Star der Zwanziger: Wie Berlinerinnen die altägyptische Königin vergötterten

Nofretete wurde vor 100 Jahren zum Idol der weiblichen Avantgarde Berlins - kühl, elegant souverän. Männer wollten die Büste gegen einen Steinmann tauschen.

Miss E.C. Butt fühlte sich als Reinkarnation Nofretetes. Das Foto zeigt sie am 3. Februar 1930 in London. 
Miss E.C. Butt fühlte sich als Reinkarnation Nofretetes. Das Foto zeigt sie am 3. Februar 1930 in London. AKG-IMAGES/IMAGO

Berlin-Keine übertrifft Nofretete – nicht die liebliche Venus Botticellis in ihrer sanften Schönheit, schon gar keine Sterbliche. Mehr als hundert Jahre nachdem die altägyptische Königin in die deutsche Hauptstadt gelangte, steht sie als Berlinerin und Star der Stadt auf der Museumsinsel: einzigartig, von unschätzbarem Wert und nicht nachlassender Bedeutung. 3350 Jahre alt und doch modern – eine ewige Frau. Keine erfundene Sagengestalt, eine echte Frau. Ihr Titel „Große Königliche Gemahlin“ verweist auf ihren Rang als Mitregentin. Im Neuen Museum steht das Original, das Jahrtausende im Boden der versunkenen Stadt Tell el Amarna in der Werkstatt eines Künstlers lag. Unglaublich.

Berlin ist unerhört stolz auf diese Eingebürgerte – und zwar von Anfang an. Als das Publikum sie 1924 erstmals in öffentlicher Ausstellung zu Gesicht bekam, traf sie den Geist der Zeit: Die weibliche Avantgarde der Metropole kultivierte gerade das Androgyn-Aktive. Frauen wie Marlene Dietrich verwischten mit Kleidung, Frisur, Lebensstil die Geschlechtergrenzen. Kühle Eleganz plus eine Prise Arroganz spiegelte perfekt die selbstbewusste „Neue Frau“ der Zwanziger, die sich ihre Freiheiten nahm.

Urbild der modernen, selbstbewussten Frau: Königin Nofretete im Ägyptischen Museum. 
Urbild der modernen, selbstbewussten Frau: Königin Nofretete im Ägyptischen Museum. Benjamin Pritzkuleit

Perfekt für die Seelenzustände der Zwanzigerjahre

Die Feuilletons schwelgten in der Herrlichkeit der im Neuen Museum gezeigten Amarna-Funde, so wie die Berliner Börsenzeitung am 4. April 1924 über „die entzückende und ganz modern anmutende buntbemalte Portraitbüste der mädchenhaft lieblichen Königin Nofretete, die kein moderner Bildhauer an Schönheit und Liebreiz übertreffen könnte ...“ Das Frauenideal der Amarna-Periode, so ein anderer Text, empfinde man wegen der „etwas dekadenten Eleganz“ doppelt nahe, „trotz aller äußeren Versachlichung der Frau“.

Perfekt in die Seelenzustände passte auch das Wenige, was aus dem Leben der Partnerin eines Pharaos in einer Zeit großer Umwälzungen bekannt war. Echnaton hatte im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung den Herrschaftskult revolutioniert – die Priester kaltgestellt, Aton in Gestalt der Sonnenscheibe als obersten Herrscher etabliert und Amarna mit Palästen, Tempeln und Kunstwerkstätten errichtet.

Als er nach 17 Jahren Regentschaft starb, drängte die alte Macht zurück; die Ausnahmezeit endete in Wirren. Nofretetes Schicksal verliert sich im Ungewissen, als sie Ende 20 war. Doch Künstler hinterließen bis dahin ungekannte Werke, und die Büste der Königin blieb wunderbar erhalten.

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Das ebenfalls im Neuen Museum zu sehende, als Hausaltar bezeichnete Halbrelief zeigt Herrscherin und Herrscher auf gleicher Höhe sitzend, beide mit der Festkrone ausgestattet. Das Paar pflegt die liebevolle Gemeinschaft mit dreien seiner sechs Töchter: Echnaton küsst das Kleine in seinen Armen, Nofretete plaudert mit einem Kind auf ihrem Schoß, eines spielt mit ihrem Ohrgehänge. Über all dem ergießt Aton seine lebenspendenden Strahlen.

Konservative Frauen mochten Nofretete mit der hochverehrten preußischen Königin Luise vergleichen – auch sie eine Schönheit, früh und glücklich verheiratet, mit vielen Kindern in Zeiten des Umbruchs lebend, auch sie jung verstorben. Just in der Zeit der ersten Nofretete-Verliebtheit erwogen die Berliner Museums- und Kunstmänner allen Ernstes, die Büste gegen angeblich wertvollere Statuen zu tauschen.

Echnaton, Nofretete und drei ihrer Töchter unter dem Strahlenaton im Halbrelief auf dem sogenannten Hausaltar.
Echnaton, Nofretete und drei ihrer Töchter unter dem Strahlenaton im Halbrelief auf dem sogenannten Hausaltar.Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, SMB / Margarete Büsing / CC BY-NC-SA

In Zeitungen brach ein Kulturkampf los. Die Herren vom Fach sprachen blasiert von der „mondänen Dame“, bunt und mit abgebrochenem Ohr – ganz hübsch, von „raffinierter Delikatesse“, aber wo sei der kulturhistorische Wert? Wie anders wirke doch die würdevolle 1,80-Meter-Statue des Hohepriesters Ranofer und die des Schreibers Amenhotep! Alten weißen Männern gefielen alte steinerne Männer.

So wünschten der Bildhauer Georg Kolbe und der Architekt Mies van der Rohe im Mai 1930 per offenem Brief den Tausch von Nofretete gegen Ranofer: Man müsse „für Berlin ein Hauptwerk der großen und strengen ägyptischen Kunst gewinnen“. Fritz Koch-Gotha, der Autor der „Häschenschule“, schreibt in der Deutschen Allgemeinen Zeitung über Nofretete: „Nichts weiter als eine Modeangelegenheit.“ In drei Jahrzehnten, wenn „ein anderer Frauentyp ,modern‘ ist – dann fragt niemand mehr nach ihr“. Man lasse „das Köpfchen (...) ruhig in Kairo überaltern“.

In einem Leserbrief hielt Paul Steinbeck, Erster Staatsanwalt, dem entgegen: „Mit naiver Freude an der Schönheit“ betrachte er den Kopf der Königin. „Die Nofretete ist eben ein in ihrer Popularität dem Berliner und dem Fremden so ans Herz gewachsenes Kunstwerk, dass sie nicht mit gleichwertigen Kunstwerken einfach auf eine Stufe zu stellen ist.“ Der Kopf habe „in seiner geheimnisvollen Lebendigkeit etwas so Menschliches und Bezauberndes, dass man das Technische und Archäologische völlig vergisst“.

"Verführerische Loreley" mit Sex-Appeal

Leserin Melitta von Speck himmelt Nofretete an: „Sie gehört unserem Herzen. Sie ist der Triumph der Anmut über die Jahrtausende.“ Sie wollte sich keinesfalls von „der Bezaubernden“ trennen, die „uns so voller Grazie“ zeige: „So, auch wir Ägypter waren Menschen!“ Unter dem Pseudonym „Kater Murr“ reimte 1930 der Feuilletonist der Börsenzeitung Julius Knopf über Nofretete, die „verführerische Loreley“: „Darum nistet in vieltausend Seelen / Ein unendlich schweres Schmerzgefühl. / Denn es wird die Königin uns fehlen: / Nofretete mit dem Sex-Appeal!“

1936 taucht wieder ein Rückgabeplan auf. Im Juni schreibt das katholische Wochenblatt Der Deutsche Weg: Jetzt gebe es ja keine Einwände mehr gegen eine Auslieferung an Ägypten, weil „die Nofretete in ihrer orientalisch dekadenten Überkultiviertheit ohnehin allen nordischen Blubo-Idealen ins Gesicht schlägt“ – „Blubo“ steht für „Blut und Boden“. Aber „dann kam plötzlich Gegenbefehl“. Warum? Bekanntermaßen fürchtete der Führer Volkes Stimme.

„Die Schöne ist gekommen“, so heißt Nofretete (englisch Nefertiti) übersetzt. Und sie kommt nicht aus der Mode, sondern schlägt Menschen aller Kulturkreise in ihren Bann – spätestens dann, wenn sie den Nordkuppelsaal des Neuen Museums betreten, so gestaltet, dass sich Nofretetes Aura in alle Richtungen ausbreiten kann. Zwei Achsen führen durch Nachbarsäle auf sie zu – schon die Annäherung erzeugt Gänsehaut.

Drei rumalbernde Teenager verstummen bei dem Anblick. „Nicht schlecht“, sagt einer – also maximale Begeisterung. Japanerinnen flüstern sichtlich beeindruckt. Eine Argentinierin umrundet die Büste, tritt nah heran: „Eine weise Frau, die Ruhe und Stärke ausstrahlt, ein perfektes Gesicht.“ Eine als Gothic-Fan erkennbare Bayerin sieht darin „Macht, Stärke, Fraulichkeit“. Und die Augen! Sie blicke wie eine Schlange, aber nicht hinterlistig, sondern klug.

Universelle Schönheit

Ägyptische Besucher stellen begeistert fest, wie ähnlich Nofretete heutigen ägyptischen Frauen sei. Eine Afrikanerin als Verkörperung universeller Schönheit. Im Gästebuch stehen zuhauf knappe, enthusiastische Bekundungen: „Cool“, schrieben Leute aus Estland und Schottland. „Bella“, „impressionante“, „fascinante“, „breathtaking“ trugen Frauen aus Kolumbien, Spanien, Italien und den USA ein. Mary beschrieb ihren Neid auf die andere: „Eifersucht, lass nach!“ Die zwölfjährige Lisa fand Nofretete „schön, aber auch ein bisschen unheimlich“.

Am Fundort in Amarna am  6. Dezember 1912: Grabungsaufseher Prof. H. Ranke (l.) präsentiert die Büste der Nofretete.
Am Fundort in Amarna am 6. Dezember 1912: Grabungsaufseher Prof. H. Ranke (l.) präsentiert die Büste der Nofretete.bpk/Vorderasiatisches Museum, SMB

Woher kommt die Faszination? Schönheitschirurgen auf der Suche nach dem perfekten Gesichtsentwurf sehen – natürlich – Nofretete (und Botticellis Venus) als Modell und stellen fest, die menschliche Intuition bevorzuge Symmetrie, nicht jedoch Starrheit. Ebenmaß, stolze Haltung, langer und schlanker Hals, markante Wangenknochen – das alles gehört zu Nofretete.

Eine Frau, kein Konstrukt

Forschungen mit drei Monate alten Babys ergaben, dass sie signifikant länger auf ein Gesicht schauen, das zuvor Erwachsene als attraktiv einschätzten. Da muss die Evolution etwas tief ins Stammhirn eingeprägt haben. Die Kognitionsexpertin Nancy Etcoff schreibt in ihrem Buch „Survival of the Prettiest“: „Der Gedanke, dass Schönheit unwichtig oder ein kulturelles Konstrukt sei, ist der wahre Mythos über die Schönheit.“ Nofretete ist, wie jede von uns, eine Frau, kein Konstrukt.

Der Ägyptologe Ludwig Borchardt, der sie am 6. Dezember 1912 im Grabungsfeld Amarna zu Gesicht bekam, notierte an jenem aufregenden Tag neben einer Skizze der 47 Zentimeter großen Gipsbüste in sein Tagebuch: „Beschreiben nützt nichts, ansehen.“

Dicht neben ihr barg man die Büste Echnatons. Die von Ägyptens Altertümerverwaltung genehmigten Grabungen finanzierte der Berliner Unternehmer und Mäzen James Simon. Nofretete wurde der deutschen Seite zugesprochen, sie ging vertragsgemäß in Simons Eigentum über. 1920 vermachte er sie dem Ägyptischen Museum in Berlin. Die Besitzverhältnisse sind also klar.

Nofretete bleibt Berlinerin. Nach Untersuchungen im Computertomografen erklärten Experten die Büste wegen innerer Schäden für transportunfähig. 3350 Jahre gehen an der schönsten Frau nicht spurlos vorüber.

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