Schon wieder dieses Kramen in der Tasche. Wo ist bloß der Schlüssel? In Zeiten, da sich Jalousien und Heizung per Smartphone fernsteuern lassen, mutet ein herkömmliches Fahrradschloss wie ein Relikt aus dem Mittelalter an. Radfahrer benutzen es trotzdem wie selbstverständlich – oder eben nicht. Viele Fahrraddiebstähle gehen auf die Sorglosigkeit der Besitzer zurück. Seit Jahren raten Polizei und Fahrradverband ADFC dazu, Fahrräder ordentlich zu sichern. Eine neue Lösung kommt aus Brandenburg an der Havel. Dort hat das Start-up Haveltec ein automatisiertes Fahrradschloss entwickelt: „I Lock It“.

Automatisch per Signal

Die Idee entstand 2013, die beiden Mechatroniker Christian Anuth und Markus Weintraut lernten sich an der Technischen Hochschule in Brandenburg im Masterstudiengang Technologie- und Innovationsmanagement kennen. „Von der Mensa zum Wohnheim, dann zur Vorlesung, mal zum Einkaufen, vorher zur Bank – es hat uns genervt, jedes Mal das Schloss aus dem Rucksack zu holen und nach dem Schlüssel zu kramen“, erzählt Anuth. Es musste doch möglich sein, eine automatisierte Lösung zu finden.

Die sieht jetzt so aus: Ein Rahmenschloss soll das Fahrrad künftig automatisch sichern, sobald sich der Besitzer entfernt – ausgelöst durch das Bluetooth-Signal des Smartphones schließt und öffnet es selbstständig, nach einmaliger Verbindung ist keine weitere Bedienung notwendig. Die Gründer haben für ihre Idee den Innovationspreis ihrer Hochschule erhalten, zur Umsetzung folgte ein Exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums.

Bislang ist auf dem deutschen Markt noch kein smartes Fahrradschloss erhältlich. Für Stephan Behrendt, Leiter im Fachausschuss Technik des ADFC, sind noch zu viele Fragen offen: „Wie ist es mit dem Abgreifen des Signals“, fragt er. Bei intelligenten Autosystemen gibt es bereits Hackerangriffe. Schließt das Schloss, wenn der Besitzer zwar nur fünf Meter entfernt, aber außer Sichtweite ist? Und: „Wasser, Feuchtigkeit – wie reagiert die Technik? Wie lange hält die Stromversorgung?“ Dennoch sieht Behrendt einen Markt für die neuen Schlösser: „Das spricht eine technikaffine Zielgruppe an, die immer auf dem neuesten Stand sein will.“

Haveltec verspricht eine hohe Sicherheit. Das Verschlüsselungsverfahren des „I Lock It“ wird im Online-Banking eingesetzt, es setzt einen Alarm ab, wenn das Rad geklaut wird. Zudem lässt sich das Schloss manuell bedienen, falls der Handyakku den Geist aufgegeben hat. Wunder versprechen die Brandenburger Gründer indes nicht. „Natürlich werden weiterhin Fahrräder geklaut“, sagt Christian Anuth. Bei seinem Rahmenschloss geht ein Stahlbolzen durch die Speichen, das Rad kann nicht mehr gefahren oder weg geschoben werden, tragen lässt es sich natürlich trotzdem.

Anuth verweist auf Studien, denen zufolge ein Viertel aller Fahrraddiebstähle darauf zurückgehen, dass deren Besitzer die Räder nur kurz abgestellt und nicht angeschlossen haben – aus Bequemlichkeit. „Solche Gelegenheitsdiebstähle würden durch unser Schloss verhindert.“

Auch Firmen in den USA arbeiten an smarten Fahrradschlössern, ebenso die deutschen Marktführer Abus und Trelock. Kann ein kleines Startup dagegen ankommen? „Große Unternehmen sind träge“, sagt Anuth, „wir können schneller entscheiden.“

Etwas ähnliches meint wohl die Sprecherin der Branchengröße Trelock, wenn sie sagt: „Wie in allen Branchen bringen insbesondere Start-up-Unternehmen neue Ideen ein.“ Trelock sehe auf dem Sektor zwar „interessante Ansätze“, die Ideen müssten sich aber erst am Markt bewähren. „Zudem müssen die Produkte auch lieferfähig und preislich marktfähig positioniert sein“, sagt die Unternehmenssprecherin. Trelock hat mit dem Modell Smartlock zwar bereits ein smartes Fahrradschloss patentiert und auf Messen präsentiert, über eine mögliche Markteinführung oder Preise gibt es aber keine Angaben.

Geld mit Kickstarter

Die Zurückhaltung ist begründet: 2013 wurde ein intelligentes Schloss des deutsch-britischen Start-ups Lock8 mit Sitz in Berlin gehypt. Lock8 hatte damals große Pläne besonders mit Blick auf den Fahrradverleih. Doch zur Produktion ist es nie gekommen, per Crowdfunding eingesammeltes Geld wurde wieder zurückgezahlt.

Auch Haveltec hat auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter Geld eingesammelt, „um letzte Entwicklungsschritte zum serienreifen Produkt“ finanzieren zu können, wie Anuth sagt. Zwei Prototypen gebe es, die Gründer arbeiten am Feinschliff. 100.000 Euro sollten auf Kickstarter zusammenkommen, knapp 170.000 sind es vor ein paar Tagen geworden. Die Marktreife scheint nahe: Zur Fahrradsaison im nächsten Jahr soll das „I Lock It“ für einen Grundpreis von 119 Euro auf den Markt kommen.