Unter den Linden im Zeichen der Coronakrise: Wo sich bis vor kurzem Fahrzeuge drängten, sind die Fahrbahnen fast leer.
Thomas Uhlemann

BerlinCorona leert die Berliner Straßen. Auf wichtigen Magistralen ist der Verkehr deutlich zurückgegangen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Verkehrsinformationszentrale (VIZ) Berlin, die am Dienstag von der Senatsverkehrsverwaltung vorgelegt wurde. Doch die Rückgänge nehmen je nach Straßen unterschiedliche  Ausmaße an, und mit Werten zwischen einem Drittel und einem Fünftel sind sie zumindest bislang auch noch nicht so umfangreich, wie manche Verkehrsaktivisten das erwartet haben. Die Zahl der Lastwagen hat sich auf manchen Straßen in Berlin sogar deutlich erhöht. 

Die Experten haben untersucht, wie sich der Verkehr seit der Verschärfung der Coronakrise entwickelt hat. Vergleichsmaßstab für die aktuellen Daten ist die mittlere werktägliche Verkehrsstärke in der zehnten Kalenderwoche, die sich über den Zeitraum vom 2. bis 8. März erstreckte. Seitdem haben Politik und Behörden mit zunehmend einschneidenden Maßnahmen auf die Pandemie reagiert. Bisheriger Höhepunkt waren in Berlin die Kontaktbeschränkungen, die am 23. März, also zu Beginn der 13. Kalenderwoche, in Kraft getreten sind. 

Die Verkehrsinformationszentrale des Landes Berlin betreibt ein Netz von mehr als 300 Dauermessstellen auf den Berliner Hauptverkehrsstraßen. Die Infrarotdetektoren haben die Daten für die vorliegende Auswertung geliefert. Sie bestätigen erste Trends, über die in der vergangenen Woche in der Berliner Zeitung berichtet wurde.

Zu den Hauptverkehrsadern, mit denen sich die Statistiker befasst haben, gehört die Leipziger Straße in Mitte. Auf der einst stark belasteten Ost-West-Magistrale hat sich der Verkehr in der 13. Kalenderwoche auf rund zwei Drittel des Vergleichswerts aus der zehnten Woche eingependelt, so die Bilanz. Ein Schlaglicht zeigt der Vergleich für die Freitage: Am 6. März schlugen die Detektoren auf dem Messabschnitt zwischen Mauer- und Friedrichstraße noch 37028 Mal an, am 27. März wurden dagegen 24 163 Kraftfahrzeuge gezählt.

25 Prozent weniger Verkehr auf dem Tempelhofer Damm

"Auch in der Frankfurter Allee ist der Rückgang deutlich zu erkennen, allerdings auf einem etwas niedrigeren Niveau", so die VIZ-Fachleute weiter. "Hier hat sich der Straßenverkehr um rund ein Viertel reduziert." Wieder der Vergleich für die beiden genannten Freitage: Am 6. März wurden auf der Friedrichshainer Magistrale westlich des S-Bahn-Rings 48922 Kraftfahrzeuge gezählt, am 27. März 36311.

Ähnlich groß (oder klein, je nach Sichtweise) ist die Abnahme des Verkehrs auf dem Tempelhofer Damm, einer weiteren wichtigen Hauptverkehrsstraße in Berlin. Dort hat sich der Rückgang in der 13. Kalenderwoche etwas über der 25-Prozent-Marke eingependelt. Am 6. März schlugen die Zähldetektoren, die sich nördlich der Ordensmeisterstraße  befinden, 36131 Mal an. Am 27. März, nach Inkrafttreten der Kontaktbeschränkungen, fand dies 26613 Mal statt.

Die Statistiker befassten sich auch mit der Berliner und Potsdamer Straße in Zehlendorf-Mitte. "Dort ist der Straßenverkehr um rund ein Drittel zurückgegangen, hier liegt das Niveau an Wochenenden etwas höher", so die Verkehrsinformationszentrale Berlin.

Nur 20 Prozent Abnahme in Prenzlauer Berg

Ein wichtiger Straßenzug im Osten Berlins ging ebenfalls in die Auswertung ein. Auf der Bornholmer/Wisbyer Straße in Prenzlauer Berg ist der Rückgang des Verkehrs "nicht so stark wie auf den anderen untersuchten Abschnitten", so die Auswertung. Die Werte hätten sich auf "gut 80 Prozent des Regelniveaus eingependelt". Die Zähldetektoren befinden sich dort in Höhe der Schönhauser Allee.

Auch wenn der Verkehr nicht so stark abgenommen hat wie manch einer das erhofft hatte: Staus sind auch in Berlin inzwischen eine Seltenheit geworden. "Mit dem allgemeinen Rückgang der Verkehrsstärke sind stadtweit auch nur noch geringe Stauanteile zu beobachten", so die VIZ Berlin.

Hier ist ein Vergleich der Montage interessant - der Wochenauftakt ist traditionell ein Tag mit vielen Staus und zähflüssigem Verkehr. Beeinträchtigten solche Störungen am Morgen des 6. März noch  einen Anteil von mehr als 15 Prozent des gesamten untersuchten Straßennetzes, waren es am 23. März knapp zwei Prozent - wobei Staus fast überhaupt nicht mehr gemeldet wurden. Der Durchschnittswert für 2019 lag bei zehn Prozent.

Ähnlich sieht es im Berliner Nachmittagsberufsverkehr aus. Summierten sich zähflüssiger Verkehr und Staus im Jahresdurchschnitt 2019 auf fast 15 Prozent des Straßennetzes, so waren es in der vergangenen Woche nicht mehr als zwei Prozent.

Interessant ist, dass sich die Zahl der Lastwagen zum Teil deutlich erhöht hat. Der Tempelhofer Damm ist eine von mehreren Straßen, auf denen das Lkw-Aufkommen in der 13. Kalenderwoche deutlich über dem Durchschnitt lag. Am 26. März, dem vergangenen Donnerstag, erreichte sie fast 140 Prozent des Vergleichswertes. Auf dem Adlergestell in Adlershof, wo sich die Infrarotdetektoren der Verkehrsinformationszentrage in Höhe des Glienicker Wegs befinden, wurden am 23. und 24. ähnliche Belastungen gemessen. Auch die Zählstelle in Zehlendorf-Mitte verbuchte solche Prozentwerte.

Bundesrecht steht flächendeckendem Tempo 30 entgegen

Um die Krankenhäuser von Unfallopfern zu entlasten und für den erwarteten Ansturm von Coronakranken frei zu halten, werden weltweit Geschwindigkeitsbeschränkungen diskutiert. So dürfen Autos auf der Isle of Man, einer Insel in der Irischen See, inzwischen generell nur noch 40 Meilen (64 Kilometer) in der Stunde fahren. Berliner Verkehrsaktivisten haben den Senat aufgefordert, für das gesamte Stadtgebiet Tempo 30 festzusetzen.  

"Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz teilt die Überzeugung, dass die grundsätzliche Reduzierung auf Tempo 30 im Stadtgebiet nachweislich die Wahrscheinlichkeit schwerer Unfälle senkt", entgegnete Dorothee Winden. "Für die flächenhafte Anordnung von Tempo 30 beziehungsweise die Festschreibung von 30 Kilometer pro Stunde als Regelgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften ist aber eine Änderung der Straßenverkehrsordnung (StVO) auf Bundesebene erforderlich. Dafür hatte sich die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz im Rahmen der jüngsten StVO-Novellierung eingesetzt." Allerdings konnte Berlin dafür im Bundesrat keine Mehrheit erzielen, so die Sprecherin von Senatorin Günther.