Abends nach Lichtenberg. Spätabends zum Zoo. Nachts nach Prenzlauer Berg. Taxifahrer Rumen Milkow ist Jahr für Jahr viele tausend Kilometer in Berlin unterwegs. Er kennt diese Stadt und ihre Straßen. Hier erzählt der 50 Jahre alte Friedrichshainer, was ihn im Berliner Verkehr nervt – und freut. Und warum ein Taxifahrer auch einen Bildungsauftrag hat.

Radfahrer

Ich habe nichts gegen Radfahrer. Ich fahre selbst Rad, privat habe ich kein Auto. Ich habe auch nichts dagegen, wenn ein Radfahrer bei Rot fährt, solange er den Verkehr beobachtet, um zu sehen, wo Gefahren lauern.

Fahrradkuriere haben meist den richtigen Blick für so etwas, die machen mir als Taxifahrer keine Angst. Was mich nervt, sind die Radfahrer, die sich mit Kopfhörern zugestöpselt haben und freihändig fahren, weil sie eine Nachricht in ihr Handy eingeben müssen.

Diese Radfahrer finde ich unberechenbar und gefährlich. Bisher habe ich keinen Unfall mit einem Radfahrer gehabt, aber ich habe das Gefühl, dass das jederzeit passieren kann.

Fußgänger

Ich sehe immer mehr Menschen, die nur noch auf ihr Handy starren und für alles andere keinen Blick haben. Sie laufen über die Straße, ohne auf andere zu achten. Bei den Touristen ist der Anteil besonders hoch.

Ich finde das traurig: Sie sind so weit gereist und haben so viel Geld ausgegeben – nur um in Berlin auf ihr Smartphone zu starren und darauf herumzutippen. Das ist krank.

Baustellen

Früher habe ich im Taxi öfter mal einen Bauhelm aufgesetzt. Das war meine Art, gegen die vielen Baustellen zu protestieren. Heute lagern meine Helme zu Hause, aber es gäbe immer noch viele Gründe zu protestieren.

Es gibt zu viele Baustellen in Berlin, und ich habe weiterhin das Gefühl, dass es keine Koordination gibt, zumindest keine wirksame. Mich nervt die U-Bahn-Baustelle Unter den Linden. Wann kommen die da endlich mal zum Ende? Die Karl-Marx-Straße in Neukölln ist auch so eine Dauerbaustelle, auf der ich selten oder nie Arbeiter sehe.

Oder die Chausseestraße: Wann ist der Bundesnachrichtendienst fertig? Ich habe den Eindruck, dass es länger dauert, wenn die öffentliche Hand baut. Wenn ich die privaten Projekte bei mir in Friedrichshain sehe: Die werden viel schneller hochgezogen. Das ist ein Missverhältnis, das auffällt.

Unter den Linden

Ich habe nichts dagegen, dass der Senat diese Straße in eine Flaniermeile für Fußgänger umgestalten will. Ich kann mir aber vorstellen, dass da auch in Zukunft noch Taxis fahren werden, nur langsamer als heute. Allerdings finde ich, dass die neue Verkehrspolitik nicht zu Ende gedacht ist. Aus meiner Sicht würde dazu gehören, bei BVG und S-Bahn die Ticketpreise zu senken oder am Besten gleich den Nulltarif einzuführen.

Viele Berliner denken so wie ich, die haben auch kein eigenes Auto und nutzen den öffentlichen Verkehr, zu dem übrigens auch Taxis gehören. Bei den Leuten aus dem Umland ist das oft anders. Im Dezember will die Oma aus Hoppegarten unbedingt mit ihrer Karre am Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt vorfahren!

Ampeln

Ich hätte schon einige Vorschläge, wie man die Situation verbessern könnte. Zum Beispiel finde ich, dass die Ampeln besser aufeinander abgestimmt werden sollten. Damit müsste man sich mal grundsätzlich befassen. Das ist die Aufgabe von Politik und Verwaltung, da gibt es Leute, die dafür bezahlt werden. Sie sind für uns da, für das Gemeinwesen.

Blaue Plakette

Der Senat will erreichen, dass Dieselautos mit zu vielen Abgasen nicht mehr in die Innenstadt fahren dürfen. Das halte ich für sinnvoll! Wenn ich manchmal an der Ampel stehe und sehe, was da für Schwaden aus dem Auspuff vor mir herauskommen – dagegen muss wirklich etwas getan werden.

Ich weiß, dass ein großer Teil der Taxen in Berlin mit Diesel fährt. Sicher bekäme ein größerer Teil die Blaue Plakette nicht. Doch viele sind nicht lange im Einsatz, dann werden sie wieder verkauft.

Autos aus dem Umland

Grundsätzlich hat sich bei mir die Erkenntnis durchgesetzt, dass es immer auf den Fahrer ankommt. So sind jede Menge Fahrzeuge mit Berliner Kennzeichen unterwegs, bei denen ganz klar ist, dass der Fahrer keine Ahnung hat, was er tut oder wohin er will.

Umgedreht gibt es viele Verkehrsteilnehmer, die mit einem Fahrzeug unterwegs sind, das irgendwo anders zugelassen sind, die aber trotzdem ganz genau wissen, was sie tun.

Unabhängig davon habe ich viel Freude an den Abkürzungen auf den Kennzeichen „Land ohne Sonne“ für LOS oder „Bauer auf Reisen“ für BAR und so weiter. Die Vorurteile gegen solche Fahrer werden dann doch das ein oder andere Mal bestätigt.

Navigation

Ich bin Navi-Gegner. Ich will nicht, dass man die einfachsten Dinge verlernt – zum Beispiel, sich in Berlin zurechtzufinden. Als Taxifahrer hat man auch einen Bildungsauftrag. Darum lese ich in meiner Sendung „Hier spricht Taxi Berlin“ Berliner Straßennamen vor.

Der Sender heißt Pi Radio, das Studio befindet sich in einem Keller in der Lottumstraße. Pi kommt von Pirat, weil es irgendwann einmal ein Piratensender war. Meine nächste Sendung ist am 3. März.  Einen Blog habe ich auch: www.autofiktion.com.

Freuden

Der Straßenverkehr in Berlin kann schon nervig sein. Aber es gibt auch schöne Momente, vor allem in der Nacht. Nachts über die Frankfurter und die Karl-Marx-Allee auf den Alex mit dem Fernsehturm zuzufahren, das hat schon was. Oder über den Kudamm in der Adventszeit, wenn die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet ist! Dann habe ich immer eine Weihnachts-CD dabei. Berlin ist meine Stadt!