Dieses Hindernis lassen sich Roland Stimpel und Peter Struben nicht bieten. Kurz entschlossen schwingen sie sich über das Gitter, das Fußgänger zu Umwegen zwingt. Doch die Aktivisten vom Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS) wissen, dass solche Klettertouren nicht jedermanns Sache sind. Eltern mit Kinderwagen und Senioren müssen auf jeden Fall weitere Wege laufen.

Deshalb ist die Forderung klar: „Rettet den Gehweg! Die Gehwege müssen wieder den Fußgängern gehören. Klettergitter, Stolperfallen, Kneipen-Slalom und Ampel-Umwege: All das, womit sich Berlin bei Bewohnern und Besuchern blamiert, muss weg“, sagt Roland Stimpel, Sprecher des Verbands.

Die Kletteraktion an der Kreuzung Geschwister-Scholl-Straße/ Am Weidendamm in Mitte war Start der Kampagne für freie Gehwege – aber auch ein Auftakt zum Zweiten Deutschen Fußverkehrskongress, der ebenfalls am Donnerstag nahebei in der Kalkscheune begann. Die FUSS-Leute freuen sich, dass der Kongress namhafte Veranstalter hat, allen voran das Umweltbundesamt, das Umweltministerium und das Land Berlin. Die Fußgängerlobby braucht Unterstützung. Zwar gibt es den Verband bereits seit 1985, damals wurde er in Berlin gegründet. Aber er hat nur rund 700 Mitglieder.

Nur noch Tempo 30 in der Stadt

Fußgänger sind die größte Randgruppe, sagt Stimpel. Fast 100 Prozent der Menschen bewegen sich zu Fuß, keine Fortbewegungsart hat in Berlin einen größeren Anteil an den zurückgelegten Wegen – „doch in Politik und Planung spielen wir kaum eine Rolle“, grollt Stimpel. Liegt es daran, dass die deutsche Autoindustrie jährlich Umsätze von 180 Milliarden Euro verbucht, die Schuhindustrie aber nur acht Milliarden Euro?

Bei der neuen Kampagne „Rettet den Gehweg“ lautet eine Forderung: 60 Euro Bußgeld für Radfahrer, die auf Gehwegen in die Pedale treten, und für Kraftfahrer, die dort Autos parken. Diese Störer und Gefährder sollten mindestens wie Schwarzfahrer behandelt werden. Wer als Gehwegradler erwischt wird, muss heute nur 15 oder 25 Euro zahlen – je nachdem, ob jemand gefährdet wird. In Frankreich fällt die Bestrafung rigoroser aus: 135 Euro Bußgeld. Darum gebe es dort weniger Falschparker und Radfahrer auf den Gehwegen.

Eine andere FUSS-Forderung: Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts – Karlsruhe habe sich bereits dafür entschieden. „Fährt ein Auto einen Fußgänger mit 50 Kilometern pro Stunde an, dann ist die Todeswahrscheinlichkeit mehr als viermal so hoch wie bei 30“, so der Bundesvorsitzende Arndt Schwab.

„Lieber ein giftgrüner Totenkopf“

Noch eine Forderung: „Ampelschaltungen müssen so berechnet werden, dass Fußgänger von einer Bordsteinkante zur anderen höchstens 90 Sekunden lang unterwegs sind“, so Stimpel. In Berlin, wo Fußgänger oft auf Mittelstreifen warten müssen, sind es nicht selten drei Minuten.

Der Senat müsse zudem endlich die Weichen dafür stellen, dass Unter den Linden fußgängerfreundlich gestaltet wird. Wenn die U-Bahn-Baustelle 2020 abgebaut wird, gebe es die Chance, die Straße umzugestalten: mit einem durchgehenden Mittelstreifen zum Flanieren. Autos dürften ihn zwar queren – „ auf aufgepflasterten Überwegen. Doch sie sind nur zu Gast“, sagte Stimpel.

Doch die von Rot-Rot-Grün vereinbarte Umgestaltung ist in weiter Ferne. „Es ist beabsichtigt, noch 2018 eine Verkehrsstudie in Auftrag zu geben, um die verkehrliche Wirkung der Umgestaltung verschiedener Straßen und Plätze im Bereich Unter den Linden/ Humboldtforum zu untersuchen, um so ein Gesamtkonzept für den Bereich erstellen zu können“, sagte Matthias Tang, Sprecher der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne).

Günthers Verwaltung wird auch zu einem anderen Thema bald Post von FUSS bekommen. „Der grüne Pfeil zum Rechtsabbiegen an Ampeln ist gefährlich, meist illegal und nutzlos“, sagt Peter Struben, der dazu eine Studie erstellt hat. „Wo er hängt, sollte besser ein giftgrüner Totenkopf aufs Blechschild.“ Kaum jemand halte an und beachte den querenden Fuß- und Radverkehr, bevor er rechts abbiegt, so Struben. Grünpfeile schaffen Gefahrenstellen: „Sie müssen weg – auch in Berlin.“