Für den 13-jährigen Linus ist es die erste Demonstration seines Lebens, aber mit dem Spruch auf seinem selbst gemalten Plakat hat er schon professionell zugegriffen: „Bildung darf kein Flughafen sein“, steht darauf in Anlehnung an ein bekanntes Berliner Sorgenthema. Der Blondschopf hält es lachend in die Höhe. Er ist einer von 700 Schülern, die am Mittwoch statt zur Schule zum Demonstrieren gingen, um auf den unerträglichen Zustand ihrer Schulgebäude hinzuweisen.

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„Unsere Bildung bröckelt“ haben andere Teilnehmer auf ihr Plakat geschrieben oder „Sanierungsstau macht keinen schlau“. Die Stimmung vor dem Rathaus Zehlendorf ist so gut gelaunt und aufgeregt wie vor dem Aufbruch zum Schulausflug, doch die Jungen und Mädchen wissen genau, weswegen sie da sind. Die Siebtklässler Aimée, Nils und Gina zum Beispiel. Die drei 14-Jährigen sind vom Fichtenberg-Gymnasium, eine der Schulen mit dem größten Sanierungsbedarf berlinweit. Seit Jahren.

Kletterseile sind brüchig

„Weil es durchs Dach regnet, können wir den Musikraum nicht benutzen“, erzählt Aimée. In manchen Ecken schimmele es bereits. „Die Toiletten benutzen wir auch kaum noch“, so Aimée, „bei den Jungs gibt es noch nicht einmal Türen an den Kabinen.“ Immerhin: Der Turnsaal ist benutzbar. „Wir dürfen aber nicht mehr an den Seilen hochklettern, weil die schon morsch sind“, erzählt Nils während sich der Zug bereits in Bewegung setzt. Gina ergänzt noch: „In die Aula durften wir nur mal kurz, um etwas zu holen, sonst ist sie gesperrt. Einsturzgefahr.“

Weiter vorne laufen Matteo, Lui und Cedrik vom Schadow-Gymnasium. Sie haben ebenfalls selbst gebastelte Plakate dabei, die im Lauf des Marsches ganz schon schwer werden, weil sie an dicken Ästen befestigt sind. „Wir dürfen uns nicht an die Fenster in unseren Klassenräumen lehnen, weil sie rausbrechen könnten“, erzählt einer von ihnen. Er ist kaum zu verstehen, weil die Achtklässler vom Lilienthal-Gymnasium einen echt guten Lautsprecher dabei haben, mit dem sie Rap-Musik in die Menge schallen.

Einer von ihnen, der 13-jährige Konrad, gibt dennoch bereitwillig Auskunft. „Wir haben zwar noch eine Turnhalle, dort aber keine funktionierenden Toiletten und Wasserhähne mehr“. Wer mal muss, geht quer über den Schulhof in einen anderen Gebäudeteil. Die Misere mit den Toiletten ist typisch für ganz Berlin, die Schüler machen deshalb keine große Sache daraus. Die Demo ist ihnen dennoch so wichtig, dass viele von ihnen mitmachen, obwohl ihnen ein Eintrag wegen unentschuldigten Fehlens droht. Auch Konrad rechnet damit. „Aber es ist mein Recht hier zu sein“, sagt er.

Auf dem Wagen mit der Lautsprecherbox, die leider nicht funktioniert, steht der Organisator der Demo, Juri Strauss vom Bezirksschülerausschuss. Er findet, dass die Demo ein echter Erfolg ist, auch wenn weniger da sind als im letzten Jahr. Aus Geldnot konnte man erst kurz vor dem Termin die Flugblätter drucken und zur Demo aufrufen. Vor dem Wagen läuft Katharina van Kampen. Die 18-Jährige ist Schulsprecherin am Goethe-Gymnasium und hat gerade Abi gemacht. Am Freitag erfährt sie ihre Noten.

Keine Chemie-Versuche

Auch das Gebäude der Goethe-Oberschule ist marode. „Im Januar 2014 ist bei uns ein Chemie-Saal ausgebrannt“, erzählt sie, „er ist immer noch nicht fertig renoviert. Der andere Chemieraum hat einen Giftschrank, den man nicht abschließen kann. Außerdem funktioniert dort der Abzug nicht, wir können keine Versuche mit giftigen Gasen machen.“ Während der Sanierung des einen Chemieraumes habe es ein Loch im Fußboden gegeben, durch das man in die Umkleidekabine der Mädchen blicken konnte, die daraufhin ebenfalls gesperrt wurde. Immerhin: Die Turnhalle ist neu und darf benutzt werden.

Die Schüler-Demo führt vom Rathaus Zehlendorf zum Rathaus Steglitz. Politiker haben sich aber keine angesagt. Nur FDP-Spitzenkandidat Sebastian Czaja ist spontan vorbeigekommen, wie er sagt. „Ich unterstütze die Forderungen der Schüler mit großen Nachdruck.“