Der kleine Kai ist gerade fünf Monate alt – und schon jetzt ein Star im World Wide Web. Mehrere Fotos von ihm gibt es auf einer Internet-Seite, darunter kurze Texte über das Leben des Mini-Berliners. „Über vier Monate bin ich nun schon alt und esse auch schon meinen ersten Brei. Der schmeckt mittlerweile echt gut. Noch schlafe ich am besten neben Mama ein und finde es auch toll, wenn sie neben mir liegen bleibt.“

Das ändert sich für Verbraucher ab dem 1. August

Das, was hier wie das lustige Tagebuch eines Kleinkindes klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Erstellt wurde die Website von Romy G., Kais Mutter. Sie ist 33 Jahre alt, arbeitet als Projektkoordinatorin im IT-Bereich und lebt mit ihrem Mann und dem Kleinen in Tegel. Derzeit ist sie Hausfrau. Anfang 2019 will sie zurück in ihren Job – doch sie findet keinen Kita-Platz für den Jungen.

Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, was Eltern inzwischen tun, um einen der begehrten Plätze zu bekommen – für viele ist er wie ein Sechser im Lotto. Rund 3000 Plätze fehlen in der Stadt, heißt es. Wie viele es genau sind, kann niemand genau sagen – Fakt ist nur, dass von 174.000 Kita-Plätzen zuletzt nur 164.000 angeboten wurden. Viele Eltern verklagen Berlin, weil sie keinen Platz für ihren Nachwuchs bekommen – andere werden kreativ.

„Ich spekuliere darauf, dass ich durch Zufall an einen Platz komme“

Romy G. hat bereits das durchlebt, was viele Eltern in der Stadt frustriert. „Ich war bei einem Info-Abend in einer Kita, da waren mehr Eltern da als freie Plätze zur Verfügung stehen“, sagt sie. „Bei anderen Kitas landete ich entweder auf einer Warteliste oder ich bekam gesagt, dass alles voll ist.“

Weil sie wieder arbeiten will, sucht sie nach einem Kita-Platz für Januar. Zwar gäbe es minimale Chancen auf einen Platz – aber erst im August 2019, bekommt sie mitunter zu hören. „Dann könnte ich nicht in den Job zurück – oder mein Mann müsste den unbefristeten Vertrag, den er antreten soll, aufgeben.“ Beides ist für die Familie keine Option – auch, weil Romy G. möchte, dass ihr Sohn mit anderen Kindern spielen kann. „Damit er auch soziale Kompetenzen lernt“, sagt sie.

Die Ansprüche an den Platz sind nicht hoch: Die kleine Familie wohnt in Tegel, G. arbeitet am Platz der Luftbrücke – solange die Kita irgendwo entlang der Strecke der U-Bahn-Linie U6 liegt, wäre sie zufrieden. In ihrer Not entwickelte sie eine Idee. „Ich war Informatikerin, habe mehrere Webseiten gestaltet“, sagt sie. „Mein Gedanke war: Man muss Sichtbarkeit schaffen. Auf Zetteln erfährt man aber nichts über das Kind.“ Die Idee einer Info-Seite im Netz war geboren. „Ich spekuliere darauf, dass ich durch Zufall an einen Platz komme, weil sich in einer Kita jemand an die Website erinnert, wenn etwas frei wird.“

Zettel an Laternen

Auf der Internetseite dokumentiert sie Kais Entwicklung – und schreibt auch in seinem Namen, was er isst, wie er schläft. Informationen, die für eine Kita hilfreich sein können. „Heute bin ich fünf Monate altgeworden und der zweite Brei ist dran“, hieß es kürzlich. „Karotte schmeckt ganz anders als mein leckerer Abendbrei, den ich schon fast jeden Abend aufesse.“

G. hängt außerdem Zettel mit dem Hinweis zur Internetseite in der Stadt auf, in Supermärkten, an Laternen. „Ich habe sogar überlegt, eine Art Bewerbungsmappe zu drucken“, sagt sie. „Wenn die Politik sich nicht um das Thema kümmert, muss man solche Wege gehen. Das Problem: Es werden Erzieher gesucht, die wachsen nicht auf Bäumen. Es müssen Ausbildungsplätze geschaffen werden, es muss Ausbilder geben.“

Müssen in Zukunft Eltern mit Flugblättern für ihre Kinder werben? Man kann es befürchten – immer wieder gerät die „Kita-Krise“ in den Fokus. Zuletzt erhitzte Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (SPD) mit seiner Forderung nach einer Kita-Pflicht für alle Kinder die Gemüter, im Abgeordnetenhaus stieß er auf Ablehnung. Die Linken-Fraktionschefin Carola Bluhm sprach von einer „populistischen Scheindebatte“ im Sommerloch. „Solange wir es in Berlin nicht hinbekommen, allen Eltern, die es wollen, zügig einen Kita-Platz anzubieten und noch nicht einmal jene, die aufgrund von Sprachdefiziten dazu verpflichtet wären, versorgen können, klingt der Ruf nach einer Kita-Pflicht in deren Ohren wie Hohn.“

Romy G. sagt, mit ihrer Geschichte wolle sie keine Werbung für ihren Sohn machen. Aber sie wolle „auf die Situation aufmerksam machen – und andere Lösungsmöglichkeiten aufzeigen als Berlin zu verklagen“. Trotz des eigenartigen Wegs habe sie darauf geachtet, ihren Sohn zu schützen: Sobald sie einen Kita-Platz für Kai gefunden habe, werde die Wordpress-Internetseite gelöscht.

Die Seite steht im Netz unter: kaisuchteinenkitaplatz.wordpress.com