Pizza und Currywurst, dazu lokale Erfrischungsgetränke, das sind die Grundnahrungsmittel in der Berliner Start-up-Szene. Das hat auch das Traditionsunternehmen Siemens mitbekommen. Jedenfalls endete die offizielle Einweihung des A32 Entrepreneurs Forum auf dem Firmengelände in Spandau mit saftigen Würstchen in Tomatensoße.

Deftige Traditionsküche, das lässt sich auch als Symbol für die neue Ausrichtung des Weltkonzerns deuten. Zurück zu den Wurzeln, zurück zum Mut der Gründerzeit. Im November hatten der Siemens-Chef Joe Kaeser und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller ein Mammutprojekt vorgestellt. 600 Millionen Euro will der Konzern in den nächsten Jahren für die Umstrukturierung der Siemensstadt ausgeben. „Hier soll ein Stadtteil der Zukunft entstehen, der Produktion, Forschung, Lernen, Arbeiten, Wohnen und Leben beispielhaft integriert“, sagte Vorstandsmitglied Cedrik Neike am Freitag.

Industriedesign trifft auf globale Coworking-Architektur

Vor zwei Jahren waren auf Initiative der Hochschule für Wirtschaft und Recht auf dem Gelände erste Versuche einer Kooperation gestartet worden. An der Hochschule entwickelte Ideen sollten mit Unterstützung der Wissenschaft und der Industrie gefördert und zur Marktreife gebracht werden. Eher schüchtern stellten die Planer das Projekt damals vor. Andreas Zaby, Präsident der Hochschule, erinnerte an die Zweifel am Anfang und die Erfolgsgeschichten, die bald folgten. SmartPricer gehört dazu. Das Start-up hilft Veranstaltern, die Ticketpreise der Anfrage anzupassen.

Beim Rundgang am Freitag ließ der Regierende Bürgermeister sich einige der 19 Start-ups vorstellen, die noch in der Entwicklungsphase stecken. In der leerstehenden Lagerhalle A32 des Dynamowerks hatten sie ihre Stände aufgebaut. Industriedesign trifft dort auf globale Coworking-Architektur, starre Raumstrukturen gibt es nicht mehr.

Bei SunCrafter blieb Müller länger stehen. Die Idee ist prototypisch für die junge Generation der Macher, die genug hat von der Wegwerfgesellschaft ihrer Eltern. Auch die Sache mit „Geiz ist geil“ interessiert sie nicht, sie wollen einfach die Welt besser machen. Nicht mehr und nicht weniger.

SunCrafter: Solaranlagen wiederverwenden

Die Macher von SunCrafter ärgerten sich darüber, dass defekte Solarkollektoren nicht mehr repariert, sondern einfach entsorgt werden. „Verschwendung“, dachte sich die Geschäftsführerin Lisa Wendzich und überlegte mit ihrem Team, was zu tun sei. Inzwischen verwenden sie die Kollektoren, um Solar-Ladestationen für Elektro-Fahrzeuge oder Handys zu bauen. Bei Festivals wie Lollapalooza konnten sie mit ihren Ladegeräten Smartphone-Nutzern mit niedrigem Akku-Status in höchster Not helfen.

In New York gibt es im Stadtgebiet schon stationäre Ladegeräte, Wendzich hätte so etwas auch gerne in Berlin. Was den Gründern von SunCrafter aber noch wichtiger ist: Menschen in Krisengebieten zu helfen. Der massive Stromausfall in Köpenick war ein lokales Beispiel dafür, was passiert, wenn die Infrastruktur versagt und der Strom nicht mehr aus der Steckdose fließt. Dramatisch kann es bei Naturkatastrophen werden, wenn die Technik tagelang ausfällt – deshalb achtet Wendzich mit ihrem Team darauf, dass die Sonnenkollektoren robust und wasserfest sind. Siemens-Vorstand Cedrik Neike will sich das Start-up genauer anschauen, Michael Müller vermittelte einen Kontakt zu seinem Staatssekretär.

Förderung für junge Gründer

Von solchen Ideen, die mit großem Enthusiasmus verwirklicht werden, hört man immer wieder. Was aber oft vergessen wird: Etwa 90 Prozent aller Start-up-Projekte scheitern, weil irgendwann das Geld ausgeht oder die Kraft fehlt. Auch deshalb gibt es in Berlin immer mehr Unternehmen und Initiativen, die junge Gründer fördern. Siemens ist da nicht alleine, die Telekom, Bayer oder die Deutsche Bahn sind auf diesem Feld auch sehr aktiv. Michael Müller lobte in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit der Hochschulen und Universitäten: „Das sind gute Grundlagen für die nächsten Schritte.“

Genug zu tun gibt es jedenfalls, eher nebenbei fielen so richtungsweisende Begriffe wie Blockchain und Künstliche Intelligenz. Forscher gehen davon aus, dass diese Technologien die Arbeitswelt und das Privatleben in den nächsten Jahren massiv verändern werden. Und das nicht nur in den Mega-Bereichen Klimaschutz, Mobilität und Gesundheit.

Ab Mai will Siemens gemeinsam mit der TU, der Fraunhofer Gesellschaft und der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung auf dem Siemensgelände an Wasserstoff-Projekten arbeiten. „Wir brauchen Ideen“, sagte Siemens-Vorstand Neike.

Aber der Wettbewerb um die klugen Köpfe wird längst global geführt, so sind in der Dynamohalle Gespräche in deutscher und englischer Sprache zu hören. In der vergangenen Woche ergab eine Untersuchung, dass Londons Spitzenposition im europäischen Ranking der Start-ups ungefährdet ist, während Berlin um seinen zweiten Platz fürchten muss. In Frankreich hat Staatschef Emmanuel Macron das Thema zur Chefsache erklärt, deshalb boomt die Start-up-Szene in Paris. Andere Experten warnen davor, dass Deutschland den Anschluss im Bereich der Künstlichen Intelligenz verpassen könnte, weil in anderen Ländern viel mehr Geld in diesem Bereich gepumpt wird.

Scheitern des Google-Projekts in Kreuzberg: „So etwas sollte Berlin nicht noch einmal passieren“

An einen Aspekt, der Berlin im vergangenen Jahr geschadet hat, erinnerte der Wissenschaftler Sven Ripsas in der Dynamohalle. Der Professor für Entrepreneurship gehört in Berlin zu den Urvätern der Tech-Szene, vor 18 Jahren entdeckte er bereits das Potenzial und hatte großen Anteil daran, dass das Siemens-Projekt realisiert wurde.

Ripsas erinnerte an das Scheitern von Google im vergangenen Jahr. Der Internet-Gigant wollte in Kreuzberg im großen Stil junge Gründer fördern, so wie er es in anderen Ländern auch tut. Der Bürgerprotest war aber so groß, dass das Unternehmen die Pläne aufgab. „So etwas sollte Berlin nicht noch einmal passieren“, sagte Ripsas. Es sei ein schwerer Schlag für die Digital-Szene der Stadt gewesen.