Wusterhausen - Ein kurzes Signal ertönt, die Türen des Kleinbusses schließen sich. Kay Stilt stellt an einem Schalter gleich neben den Türen auf Automatikbetrieb um. Es folgt noch ein Klingeln wie von einem Glöckchen einer alten Tram, dann rollt das kleine Gefährt sanft an auf der Neuen Poststraße von Wusterhausen/Dosse (Landkreis Ostprignitz/ Ruppin). „Jetzt fahren wir völlig autonom im normalen Stadtverkehr“, sagt Kay Spilt, der im Mittelraum des Busses zwischen zwei Sitzreihen mit je drei Plätzen steht.

Der Busfahrer der Ostprignitz-Ruppiner Personennahverkehrsgesellschaft begleitet die Jungfernfahrt des ersten automatisierten Stadtbusses in Brandenburg, die am Donnerstag ein neues Kapitel in der Entwicklung autonomer Verkehrssysteme einläutete.

Es ist deutschlandweit das erste Fahrzeug, das sich selbstständig im normalen Straßenverkehr bewegt. Kay Spilt ist daher auch kein Busfahrer mehr, seine neue Berufsbezeichnung lautet Operator.

Erster autonomer Bus in Brandenburg: 15 Kilometer pro Stunde

Nach rund zwei Jahren Vorbereitungszeit ist das futuristisch anmutende Elektrofahrzeug, das ohne Führerstand und Lenkrad daherkommt, im Linienverkehr der brandenburgischen Kleinstadt unterwegs. Es ist mit einem Softwaresystem und Sensoren ausgestattet, die es wie auf Schienen zwischen Marktplatz, Rathaus und Bahnhof mit einer Geschwindigkeit von 15 Kilometer pro Stunde auf Spur halten. 

Da es aber rechtlich in Deutschland noch nicht gestattet ist, fahrerlose Autos oder andere Fortbewegungsmittel auf öffentliche Straßen zum Einsatz zu bringen, wird das High-Tech-Gefährt von einem Operator wie Kay Stilt kontrolliert.

Mittels einer Fernbedienung, die ihm wie ein Bauchladen vor der Brust hängt, kann er jederzeit eingreifen oder auch ganz auf manuellen Betrieb umstellen.

Steht zum Beispiel ein geparktes Auto zu weit im Straßenraum oder versperrt ein Müllfahrzeug den Weg, dann bremst der Bus selbstständig ab und Kay Spilt greift nach seinem Joystick, um das Hindernis selbst zu umschiffen.

Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin fahren mit 

Er hat wie weitere Kollegen seines Betriebes Schulungen des französischen Herstellers EasyMile belegt, um das System aus Kartennavigation, Lokalisierung und Hindernismanagement halbwegs zu verstehen und im Ernstfall reagieren zu können. „Das ist schon eine spannende Sache, dass ich hier in meiner kleinen Altstadt mit so einem hochmodernen Teil unterwegs bin“, sagt der Wusterhauener.

„Aber man muss schon noch höllisch aufpassen und immer in der Lage sein, auf Fußgänger, Radfahrer oder auch überholende Fahrzeuge reagieren zu können.“ Auf Sicherheit legen die Protagonisten des vom Bund mit mehr als 1,5 Millionen Euro geförderten Modellprojekts höchsten Wert.

Neben dem lokalen Verkehrsbetrieb und dem französischen Fahrzeughersteller sind das Land Brandenburg, die kommunalen Behörden und Wissenschaftler der Technischen Universitäten Berlin und Dresden mit an Bord. 

Sie alle erhoffen sich von der nun anstehenden Testphase von rund einem Jahr nicht nur vielfältige Erkenntnisse aus dem unmittelbaren praktischen Betrieb, sondern auch eine Weiterentwicklung der Technik, die der Mobilität auf dem Land einen neuen Schub geben soll.

Autonomer Bus in Brandenburg: 3,5 Kilometer und 17 Haltestellen

„Wir stehen noch am Anfang, noch geht es darum, das Manövrieren auf Parkplätzen oder auf Kopfsteinpflaster zu perfektionieren“, sagt Forschungsleiter Thomas Richter. 

„Aber es ist schon unser Ziel, hier in der Prignitz innerhalb des nächsten Jahres die längste autonom bzw. hochautomatisiert betriebene Shuttlestrecke in Deutschland aufzubauen.“

Schon in wenigen Wochen sollen ein Supermarkt und auch ein etwas abseits gelegenes Wohngebiet mit angeschlossen werden. Dann beträgt die Teststrecke rund 3,5 Kilometer, auf der 17 Haltestellen angefahren werden.

Als der Bus nach einer seiner ersten Runden wohlbehalten wieder am Marktplatz hält, klopft Fahrgast Hartmut Hanke dem Operator Kay Spilt anerkennend auf die Schulter.

„Das ist die Zukunft, davon bin ich überzeugt“, sagt der 78-Jährige, der im Nachbardorf Holzhausen wohnt und zum Start des Probebetriebes extra auf den Marktplatz von Wüterhausen gekommen ist. „Vielleicht erlebe ich es ja noch, dass ich mir so einen Bus zu meinem Haus hinterm Feld bestellen kann. Ich glaube, dass ist bald wirklich kein Traum mehr.“