Klein und bescheiden ging es in der überaus selbstbewussten Berliner Start-up-Szene noch nie, und daher wundert man sich auch nicht, wenn hier nun das „größte Clubhaus für Start-ups in Europa“ entstehen soll. Was denn sonst?!

An der Ostseite des Görlitzer Parks, auf dem anderen Ufer des Landwehrkanals, lässt der Berliner Unternehmer Udo Schloemer derzeit ein ehemaliges Fabrikgebäude zu einer Herberge für Jungunternehmer der Digitalbranche herrichten. Die Baufirmen befinden sich inzwischen bereits auf der Zielgeraden. Ende Oktober, spätestens im November soll eröffnet werden. Dann stehen der digitalen Kreativ-Gemeinde in der ehemaligen Agfa-Fabrik mehrere hundert Arbeitsplätze zur Verfügung.

Für Udo Schloemer, gebürtiger Stuttgarter und Jahrgang 1970, ist das Projekt in der Alt-Treptower Lohmühlenstraße die Fortsetzung einer Erfolgsstory. 2011 hatte der einstige Immobilienunternehmer die Idee für ein Start-up-Campus in Berlin und eröffnete drei Jahre später an der Bernauer Straße die Factory Berlin, in der sich sogleich Firmen wie Uber, Google, Soundcloud oder Twitter ansiedelten und Gründer für einen Monatsbeitrag von 50 Euro einen Arbeitsplatz samt digitaler Infrastruktur bekamen. Schloemer hatte mit der Factory die Bürogemeinschaft neu definiert. Die Agfa-Fabrik ist nun Factory Nummer zwei.

Einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“, so heißt es, hat Schloemers Unternehmen Factory Berlin in den Um- und Ausbau der alten Farbfabrik investiert. Wenn der Start-up-Campus fertig ist, wird er 14.000 Quadratmeter auf fünf Etagen bieten und damit die Ur-Factory in Mitte übertrumpfen. Außerdem wird es neben Büros und Konferenzräumen ein Restaurant sowie ein Café geben, auch eine Bibliothek, einen Meditations- und einen Yoga-Raum, ein Kino mit Sofas, ein Labor mit 3D-Druckern und Lasercuttern und letztlich ein acht Meter langes Bällebad mit 34.000 Plastikbällen. Arbeit soll auch Spaß machen.

Die Nutzung ist jedoch der sogenannten Factory-Community vorbehalten. Deren Mitglieder zahlen genannten Monatsbeitrag, so sie zuvor den Bewerbungsprozess der Factory erfolgreich durchlaufen haben. 1000 Mitglieder hat die Gemeinschaft derzeit. Spätestens im nächsten Sommer sollen es aber schon 2000 sein, wobei die Factory nicht nur Freiberuflern, kleinen Teams und Start-ups eine Wirkungsstätte bieten will, sondern auch Innovationsteams internationaler Konzerne. Schloemer sieht die Factory längst als Business-Club, in dem Start-ups und etablierte Unternehmen zusammenkommen.

Ein Netzwerk für Innovationstreiber

Das neue Haus ist zwar noch längst nicht ausgebucht, hat aber bereits vielversprechende Mieter. So wird die gerade erst gegründete CODE University, eine staatlich anerkannte Hochschule für digitale Produktentwicklung, in der Factory II ein Zuhause finden und dort mit dem Wintersemester 2017/18 starten. Auch die staatlich genehmigte Sekundarschule NewSchool zieht in Alt-Treptow ein. Selbst die Bundesregierung ist dabei. Der sogenannte Digital-Hub für das Thema „Internet of Things“ in Deutschland wird am Görlitzer Park platziert.

Die Startbedingungen sind also gut, und da lenkte dann auch die örtliche Politik ein. Stießen die Pläne der Factory im vergangenen Sommer beim Bezirk noch auf Kritik, so sandte dessen Bereich Wirtschaftsförderung der Factory nun via Facebook ein „Herzlich Willkommen im Bezirk Treptow-Köpenick“. Man freue sich über Innovationen, die Etablierung eines Digital-Hubs und der Code University „bei uns“.

Damit sollte also Factory-Chef und Gründer Schloemer der Realisierung seiner Vision ein gutes Stück näher kommen können. Denn nach eigenen Angaben will er mit dem Factory-Konzept ein Netzwerk für Innovationstreiber aus alter und neuer Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien schaffen. Natürlich das weltweit wichtigste Netzwerk. Was sonst.