Berlin bleibt Berlin. Leipzig wird’s nicht, wie schon seit Jahren orakelt wird, Pegida-Dresden erst recht nicht. So cool und anarchisch wie das Berlin der 90er ist Sachsen einfach nicht. Punkt. Und Warschau? Die nächste Stadt der Begierde für Kreative und Partyvolk aus aller Welt?

Wem die Mieten in Berlin-Neukölln mittlerweile zu hoch sind und wer seinen Blick deswegen hoffnungsvoll nach Osten richtet, dem sei gesagt: Die polnische Hauptstadt ist keine wirkliche Alternative. Warschau ist nicht nur gemessen an den polnischen Gehältern, die immer noch nur einen Bruchteil dessen betragen, was durchschnittlich in Deutschland gezahlt wird, eine teure Stadt; Kaffee und Bier kosten so viel wie in Berlin und auch die Mietpreise in vielen Nachbarschaften sind bereits auf einem Berliner Niveau.

Nicht das neue Berlin - besser!

Warschau also ist nicht das neue Berlin. Trotzdem ist die Stadt an der Weichsel aufregender und zumindest für ein paar Tage oder Wochen das richtige Ziel für leidgeplagte Berliner, die die Schnauze voll davon haben, dass in der deutschen Weltstadt im Wartestand jedes Problem und jeder Dreck romantisiert wird. Beispiel: Berlin ist so schön schmutzig und unaufgeräumt. Ja, sicher. Und sexy zu sein, Herr Wowereit, rechtfertigt nicht etwa Armut – auch die gibt es in Berlin. So schön arm hier.

Dreck als Lebensstil

Das polnische Internetmagazin Foch! schreibt dazu, dass in Berlin der Dreck zum Lebensstil erhoben worden sei. Und wenn Zugereiste damit Probleme haben, dann bekommen sie Ärger mit Wolfgang Thierse. Der Bundestagspräsident a.D. machte schon mal seinem Ärger über schwäbische Lebensart in Berlin Luft.

In der Hauptstadt gleichen Rasenflächen abgewetzten Bolzplätzen, der Alex im Herzen der Stadt ist ein architektonischer Unort, die U-Bahnen riechen bisweilen wie U-Bahntoiletten. Aber das ist okay, sagen viele, so ist das in der Großstadt; der Görli sieht aus wie eine Marslandschaft, der Alex versprüht sozialistischen Charme in Beton und New Yorks Subway stinkt schließlich auch.

Mut zum Neuen

Die beiden Warschauer Metro-Linien sind aufgeräumt und sauber und die Fahrgäste haben Platz. Im Stadtzentrum beweisen Politik und Architekten Mut und arbeiten am neuen Gesicht der polnischen Hauptstadt: Hochhäuser wachsen in den Himmel, es wird allerorten saniert und gepflastert. In Berlin? Mut? Fehlanzeige. Ob die Hochhausprojekte am Alex je realisiert werden, ist nicht klar. Der einst visionäre Kollhoff-Plan ist vom Tisch. Stattdessen baut man ein preußisches Schloss wieder auf. Chapeau!

Interessanterweise hört man vor allem von Neuberlinern, wie schön chaotisch, rau und dreckig es sei an der Spree, am Kanal, im Mauerpark, innerhalb des Rings, überall eben. Das hat etwas von Elendstourismus, derselbe Schlag Mensch, der so spricht, reist „on a shoestring“ durch Indien und erzählt dann, zurück in Europa, die Menschen dort seien zwar arm, aber sehen trotzdem ganz glücklich aus. Hallo Berlin!

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