Torsten Harmsen schwirrt eine krude Geschichte zum 9. November durch den Kopf.
Foto: imago images/Peter Endig

Auf dem Bahnhof sehe ich ein seltsames Plakat: Der amerikanische Sänger David Hasselhoff steht in einer Mauer-Bresche, die aussieht, als habe sie ein panischer Elefant der Truppen Hannibals beim Durchbruch hinterlassen. Hinter Hasselhoff ragt der Fernsehturm in die Höhe. Also sind wir nicht bei Hannibal, sondern in Berlin. Quer über dem Plakat steht „Up against the Wall. Mission Mauerfall“. In kitschigen Farben. Es geht, wie man liest, um ein Hörbuch Hasselhoffs zum 9. November vor 30 Jahren. Es soll die „vielleicht wahrsten Fakten zur Wende“ enthalten.

„Hör mir uff! Von wejen wahrste Fakten“, schimpft mein innerer Berliner sofort los. „Wat soll’n wa da schon Neuet erfahrn? Wir wissen doch alle: Der Haselhopf hat die Mauer wegjesungen. Dit is die historische Wahrheit. Zumindest gloom dit die Amis. ,Aiiif bien lucking vor Friedämm‘, hatta jeträllert. Wenn de den süßlichen Quatsch hörst, denn weeßte ooch, warum die Mauer umjefalln is. Da bröselt am Ende jeda Stein.“

Ich beruhige meinen unsachlichen inneren Berliner und gucke mir an, was die „wahrsten Fakten“ sind, um die es im Hasselhoff-Hörbuch gehen soll. Ich finde folgende Geschichte: Der CIA-Agent Nick Harper weilt 1989 in Berlin. Er soll den Stasi-General Hoedel finden, bevor dieser den Mauerfall verhindern kann.

Mauerfall im November 1989: David Hasselhof als CIA-Fritze

Kurz nach dem Grenzübertritt wird Nick Harper leider von Stasi-Agenten überrascht. Sein Glück ist, dass er David Hasselhoff zum Verwechseln ähnlich sieht. Er entkommt, weil ihn Hildy, ein Hasselhoff-Fan, in ihrem Trabi mit nach Hause nimmt. Parallel dazu wird der echte David Hasselhoff von der CIA-Agentin Greta mit Nick Harper verwechselt. Als sie merkt, dass er nicht Harper ist, versucht sie erst, ihn auszuschalten. Doch dann müssen beide vor der Stasi fliehen. Es beginnt ein irres Abenteuer, das sie quer durch Berlin führt.

„Halt! Stopp! Sofort uffhörn!!“, ruft mein innerer Berliner. „So ein Blödsinn! Stasi, Trabi und Haselhopf als CIA-Fritze. Reicht et nich, detta jesungen hat?“ Ja, doch, reicht. Apropos gesungen: Wenn ich an die 89er-Zeit vor dem Mauerfall denke, dann habe ich nicht den angeblich so einflussreichen „Freedom“-Song Hasselhoffs im Kopf, sondern ganz andere Lieder. Nämlich jene, die die Stimmung des Landes einfingen, das auf den Umbruch zutrieb.

„In die warmen Länder/ würden sie so gerne fliehn./ Die verlornen Kinder/ in den Straßen von Berlin“, sang Silly. Oder: „Dasselbe Land zu lange gesehn,/ dieselbe Sprache zu lange gehört./ Zu lange gewartet,/ zu lange gehofft,/ zu lange die alten Männer verehrt.“ Ein Song von Pankow. Was haben wir denn gewollt? Soziale Gerechtigkeit und Freiheit!

„Boah, ja! Du sensibler Ossi-Fritze! Dit will doch keena mehr wissen“, ätzt mein innerer Berliner. „Am Ende hat sich ehm Haselhopf uff dit Janze ruffjesetzt und ist mit Blinklichta anne Jacke am Brandenburjer Tor rumjehopst. So is dit mitte Jeschichte. Milljonen sind in’ Westen jerannt und mit Cola und billije Elektronik zurückjekomm. Und alle ham se Haselhopf jehört. Und die janzen Koofmichs ham fetten Schmott jemacht mitte Mauer. Und keena wusste mehr, wie’t wirklich war. Is ja ooch ejal. Ick jeh jedenfalls jetz int Bette.“ Da steh ich nun, ganz allein, mit der Bresche vor Augen, die Hasselhoffs Elefant in der Mauer hinterlassen hat. Oder war’s doch Hannibal? Egal. Schöne Feier!

Zum Weiterlesen:

Torsten Harmsen: Der Mond ist ein Berliner. Wunderliches aus dem Hauptstadt-Kaff, be.bra Verlag, Berlin 2019. 224 S., 14 Euro.