Seit Monaten wird in Pankow gebohrt, geschraubt, geklebt. Zehn Wochen noch, dann sollen die ersten Wagen der neuen S-Bahn-Generation so weit sein, dass sie zu ersten Prüfungen nach Velten rollen können. „Wenn weiter alles so gut läuft, geht der erste Vier-Wagen-Zug Ende Mai oder Anfang Juni auf die Reise“, sagt Jürgen Strippel, Leiter des Fahrzeugmanagements bei der S-Bahn GmbH. Im September wird der Premierenzug dann erstmals öffentlich präsentiert – während der Messe Innotrans. Jetzt wurden zu dem Projekt, den Fahrgästen endlich wieder zuverlässige S-Bahnen zu verschaffen, weitere Details bekannt. Die Wagen bekommen ein Informationssystem, das dem im ICE ähnelt – und sogar Filme abspielen kann.

Entwickelt wird es in Frankfurt am Main, in einer Büroetage der Deutschen Bahn in Niederrad. Berlin ist weit weg, doch die Probleme sind ganz nah. Auf dem Weg zum Projektteam von DB Systel geht Jürgen Strippel an einem Bildschirm vorbei, der Störungsmeldungen aus dem ganzen Land anzeigt. Dort ist auch zu lesen, womit sich die Fahrgäste und das Personal der S-Bahn gerade mal wieder herumplagen müssen: Wegen eines „kurzfristigen Personalausfalls“ werden auf den Linien S 45 und S 85 Fahrten gestrichen, auf der S 7 hat eine Störung einen Zug lahmgelegt. Alltag in Berlin.

Infos direkt von der Leitstelle

Alltag ist auch, dass sich Fahrgäste meist schlecht informiert fühlen, wenn der S-Bahn-Betrieb mal wieder ins Stocken geraten ist – was oft genug auch an Weichen- oder Signalstörungen liegt. „Heute ist es so, dass die Leitstelle das Fahrpersonal informiert, die Mitarbeiter müssen die Informationen über Lautsprecher an die Fahrgäste im Zug weitergeben“, sagt Strippel. Aber das passiert nicht immer, oder die Durchsagen sind schwer verständlich.

In der neuen S-Bahn wird es anders laufen: „Da wird die Leitstelle die Informationen direkt in die Züge spielen können“ – zum Beispiel mit Hilfe von Durchsagen. Aber auch auf die TFT-Bildschirme, von denen jeder Wagen im Innern zwei bekommt, kann die Leitstelle Hinweise übermitteln. „Künftig kann sie direkt mit den Fahrgästen in Kontakt treten.“ Vorausgesetzt, im Lagezentrum weiß man schon, was los ist. „Wenn sie noch keine Infos hat, kann sie natürlich auch noch keine weitergeben“, sagt Strippel. Es sieht so aus, als ob die Fahrgäste trotz neuer Technik auch künftig immer wieder im Ungewissen bleiben werden.

TFT: Das ist die Abkürzung für eine Technik, die auf Bildschirmen viele Darstellungsmöglichkeiten erlaubt – mehr Farben, mehr Details, bewegte Bilder. Selina Nocera vom Projektteam und tippt auf einem Monitor, wie es ihn in S-Bahn-Führerständen gibt. Die Demonstration des neuen Informationssystems beginnt. Westkreuz 11.47 Uhr, Schönhauser Allee 12.06 Uhr: Wie an einer Perlschnur sind die nächsten Haltebahnhöfe aufgereiht, mit der voraussichtlichen Ankunftszeit. „Wenn es unterwegs Störungen gibt, werden sie berücksichtigt“, erklärt Entwickler Matthias Karkowski.

Sein Kollegin tippt noch mal auf dem Bildschirm herum: Busanschlüsse werden angezeigt, auch dort falls nötig mit Verspätungen. Der Zug wird geteilt? Ebenfalls kein Problem. „Das Schöne an dem Infosystem ist, dass es flexibel angepasst werden kann“, sagt Jürgen Strippel.

Die Software ist übrigens die gleiche wie im ICE 3. Das bedeutet, dass in den neuen S-Bahnen auch unbewegte und bewegte Farbbilder gezeigt werden könnten – Dia-Shows, Filme, Werbung, Unterhaltung. Wird S-Bahn-Fahrgästen künftig Entertainment geboten? „Im Moment stellt sich diese Frage nicht“, antwortet der S-Bahner. Der Auftraggeber, also der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) ist, wünsche dies derzeit nicht. „Aber das kann sich verändern. Die Technik ist auf jeden Fall dafür ausgelegt.“

Außenansagen auch in Engllsch

Die Flachbildschirme werden in Fenstern hängen – Rücken an Rücken mit elektronischen Anzeigen, die von außen zu sehen sind. Sie informieren über die Linie und das Zielt – orange auf schwarz, weil weiße Schrift zu aufwändig wäre. „Weiß muss aus mehreren Farb-LEDs gebildet werden“, so Strippel.
In der zweiten Zeile informiert eine Laufschrift über die wichtigsten Unterwegshalte. Seitliche Außenanzeigen – so etwas gibt es heute bei der S-Bahn nicht. An den S-Bahnen wird das Ziel vorn und hinten über den Führerständen angezeigt, das war’s. Wer nicht aufpasst, steigt in den falschen Zug. „Ein großes Defizit“, sagt Strippel.

Ebenfalls neu: Außenansagen, an einigen S-Bahnhöfen zusätzlich in Englisch. Ein männliche Computerstimme sagt, wo es hingeht. Sie wird auch in den Wagen zu hören sein, nach einem außerirdisch wirkenden Zwei-Ton-Geräusch. Momentan ist die Aussprache noch holprig. „Aber das ist auch noch nicht die endgültige Stimme“, sagt Nocera. Und auch noch nicht der endgültige Ton. Mit dem VBB sei noch einiges zu besprechen. „Das Design ist noch nicht in Stein gemeißelt“, heißt es.

Rund 900 Millionen Euro

Bis die neuen S-Bahnen erstmals zahlende Reisenden befördern, ist ja auch noch etwas Zeit. Am 1. Januar 2021, kurz nach halb vier Uhr morgens, soll es so weit sein. Noch vor dem Morgengrauen kommen die ersten Züge ins Rollen. „Dann beginnt ein siebenmonatiger Probebetrieb auf der Linie S 47 zwischen Südkreuz und Spindlersfeld – mit Fahrgästen, unter normalen Bedingungen“, erklärte der Fahrzeugmanager. Von Mitte 2022 bis 2023 kommen alle Fahrzeuge nach und nach in den Betrieb, bis auf dem Ring und im Südosten nur noch neue Züge rollen – insgesamt 85 Vier-Wagen-Einheiten sowie 21 Zwei-Wagen-Einheiten. Kosten: insgesamt rund 900 Millionen Euro.

Im Herbst begann bei Stadler Pankow die Montage. Seitdem wurden bereits zehn Wagenkästen aus Ungarn in das Werk des schweizerischen Herstellers am einstigen Grenzstreifen geliefert. Dort werden sie mit Technik von Semens versehen – zum Beispiel Drehgestellen aus Graz und Antrieben aus Nürnberg. Wie sich die neuen S-Bahn-Motoren anhören, kann Jürgen Strippel schon demonstrieren: Er hat den Sound mit seinem Mobiltelefon aufgenommen – die Tonlage ist höher als bei den jetzigen Zügen.

„Vielleicht nutzen wir die Strecke zum BER“

Der erste Vier-Wagen-Zug wird von Pankow auf umwegreichen Gleisen ins Veltener Inbetriebnahmezentrum von Stadler geschleppt, ohne Zeremonie und voraussichtlich in der Nacht, was S-Bahn-Fans mit Kameras vor Herausforderungen stellen wird. Dort werden die elektrischen Teile geprüft. Später geht es ins Siemens-Prüfcenter im niederrheinischen Wildenrath.

Jürgen Strippel geht davon aus, dass alle neuen Züge von 2019 an auch in Berlin Testrunden drehen werden – ohne Fahrgäste. „Die Züge müssen mehrere zehntausend Kilometer zurücklegen“, sagt er. Schon wird nach Trassen gesucht. „Der Ostring ist voll. Vielleicht nutzen wir die Strecke zum BER.“ Dort beginnt frühestens im Oktober 2020 der Betrieb. Dann stehen die Vorserienzüge schon bei der S-Bahn auf dem Hof – wenn weiterhin alles gut geht.