Eine zerrissene Halskette in Deutschlandfarben liegt verlassen auf dem Boden vor dem Brandenburger Tor. Weit und breit gähnende Leere. Fast wirkt die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni wie eine Geisterstadt. Dabei haben hier noch vor vier Jahren fast eine Million Menschen den Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Brasilien gefeiert.

Jetzt aber gibt es zwischen den Imbissbuden und Souvenirständen reichlich Platz. Zu den Viertelfinalspielen der WM 2018 versammelten sich am Mittwoch und Freitag nur noch ein paar Fans vor der Hauptbühne am Brandenburger Tor. Sie setzen sich, eingehüllt in Nationalflaggen oder in den Trikots ihrer Teams, auf den Asphalt. Von dem dichten Gedränge, der aufgeheizten Stimmung wie zu den Deutschlandspielen keine Spur. Nur bei den Toren jubeln die Fans, je nach Nationalität oder Sympathie.  

Die Fanmeile soll bleiben

Die Fanmeile ist zu einer Flaniermeile geworden. Ihre Besucher lassen  sich in gemütlicher Atmosphäre Bier, Pommes und Bratwurst schmecken. Biergarten Stimmung mitten in der Stadt. „Meine Freunde und ich sind extra aus Belgien angereist um einmal auf der Fanmeile zu sein. Die ist auch leer toll. Das Bier schmeckt gut“, sagt Jeremy Bruyninckx (18) aus Brüssel. Doch auch die ausländischen Gäste können die Zehntausende von einheimischen Fußballfans nicht kompensieren, mit denen die Veranstalter gerechnet hatten. Bleiben soll die Fanmeile trotzdem: „Die Genehmigung bleibt weiterhin bestehen“, sagt Matthias Tang, Sprecher der Verkehrssenatorin. Zuständig für den Betrieb des Großevents sei der Veranstalter, und dieser wolle weiter machen. „Aber es ist trotzdem Fußball-WM und schönes Wetter. Bei uns können die Menschen eine tolle Sommerparty erleben“, sagt Anja Marx, die Sprecherin der zuständigen Agentur B2, der Berliner Zeitung.

AfD fordert Schließung

Die AfD ist jedoch anderer Meinung. Erst am Montag war bekannt geworden, dass sie die Schließung der Fanmeile fordert. Der sportpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Frank Scheermesser (60), sagte dem rbb, dass es „absolut unwirtschaftlich“ sei, „für ein paar hundert Gäste“ bis zum Ende der Weltmeisterschaft eine der Hauptverkehrsachsen Berlins zu blockieren. Mit fast zwei Kilometern Länge erstreckt sich die Fanmeile seit dem 14. Juni über die Straße des 17. Juni sowie die Ebertstraße und Yitzhak-Rabin-Straße zwischen Großer Stern, Scheidmannstraße und Behrenstraße. Bis zum 17. Juli bleibt dieser Teil der Ost-West-Achse gesperrt. Das Verkehrschaos ist laut AfD programmiert. Zum Start der Sommerferien fordert sie deshalb die Räumung.

Starker Umsatzeinbruch 

Am härtesten trifft es aber die Gastronomen. Sie leiden unter dem vor dem vorzeitigen Aus der DFB-Elf: „Wir haben 60 Prozent Einbußen. Einige Kollegen sogar bis zu 70 Prozent. Wir machen alle einen enormen Verlust“, sagt die 35-jährige Janine T., Bierverkäuferin aus Schönefeld. Sie lehnt entspannt mit dem Rücken an der Wand. Vor ein paar Tagen konnte sie sich vor dem Kundenandrang noch kaum retten. „Kaum zu glauben, dass es vor Kurzem noch so stressig war“. Ein paar Stände weiter, zwischen übrig gebliebenen Deutschland Fanartikeln, klagt der Verkäufer Umut (30) aus Neukölln: „Das Geschäft ist vorbei. Ich habe in zwei Stunden gerade einmal zwei Euro verdient“, sagt er. Sein Kollege am Getränkestand gegenüber, Evangelos Chouteas, hat 10.000 Euro Verlust gemacht. An den vorderen Plätzen laufe es besser, sagt er. „Zu uns nach hinten, kommt jetzt kaum noch wer“, sagt Chouteas.

Doch trotz Frust und Verlust wollen die Gastronomen nicht aufgeben, bleiben bis zum Schluss. „Schließlich haben wir für vier Wochen bezahlt“, sagt Umut. Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) sagte dem rbb, sollte weiterhin so eine „gähnende Leere“ wie jetzt herrschen, müsse man über die Schließung oder Offenhaltung erneut verhandeln.