Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist deutlicher als bislang auf Distanz zu dem stasibelasteten Baustaatssekretär Andrej Holm gegangen. Die kritische Auseinandersetzung mit der Stasi-Vergangenheit Holms, der von den Linken für den Senat nominiert wurde, sei „noch nicht abgeschlossen“, sagte Müller am Dienstag. „Ich bin da auch mit mir noch am Ringen, wie ich damit umgehe.“ Ein Staatssekretär sei in einer besonderen Verantwortung, glaubwürdig mit seiner Biografie umzugehen und glaubwürdig zu agieren. Vor diesem Hintergrund finde er die letzten Interviews und öffentlichen Auftritte Holms schwierig, so Müller.

Der 46-jährige Stadtsoziologe Holm steht unter Druck, weil er seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Berliner Humboldt-Universität, eine hauptamtliche Tätigkeit beim DDR-Geheimdienst verschwieg. Holm war in der Wendezeit 1989/1990 als junger Mann für rund fünf Monate bei der Stasi, wo er unter anderem eine militärische Grundausbildung absolvierte.
Heute argumentiert er, ihm sei erst durch den jüngsten Einblick in seine Akten bewusst geworden, dass er seinerzeit bereits hauptamtlicher Mitarbeiter war. Dass er eine berufliche Laufbahn bei der Stasi anstrebte, hatte Holm schon 2007 publik gemacht. Vorwürfe der Lüge oder Verschleierung wies er mehrfach zurück.

Holm soll sich am Donnerstag erklären

Noch im Januar will die Uni entscheiden, ob sie wegen Falschangaben im Personalfragebogen rechtliche Schritte gegen Holm einleitet. Er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule tätig, ehe er vor einem Monat in die Politik wechselte. Holm soll sich bis diesen Donnerstag (12. Januar) erklären. Rot-Rot-Grün kam bei einem Koalitionsausschuss im Dezember überein, das Votum der Uni abzuwarten und dann neu über die Personalie zu beraten. Sollte die Hochschule gegen Holm vorgehen, dürfte der parteilose Staatssekretär kaum noch zu halten sein.

Der Umgang mit dem Agieren der Stasi oder einzelner Personen müsse „sehr bewusst und sensibel“ erfolgen, sagte Müller. „Ich wehre mich dagegen, pauschal einen 16- oder 18-Jährigen zu verurteilen dafür, dass er Fehler gemacht hat. Und da muss es eine Chance geben auf eine Neubewertung.“ Aber: „Es gibt eine Zeit danach, nach dieser Teenager-Zeit. Und das ist für mich das Entscheidende, wie man da damit umgeht.“

Müller wundert sich

Zwei Drittel seiner Familienmitglieder hätten in der DDR gelebt, berichtete Müller. „Die mussten teilweise den Kontakt mit uns abbrechen, damit sie bestimmte berufliche Wege gehen konnten. Andere, die wir besucht haben, haben die Fenster zugemacht, weil sie Angst hatten, dass jemand mithört“, schilderte er.

„Solche Leute gucken schon genau hin, wie wir mit der Personalie umgehen. Und wenn ich dann in Interviews (Holms) lese, na ja, bei uns zu Hause war alles nicht zu schlimm, wir konnten Heiner Müller lesen und Westfernsehen gucken, dann wundert man sich. Dann wundert man sich darüber, dass man heute als Erwachsener nicht anders und sensibler mit dem Thema umgeht“, so Müller. „Deswegen sage ich, ist es auch für mich noch nicht erledigt.“ (dpa)