Berlin - Mit einer alten Postkarte fing alles an. Zu sehen ist darauf eine gelb geklinkerte Industriehalle in Oberschöneweide. In jenem Ortsteil, in dem die Familie von Marcus Schuster seit Jahrzehnten wohnt und arbeitet – und alte Postkarten sammelt. Die Sammelleidenschaft wurde sozusagen vererbt. Der 26-jährige Marcus Schuster hat daraus ein Buch gemacht. Auf 127 Seiten hat er die Geschichte seines Stadtteils dokumentiert. Er hat die Orte, die auf den alten Postkarten abgebildet sind, aus ähnlicher Perspektive noch mal fotografiert und den historischen Ansichten gegenüber gestellt. Entstanden ist die Chronik einer 130-jährigen Industrie- und Ortsgeschichte.

„Es ist mein Oberschöneweide, meine Heimat, wo meine Familie geboren wurde“, sagt Schuster, der selbst nicht mehr dort wohnt, aber viele Freunde hat. Sie alle verbindet nicht nur die industrielle Vergangenheit ihrer Heimat, sondern vor allem der Fußball. Ihr Verein, der 1. FC Union, hat in Oberschöneweide seine Wurzeln. Und seit 1920 auch sein Stadion. Schuster und seine Freunde feuern dort regelmäßig ihre Mannschaft an.

Ein weiterer Unionfan, der 73-jährige Unternehmer Jochen Lesching, hat Schuster zu dem Buch überredet. Mehr als einhundert alte Postkarten, aus der Familiensammlung, aber auch aus Beständen des Industriesalons, eines Industrie-Archivs, sowie des Köpenicker Heimatmuseums, sind darin zu sehen. Und die aktuellen Fotos der Straßenzüge, Schulen, Brücken, Ausflugslokale und Betriebe. Lesching, ein studierter Kulturwissenschaftler, der 1990 die Werbeagentur vierC gegründet hatte, sorgte dafür, dass innerhalb von nur vier Wochen das Buch fertig war. Die erste Auflage, 500 Exemplare, ist fast vergriffen. Marcus Schuster sagt: „Es ist toll, dass vor allem junge Leute interessiert sind. Sie wollen wissen, wie es früher hier war.“