"Sind die echt?“, fragt eine Kundin und deutet auf ein paar kleine Marzipantörtchen. Sie sehen perfekt aus und passen so gut in den sorgfältig eingerichteten Laden, dass es sich um Deko handeln könnte. Das Gebäck ist echt, es steht auf dem Tresen, weil der Fachladen heute Geburtstag feiert. Seit einem Jahr vermietet Andrea Fitzl im Bötzowviertel auf knapp 100 Quadratmetern ihre 160 Regalfächer. Mit Erfolg: Derzeit sind alle Fächer belegt, es gibt eine Warteliste.

Das Konzept ist einfach: Bei „Fachfrau“ kann man in großen und kleinen Fächern Selbstgemachtes, Sammlerstücke und Vintage-Schätze verkaufen. Ein Regalfach ist ab fünf Euro pro Woche zu haben. Während der angemieteten Zeit kann man sein Fach umdekorieren, Preise hochsetzen oder Ware austauschen. Am Ende der Mietdauer bekommt man die Einnahmen.

Im Laden fällt warmes Licht auf Rollschuhe, ein Schaukelpferd, Kinderkleidung, Wein, Schmuck, Schals und vieles mehr. Die Hälfte der Gegenstände ist „Vintage“, also gebraucht, die andere von den Fachmietern selbst gebastelt, geschnitzt oder gehäkelt. Einige Kunden schlendern umher, eine ältere Frau befühlt eine Handtasche, eine jüngere trägt einen Pudel in Pullunder auf dem Arm und lässt den Blick über bunt bemalte Schubladenknäufe schweifen.

Kaufen und Plaudern

Hinter der Theke muss Andrea Fitzl viele Fragen beantworten und die Mieter über die Verkäufe auf dem Laufenden halten. Eine Frau aus der Nachbarschaft hält einen kurzen Vortrag über das Bienensterben, angeregt durch ein letztes Glas Berliner Honig. Die Kunden kommen nicht nur zum Gucken, Anfassen und Kaufen, sondern auch zum Plaudern.

Während im Internet Vintage-Verkaufsportale wie Etsy immer beliebter wurden, träumte Andrea Fitzl lieber von dieser Art Kiezladen. Sie sei nicht sehr internetaffin, sagt die 32-Jährige, habe auch noch nie etwas im Netz verkauft. Lange arbeitete sie in Berlin und London als Personalreferentin für Designagenturen. „Es hat dauernd in mir rumort, aber ich hatte nicht die Kraft und den Mut, es anzupacken.“

Das änderte sich erst im vergangenen Jahr. Da kündigte sie ihren Job, erstellte einen Businessplan und stellte ihn einer Bank vor. Die Banker, erzählt sie, waren begeistert. Und sie war stolz: „Wenn die daran glauben, dann schaffe ich das.“ Die Fächer sollen schön aussehen, das ist für die Ladeninhaberin das Wichtigste. Kleiderstapel sind ihr ein Dorn im Auge, zweimal am Tag sortiert und entstaubt sie die Regale.

Von neun bis 20 Uhr arbeitet sie. „Abends bin ich k.o., aber bereut habe ich meine Entscheidung keine einzige Sekunde“. Zehn Prozent des Verkaufserlöses berechnet sie für ihren Beratungs- und Informationsservice, dazu kommen die wöchentlichen Regalmieten, für ein großes Fach sind das zwölf Euro.

Dinge mit Geschichte

Werner Seifert ist Rentner und wohnt seit über 50 Jahren im Bötzowviertel. Er verkauft im Laden Bücher, Stofftaschen mit Weihnachtsdruck und einen Glitzerschal mit Bommeln. Das meiste hat seine Frau selbst gemacht und kostet nur einen oder zwei Euro. „Die Idee macht einfach Sinn. Wozu Sachen wegschmeißen, wenn sich jemand, der wenig Geld hat, darüber freut“, findet er.

Und es mache Spaß. Wenn ein Anruf komme, dass ein Schal verkauft wurde, freuen seine Frau und er sich, als hätten sie im Lotto gewonnen. Der 75-Jährige war früher Bildjournalist und Grafiker und blickt nun nachdenklich über den Rand seiner Brille auf ein Brett, auf dem alte Geldscheine liegen, die 1923 während der Inflation 20 000 Mark wert waren. „Viele Dinge hier haben eine Geschichte“, meint er.

Ganz pragmatisch ging Siv Aina Leendertz ans Werk. Die Mutter von drei Kindern wusste beim Kinderwagenschieben nicht wohin mit dem heißen Kaffeebecher. Stricken hatte die gebürtige Norwegerin von ihrer Mutter gelernt und schon in der Schule Pullis entworfen. So kam sie auf die Idee, einen Becherhalter mit Kordel zu fertigen, den sie an den Buggy hängte.

Als sie den Fachladen entdeckte, dachte sie sich über Nacht einen Namen für ihr Label aus und verkauft seitdem Schnuffeldecken, Handschuhe und Froschmützen aus Bio-Baumwolle. Meist strickt die 39-Jährige vor dem Fernseher oder auf dem Spielplatz. „Es ist entspannend und es kommt ein bisschen Geld rein“, erklärt Leendertz, die nach ihrer Elternzeit wieder am Robert-Koch-Institut Erkrankungen bei wildlebenden Schimpansen erforschen wird.

Am Tresen isst Andrea Fitzl derweil eine Suppe im Stehen. „Die Tage haben eben nur 24 Stunden“, seufzt sie. „Anfangs musste ich immer wieder das Konzept erklären.“ Heute höre sie oft, wie Kunden draußen vor dem Laden darüber sprechen. „Es war ein sehr anstrengendes, sehr tolles Jahr.“

Fachfrau Berlin: Bötzowstr. 37, Prenzlauer Berg, Mo-Fr 11–19 , Sa 11–18 Uhr
www.fachfrau-berlin.de