der Meute“, den vielen Kindern, mit denen sie immer nach der Schule durch die Siedlung zog. Geht sie in ihre Küche, denkt sie an den Hühnerstall, der der kleine Raum mal war, und an die Puten, die hier Hühner- und Enteneier ausbrüteten. Weil man Puten auf alles setzen kann, sagt Maria Rochel.

Sie träumte von einer eigenen Wohnung, mit Anfang 20, als sie ihren Mann kennenlernte. Aber sie wollte ihre Mutter nicht alleinlassen, die da schon Witwe war und fast nichts zum Leben hatte. Also zogen sie bei ihr ein. Bald kam das erste Kind, dann das zweite, dann die anderen vier. Sechs Töchter. Maria Rochel ging nie in die Welt, aber das Leben ist zu ihr gekommen. Die Geschichte auch.

Sie erinnert sich an den Tag im August 1961, an dem hinter dem letzten Gartenzaun der Siedlung Stacheldraht ausgerollt wurde. Wenig später wuchs an der Stelle eine Mauer, und die Felder, auf denen sie sich als Kind so frei gefühlt hatte, waren weg.Die Marienfelder Allee war jetzt eine Sackgasse, auf der manchmal Kinder spielten, weil auf dem letzten Stück sowieso nur der Bus fuhr. Als im Frühjahr 1990 die zwei Straßenteile wieder verbunden wurden, stand die ganze Siedlung am Straßenrand und sah zu, wie die ersten Autos durchfuhren. Maria Rochel ist danach aber nicht oft auf die andere Seite gegangen. „Das war ja so lange nicht dagewesen“, sagt sie.

Den Mauerweg, der jetzt direkt an der Siedlung vorbeiführt, ist sie dann doch manchmal langgefahren, mit dem Fahrrad. Seit einer Knieoperation geht das nicht mehr. Einen Rollator hat sie jetzt, den lässt sie aber so oft wie möglich stehen. Sie will sich fordern, selbstständig bleiben. „Das Schlimmste wäre, wenn ich wegziehen müsste“, sagt Maria Rochel.