Stadtverkehr: „Parken wird in Berlin in Zukunft sehr teuer sein“

Berlin wächst, Jahr für Jahr sind immer mehr Menschen in der Stadt unterwegs. Wie wird Berlins Verkehr in Zukunft aussehen? Wird die Stadt einfach nur voller sein – oder ändern sich auch die Verkehrsgewohnheiten? Es wird sich einiges verändern, sagt der Mobilitätsforscher Andreas Knie. Für Berlins Autohalter hat er schlechte Nachrichten.

Ich will mit Ihnen um eine Kiste Pfälzer Wein wetten. Wetten, dass sich der Berliner Verkehr 2036 kaum vom heutigen unterscheidet: zwar mehr Radfahrer, aber immer noch viele Autos?

Ich wette in Teilen dagegen. Ich sage: 2036 wird Berlins Verkehr anders aussehen. So wird der innerdeutsche Flugverkehr größtenteils verboten sein. Weil allen klar ist, wie sehr dieser die Umwelt mit Lärm und Schmutz belastet. Und: Er rechnet sich für die Airlines nicht, weil die Schnellbahn Berlin – München in Betrieb sein wird. Für diese Distanz braucht der ICE künftig knapp vier Stunden, im Vergleich dazu bietet das Flugzeug fast keinen Zeitvorteil mehr.

Wird der private Autoverkehr auch verboten?

Auch in 20 Jahren werden Familien in Kaulsdorf oder Kladow nicht ohne ein eigenes Auto auskommen. In der 4,6-Millionen-Einwohner-Stadt, die Berlin dann sein wird, werden am Stadtrand weiterhin viele Autos stehen, über die Privatleute eigentumsrechtlich verfügen. Doch in der Innenstadt wird es solche Autos nicht mehr geben. Dort werden wir nur noch Car-Sharing-Fahrzeuge haben, und sie werden alle batterie-elektrisch fahren.

Die Kaulsdorfer und Kladower wollen auch in Zukunft mit ihren Autos in die Innenstadt.

Das werden die Stadtrandbewohner immer weniger tun, denn wer von draußen kommt, wird sich eine private Tiefgarage, einen privaten Parkplatz suchen müssen, um das Auto in der Stadt abzustellen. Besser ist es daher, mit dem öffentlichen Verkehr, zu Fuß oder per Fahrrad ans Ziel zu gelangen. Dieses Modell bedeutet, dass insgesamt etwas weniger Auto gefahren wird. Dessen Anteil an allen in Berlin zurückgelegten Wegen wird von heute 28 auf vielleicht 20 Prozent zurückgehen. Die Marktanteile der BVG, der S-Bahn und der DB werden aber nur leicht steigen, der große Gewinner wird das Fahrrad sein.

Warum werden, warum sollen Privatautos in der Innenstadt kaum noch eine Rolle spielen?

Erstens: Weil wir genug andere Autos haben. Die Zahl der Car-Sharing-Autos in Berlin wird sich mindestens verfünffachen – von heute rund 3 000 auf mehr als 15 000, wahrscheinlich sogar 20 000. Auch die Bike-Sharing-Flotte wächst, in 20 Jahren werden mehr als 100 000 Fahrräder auf Berlins Straßen zur Nutzung bereitstehen. Jeder, der sich in der Innenstadt bewegen will, wird dies tun können, ohne ein eigenes Auto vorzuhalten. Ein eigenes Auto haben die Menschen heute nur deshalb, weil Autos im öffentlichen Straßenraum privilegiert werden und weil Parken vielerorts nichts kostet. Künftig wird es viel teurer sein, kostbaren Raum mit Privatautos zuzustellen. Parken wird in Zukunft sehr teuer sein. 2036 werden wir in Berlin eine Parkraumbewirtschaftung haben, die diesen Namen verdient. Car-Sharing-Autos werden dagegen weiterhin kostenlos parken.

Ein Politiker, der solche Ziele verfolgt, würde abgewählt und aus der Stadt gejagt.

Das wäre vielleicht tatsächlich so – aus heutiger Sicht. Doch wir haben einen guten Nahverkehr und eine verdichtete Siedlungsstruktur. Da wirkt es zunehmend absurd, ein eigenes Auto zu haben. Seit geraumer Zeit beobachten wir bei vielen Berlinern ein Umdenken. Nicht nur in rotgrünen Milieus verzichten viele auf ein eigenes Auto, weil immer mehr Menschen wissen, wie sehr es die Stadt belastet – und weil Alternativen bereitstehen.

Zur jetzigen Politik gehört es, dass die A 100 nach Treptow verlängert wird. Später soll die Autobahn sogar bis nach Lichtenberg führen.

Derzeit haben wir immer noch eine Fixierung auf das Auto. Doch das wird sich innerhalb der nächsten fünf Jahre verändern. Zum einen wird die Kritik am Privatauto immer stärker. Zum anderen wird im Zeichen der Schuldenbremse künftig viel restriktiver als heute geprüft, ob und wie viele Milliarden Euro in Straßenneubauten investiert werden können. Diejenigen, die bestehende Straßen schlauer nutzen wollen, werden im Vorteil sein – diejenigen, die in Berlin die A 100 fortführen wollen, dagegen nicht. Ob die A 100 wirklich über Treptow hinaus bis Friedrichshain und Lichtenberg verlängert wird, steht noch nicht fest. Dieses Projekt wird mit Sicherheit auf den Prüfstand gestellt. Ich glaube nicht, dass diese Autobahn je gebaut wird.

Radfahrer wollen die Politik per Volksentscheid ändern. Was meinen Sie: mit Erfolg?

Der Volksentscheid mobilisiert offenkundig. Das Problem: Er kann scheitern. Und der Gesetzentwurf, um den es geht, ist sehr kompliziert. Es sollte nur um eine Frage gehen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann. Doch egal, wie das Ganze ausgeht: Auch in Berlin wird das Fahrrad immer mehr Raum in Anspruch nehmen. Das geht natürlich nur, wenn man dem Privatauto Platz wegnimmt. Der Keim dieses Wandels ist in Berlin schon gelegt. Nun muss die Saat aufgehen – mit den entsprechenden Rahmenbedingungen, mit mutigen verkehrspolitischen Visionen.

Ist das nicht undemokratisch? Ich habe den Eindruck, dass die Autonutzung zunimmt.

Ihre Aussage wundert mich. Wir sehen es bei den Menschen, die nach Berlin ziehen. Sie sind bereit, auf ein eigenes Auto zu verzichten, weil sie schlicht keins brauchen.

Heute ist viel von Elektroautos die Rede, von Google-Mobilen, selbst fahrenden Autos. Werden diese Visionen 2036 in Berlin Alltag sein?

Ich bin mir sicher, dass in 20 Jahren auch in Berlin autonomes Fahren Realität ist – in der Form, dass beispielsweise Abschnitte der A 100 oder Fahrstreifen auf Hauptstraßen wie der Straße des 17. Juni oder der Karl-Marx-Allee dafür vorgehalten werden. Dann wird es „Straßen-Bahnen“ geben, auf denen die neuen Systeme auf eigenen Fahrspuren genutzt werden können. Das wird kein Science-Fiction sein, sondern ganz normal. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass in zwei Jahrzehnten der gesamte Verkehr mit autonom fahrenden Autos bewältigt werden kann.

Selbstfahrende Autos bringen mich unkompliziert und computergesteuert von A nach B: Werden BVG und S-Bahn da nicht überflüssig?

Wir werden 2036 kein Personenbeförderungsgesetz mehr haben. Dieses Gesetz, das viele Innovationen unmöglich macht, wird bis dahin abgeschafft. Für die Orchestrierung und die Steuerung des Verkehrs wird es aber auch künftig öffentliche Verkehrsunternehmen wie die BVG geben. Sie werden die Internet-Plattformen betreiben, auf denen Menschen, die von A nach B kommen wollen, mit Mobilitätsanbietern zusammengebracht werden. Die Verkehrsunternehmen wandeln sich von Fahrzeug-Bereitstellern zu digitalen Dienstleistern, gleichsam zu öffentlichen Dispatchern. Fahrpläne oder Ticketautomaten wird es auch nicht mehr geben. Keiner wartet mehr auf einen Bus. Man fährt mit dem, was gerade da ist.

Heißt das: Wenn jemand in Berlin Auto fährt, darf er künftig andere für Geld mitnehmen?

Genau! Ganz einfach. Die Internet-Plattform, von der ich sprach, macht es möglich. Der öffentliche Verkehr wird privat, und der private Verkehr wird öffentlich. Künftig muss man für gewerbliche Transporte nicht mehr wie heute eine Lizenz haben. Auf stark nachgefragten Strecken wird es natürlich auch künftig gebündelte Verkehre geben, auch in 20 Jahren werden U-, S-, Straßenbahnen und Busse durch Berlin fahren. Doch schon jetzt haben wir keine ausgeprägten Stoßzeiten mehr, in der 24-Stunden-Gesellschaft verteilt sich der Verkehr über den ganzen Tag.

Warum gibt es nicht mehr Elektroautos?

Heute, 2016, macht das auch in Berlin keinen Sinn, weil es viel zu teuer ist. Und der Berliner Senat bekennt sich noch nicht wirklich zur Elektromobilität. Doch für mich ist klar: Das E-Auto wird kommen. In den Köpfen der Menschen gilt das elektrische Fahren als moderne und zeitgemäße Form der Fortbewegung. Die Kraft der Vernunft lässt sich nicht zurückdrängen. Aber natürlich braucht es dazu eine mutige Verkehrspolitik, auch und gerade in Berlin. Oder wir bekommen Verhältnisse wie in São Paulo. Die Zukunft gehört der intelligent vernetzten Elektromobilität.

Sie glauben also, dass Sie die Wette gewinnen.

Wie gesagt: zur Hälfte ja.