Auf Abstand am Zaun: Horst und Margrit Radke.
Foto:  Volkmar Otto

NeuruppinDer Zaun ist die Grenze, das Tor ist verschlossen. Normalerweise ist es geöffnet, lässt Besucher hinein, die mit ihren Verwandten spazieren gehen wollen. Der Zaun ist nur 1,50 Meter hoch. Man könnte hinüberklettern – vom Parkplatz in die weitläufige Grünanlage des Seniorenhauses „Am Fontaneplatz“ im brandenburgischen Neuruppin. Dort gibt es Bänke und sogar einen Teich mit Fischen, die von den Bewohnern gefüttert werden können.

Doch Horst Radke klettert nicht über Zäune. „Nicht mehr in meinem Alter“, sagt er und lacht. Aus dem Kofferraum seines Autos holt Radke einen gepolsterten Klappstuhl, den er vor den Zaun stellt. Es ist 15 Uhr an diesem sonnigen Apriltag. Horst Radke wartet mit Blumen in der Hand. Er wartet auf seine Frau, die auf der anderen Seite des Maschendrahts erscheinen müsste.

Es sei ein bisschen wie ein Date, sagt Radke. Ein Date, das an einem Zaun endet. Mittlerweile jeden Tag. Also dann, wenn die Sonne scheint. Die Pfleger im Heim nennen Horst Radke mittlerweile Romeo. Weil er täglich mit Blumen zum Heim kommt – obwohl Besuche in diesen Zeiten untersagt sind. Seiner Frau haben sie den Spitznamen Julia gegeben, weil sie sehnsüchtig auf ihn wartet. Auf dem Balkon. Oder am Zaun. Romeo und Julia – wie in der Shakespeare-Tragödie lieben sie sich, doch sie kommen nicht zusammen. Zumindest nicht ganz. Weil in Viruszeiten Abstand herrschen muss.

Margrit und Horst Radke sind 85 und 87 Jahre alt und seit 64 Jahren verheiratet. Sie haben zwei Kinder. Seit drei Jahren lebt Margrit Radke in dem Heim. Sie konnte nach einem Sturz und der darauffolgenden Operation nicht mehr laufen. Seitdem ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Horst Radke versichert, dass er seine Frau durchaus noch ein oder zwei Stufen hochtragen könnte. Aber nicht die 24 Stufen, die zu ihrer Wohnung führen.

Das Seniorenhaus ist ein freundlicher, zweigeschossiger Neubau. Nebenan gibt es einen Bioladen, vor dem Heim eine Bushaltestelle. 64 Frauen und Männer leben in der Einrichtung, 90 Prozent der Bewohner leiden an einer Demenzerkrankung.

Als das Coronavirus auch in Deutschland zu grassieren begann, gehörten die Senioren- und Pflegeheime zu den ersten Einrichtungen, in denen Besuche auch von engsten Angehörigen verboten wurden. In den Heimen leben betagte Frauen und Männer mit Vorerkrankungen. Sie haben ein sehr hohes Risiko, mit dem Coronavirus infiziert zu werden und daran auch zu sterben.

Seit vier Wochen gilt das Besuchsverbot auch für das Seniorenhaus „Am Fontaneplatz“, das zum Arbeiter-Samariter-Bund gehört. Seitdem muss auch Horst Radke draußen bleiben. Als es noch kalt war, wurde Margrit Radke auf einen überdachten Balkon im Obergeschoss geschoben, um mit ihrem Mann, der vor der Tür stand, zu sprechen. Ihm zu winken und zumindest eine Kusshand zu schenken. Er brachte ihr Blumen aus dem Garten mit. Die Schwestern kamen mit Mundschutz und Handschuhen heraus und nahmen Horst Radke vor der Tür die Blumen und die kleinen Mitbringsel ab, die für seine Margrit bestimmt waren.

Seit das Wetter besser geworden ist, die Sonne scheint, trifft sich das Ehepaar am Zaun. Margrit Radke ist dabei in eine Decke gekuschelt, sie trägt eine warme Mütze. Am Zaun ist es schön, doch der Wind pfeift ungemütlich. Manchmal bringt die Betreuerin Kaffee mit.

Der Zaun – er ist die rote Linie, die den Austausch von kleinsten Zärtlichkeiten verhindert: ein Streicheln, ein In-den-Arm-Nehmen, einen Kuss. Mindestens eineinhalb Meter Abstand müssen die Radkes an dieser roten Linie halten. Das ist schwer – für beide. „Aber es ist schön, dass wir uns trotzdem sehen können“, sagt Horst Radke.

„Seit dem Besuchsverbot müssen wir diese rote Linie einhalten“, sagt Jörg van Riesen. Er ist ein großer Mann, der sympathisch daherkommt, einer, der glaubhaft klingt und sich entschuldigt, als er erklärt, dass er nichts für diese Verordnung könne. Van Riesen ist der Heimleiter. Der 56-Jährige betreut zwei Heime des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) in Neuruppin. In keinem der beiden Häuser sei bisher ein Coronafall aufgetreten, sagt er. Plätze in diesen Häusern seien begehrt, aber man lasse mittlerweile zwei, drei Zimmer frei – für den Fall der Fälle.

Dass es bislang noch keine Covid-19-Erkrankung in den beiden Heimen gebe, nennt van Riesen einen Zufall. Sie hätten zu wenig Schutzausrüstung, und es sei nur noch eine Frage der Zeit, wann es erste Infizierte gebe. Und dann Zustände erreicht würden wie in einem Heim in Wolfsburg, in dem zahlreiche Bewohner an Covid-19 starben. „Wir bekommen keine Schutzausrüstung, wir werden nicht getestet. Ich verstehe das nicht.“

Jörg van Riesen spricht besorgt über seine 70 Mitarbeiter im Seniorenhaus „Am Fontaneplatz“. Aber auch über die Bewohner. Den Frauen und Männern fehlten die sozialen Kontakte, die Besuche ihrer Kinder, Enkel oder Ehepartner, sagt er. Viele Heimbewohner verstünden auch nicht, warum sie nun plötzlich niemand mehr besuche. Van Riesen zeigt auf einen Mann, der im Vorgarten neben dem Zugang des Heims steht. „So sieht der Besuch eines Sohnes bei seiner pflegebedürftigen Mutter aus“, sagt der Heimleiter. Die alte Dame, die im Heim wohnt, hat das Fenster ihres ebenerdigen Zimmers auf Klapp gestellt, um mit ihrem Sohn zu sprechen.

Der Tagesablauf in dem Heim hat sich radikal geändert. In den Speiseräumen darf nur noch ein Bewohner pro Tisch sitzen. „Die meisten Frauen und Männer werden jetzt in ihren Zimmern versorgt“, sagt van Riesen. Auch die täglichen Besprechungen des Pflegepersonals fänden nunmehr nur noch mit einer begrenzten Teilnehmerzahl statt.

Viele der täglichen Aktivitäten im Heim fallen weg. Zwar gebe es noch eine Zeitungsschau, und es werde auch noch zu viert gebacken und gemalt. Doch auf das Ballspielen und das gemeinsame Singen müsse verzichtet werden. „Und auch auf die tägliche Bingorunde, die von unseren Bewohnern sehr gerne genutzt wurde“, sagt van Riesen.

In dem Seniorenhaus arbeiten die Betreuer und Pflegekräfte nun in kleinen Gruppen. „Wir passen auf, dass sich in einem Raum höchstens fünf Personen aufhalten“, sagt der Heimleiter. Jetzt müsse sich ein Betreuer um vier Heimbewohner kümmern. Üblich seien zehn. „Wir haben, wenn man so will, Glück im Unglück, dass die beiden Tagespflegen in der Stadt schließen mussten und die vier Mitarbeiter uns in unseren beiden Heimen unterstützen können.“ Gut sei das auch für diese Mitarbeiter, die nun nicht in Kurzarbeit gehen müssten. 

Doch was ist Glück in diesen Zeiten? Die 70 Mitarbeiter in dem Heim haben keine Schutzausrüstung, die Gesichtsmasken haben sie sich selbst genäht, von Angehörigen oder befreundeten Unternehmen bekommen. „Wir haben schon sehr früh einen Bedarf an Schutzmasken angemeldet“, sagt Katrin Köppen, Geschäftsführerin des ASB in Neuruppin, und Tausende davon geordert. Doch vom Gesundheitsamt des Kreises sei keine Antwort gekommen. Über Facebook und andere Social-Media-Kanäle konnten schließlich ein paar Schutzmasken bestellt werden.

Katrin Köppen sagt, sie verstehe, dass erst Krankenhäuser mit Schutzutensilien ausgerüstet werden müssten. Doch sie beschreibt auch das Dilemma vieler Heime. „An die Alten- und Pflegeeinrichtungen denkt keiner“, sagt Katrin Köppen. Sie seien die Letzten, die Schutzausrüstung bekämen.

Nach all den Wochen beschleiche sie mittlerweile eine Ahnung, dass die Gefahr bewusst in Kauf genommen werde, fügt die Geschäftsführerin hinzu. „Die Politik schaut einfach weg, wenn es um die Alten geht. Ich habe das Gefühl, man will sie einfach sterben lassen“, sagt sie. Warum sonst gebe es keine Schutzutensilien? Man könne einen Menschen nicht aus zwei Metern Entfernung waschen, da müsse man richtig ran. Es gelte, die Bewohner, aber auch das Pflegepersonal zu schützen. „Ich werde langsam sauer, weil es keine Reaktion gibt auf meine Forderungen.“

In Brandenburg gibt es derzeit 1 304 Pflegeeinrichtungen. In 17 dieser stationären Heime gebe es derzeit Infektionen mit dem Coronavirus. 43 Bewohner und 29 Mitarbeiter seien infiziert, sagt Gabriel Hesse, der Sprecher des Brandenburger Gesundheitsministeriums. Bisher seien sieben Todesfälle zu verzeichnen. Teilweise sei die Infektion während eines Krankenhausaufenthaltes erfolgt, so Hesse. Genügend Schutzausrüstung gibt es wohl nicht. Gabriel Hesse allerdings sagt, dass es bisher noch keine Meldung gebe, wonach die Schutzausrüstung aufgebraucht worden sei. Am Wochenende seien an die zwei Millionen Schutzmasken eingetroffen. Ein Teil davon sei an die Heime geliefert worden.

Margrit Radke fühlt sich wohl in ihrem Heim. Sie sei gesund, sagt sie. Und sie werde gut versorgt. Sie zieht sich die Decke um ihre Füße und ihre Mütze tiefer ins Gesicht. Sie freue sich jeden Tag auf ihren Mann, sagt sie. Am Gründonnerstag hat sie auch ihren Sohn nach langer Zeit wieder gesehen. Über Skype.

Seit kurzem bietet das Heim diese Möglichkeit an. Jörg van Riesen, der Heimleiter, hat im sogenannten Wohnzimmer der Einrichtung einen Laptop aufgebaut, mit dem die betagten Frauen und Männer mit ihren Angehörigen skypen können. „Es war schön, meinen Sohn wieder mal zu sehen“, sagt Margrit Radke. Und auf das Geheimnis ihrer langen Ehe angesprochen, sagt sie: „64 Jahre gehen nur gut, wenn man nicht so lange beisammen sitzt.“