Erst waren es nur ein paar Frauen, die vor Göbels Laden in der Landsberger Allee 54 lauthals protestierten, weil die Butter schon wieder teurer geworden war. Der Kaufmann schloss das Geschäft, doch gegen 20 Uhr standen da fast 6000 Menschen, johlten, pfiffen, warfen Steine ins Schaufenster und auf die angerückten Polizisten. Erst um 22.30 Uhr herrschte wieder „Ruhe auf der Straße“, wie der Polizeibeamte Marschke protokollierte.

Das war am 15. Oktober 1915, seit mehr als einem Jahr quälte der Erste Weltkrieg Europa. Keines der kriegführenden Länder hatte irgendwelche Vorkehrungen für die Ernährung der Bevölkerung getroffen. Als eine Seeblockade der Entente-Staaten Deutschlands Versorgung abgeschnürt hatte, setzen 1915 die ersten Rationierungen ein.

Berlin hatte schon im Februar 1915 als erste deutsche Stadt „Brotkarten“ eingeführt. Überall sah man „Polonäsen“ – so nannten die Berliner die immer länger werdenden Schlangen vor Lebensmittelgeschäften. Dort standen die Frauen oft schon in der Nacht an. Am Morgen, wenn sie zur Arbeit mussten, kamen die Kinder als Ablösung. Die Empörung wuchs: Die Unruhen wegen der Butter setzten sich den ganzen Oktober über fort, vor allem in den Arbeiterbezirken Friedrichshain und Lichtenberg.

Am 11. März 1916 verfügte der Generalstab ein „Kuchenbackverbot“. Mehl gab es nur noch für Brot, alle Konditoreien machten dicht. Wer zuwider handelte, musste Strafen bis zu 1500 Mark und sechs Monate Gefängnis fürchten.

Rübe als Mecklenburgische Ananas

Vom 20. März an limitierte die Kartoffelkarte die Versorgung auf fünf Kilo pro Erwachsenem in zehn Tagen, Kindern kam die Hälfte zu. Dann halbierte die Kartoffelfäule die Ernte, und es gab nicht einmal mehr dieses Grundnahrungsmittel. Die inländische Agrarproduktion war seit Kriegsbeginn generell gefallen, die von Zucker und Hafer um rund die Hälfte. Die Männer, die in den Schützengräben litten, fehlten auf dem Feld; auch die meisten Pferde standen im Kriegsdienst.

Ganz schlimm kam es im strengen Winter 1916/17; die durchschnittliche Versorgung für die Stadtbevölkerung sank auf 1000 Kalorien pro Tag, die Hälfte des Mindestbedarfs. Die amtliche Tagesration für Erwachsene betrug 270 Gramm Brot, 35 Gramm Fleisch (einschließlich Knochen), 25 Gramm Zucker, ein Viertel Ei. Oft war es ein Kampf, selbst diese Hungerration zu bekommen.

Der Berliner Arzt Alfred Grotjahn schrieb 1915 in sein Tagebuch:„Jetzt beginnt allmählich das eigentliche Hungern. Heute besuchte mich ein früherer Patient, der 66 Pfund verloren hat.“ Der Historiker Hans-Ulrich Wehler resümierte: „Im Grunde war der Krieg im Frühjahr 1916 ernährungswirtschaftlich verloren.“

Schweinefutter für Berliner

Kohl- oder Steckrüben, eigentlich als Schweinefutter angebaut, sollten Ersatz liefern. Sie wurden dem Brotteig zugesetzt, zu Marmelade verkocht, zu Kaffee-Ersatz zerrieben. Die Rüben enthalten zwar einige wichtige Stoffe wie Traubenzucker, Eiweiß, Fett und Vitamine – doch sind sie wegen des hohen Wassergehaltes sehr kalorienarm. Nun gab es früh Kohlrübensuppe, mittags Kohlrübenkotelett, abends Kohlrübenkuchen. Die Propaganda verbreitete Rezepte für die „Mecklenburgische Ananas“. Es erschienen Steckrübenkochbücher.

Doch blieb sie unbeliebt: Die für die Verteilung zuständige Reichskartoffelstelle saß im Februar 1917 auf 80 Millionen Zentnern, ließ sie trocknen, zu Rübenmehl mahlen, das mit Kartoffelmehl und Maggi-Suppenwürfeln gemischt als „Vollkost“ an die Hausfrau gebracht wurde: Wer Lebensmittel kaufen wollte, musste auch die Not-Kreation abnehmen.

Der Steckrübenwinter hat sich tief in das Gedächtnis des Volkes eingegraben – Hermann Göring wusste das und versprach, als Aufmunterung für den nächsten Krieg mehrfach: „Wenn gehungert wird, dann hungert nicht der Deutsche, sondern andere.“ Er meinte Russen, Ukrainer, Polen, die dann tatsächlich zu Millionen verhungerten.

Streiken gegen den Hunger

Als im April 1917 die Rationen abermals gekürzt wurden, brachen im selben Monat in Berlin die Brotstreiks los. 300.000 Arbeiterinnen und Arbeiter aus mehr als 300 Betrieben, vor allem Munitionsfabriken, trieb der Hunger auf die Straße. Noch war es vor allem der Hunger.

Das sollte sich ändern. Im Jahr darauf lag Revolte in der Luft. Die Oktoberrevolution von 1917 in Russland weckte auch in Deutschland Hoffnungen auf Umsturz. Angesichts des Friedensangebots der Sowjetunion und des brutalen, auf Annexionen ausgerichteten Vorgehens der Obersten Heeresleitung bei den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk erneuerte die Linke im Frühjahr 1918 ihre Forderung nach einem Frieden „ohne Annexionen und Kontributionen“.

Gegen den scharfen Kurs der Heeresleitung traten vor allem die linke Abspaltung der Sozialdemokraten, die USPD, und deren radikaler Flügel Spartakusbund auf. Als am 28. Januar 1918 dann 400.000 Berliner Arbeiter deren Streikaufruf folgten, lautete ihre Hauptforderung „Frieden und Brot!“.

Die Rüstungs- und Munitionsindustrie machte den Anfang, andere Branchen folgten. Zum ersten Mal traten in größerem Umfang Arbeiterräte auf. Die Aktionen, die als Januar-streiks in die Geschichte eingehen sollten, ließen Regierung und Militär einen allgemeinen Aufstands befürchten. Polizeispitzel warnten ihre Vorgesetzten vor der realen Gefahr einer Revolution.

Generalleutnant Wilhelm Groener, Chef des zuständigen Kriegsamtes, schimpfte: „Ein Hundsfott, wer streikt, solange unsere Heere vor dem Feind stehen.“

Zwiespältig: die SPD

Am 31. Januar 1918 verhängte Generaloberst Gustav von Kessel, Gouverneur von Berlin, den verschärften Belagerungszustand über die Stadt. Fortan wurden – meist bei heftigem Schneefall – Demonstrationen und Kundgebungen gewaltsam aufgelöst; es gab Tote und Verletzte.

Bestreikte Großbetriebe unterstanden militärischer Kontrolle. Den Streikenden wurde eine Frist bis zum 4. Februar 1918 zur Arbeitsaufnahme gesetzt. Andernfalls drohten Verhaftung oder – schlimmer noch – Einberufung zum Kriegsdienst. Am 3. Februar verkündete die Streikleitung daher den Abbruch der Aktionen. Aber deren Botschaft war unmissverständlich: Die Bevölkerung hatte genug von Hunger, Krieg und Durchhalteparolen für die Heimatfront.

Schicksalhaft verliefen die Streiks für die Sozialdemokratie. Weder SPD noch Gewerkschaften hatten die Aktionen unterstützt. Friedrich Ebert, Parteivorsitzender, seit 1917 gemeinsam mit Philipp Scheidemann, hatte während des ganzen Krieges die Politik der „Vaterlandsverteidigung“ vertreten und ein Stillhalten im Innern im Sinne eines Burgfriedens gefordert. Jetzt zerriss diese Haltung die Partei. Als Ebert und Scheidemann auf Druck der Arbeiterschaft in die Streikleitung eintraten, hieß es in einer Resolution des Parteivorstandes, man wolle „die Bewegung in geordneten Bahnen halten“.

Dem erzwungenen Ende der Streiks folgten Massenverhaftungen; 50.000 bislang als kriegswichtig vom Frontdienst befreite Rüstungsarbeiter erhielten ihre Gestellungbefehle. Viele von ihnen starben noch in den Schützengräben bis der Erste Weltkrieg am 11. November 1918 mit einem Waffenstillstand zu Ende ging; der Kaiser hatte abgedankt, die Republik war ausgerufen.