Berlin - Beim Blick in die nackten Zahlen kann einem der Atem stocken. „Die Gruppe der 65- bis 80-Jährigen wird bis 2030 um 14,4 Prozent zunehmen“, sagte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) am Dienstag zunächst ganz sachlich, als er die aktuelle Bevölkerungsprognose für die Hauptstadt vorstellte. Dann hielt der 47-Jährige inne, schaute etwas melancholisch in die Runde – und fügte hinzu: „Auch ich werde diese Gruppe dann verstärken.“

Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Der Stadtentwicklungssenator, geboren in Tempelhof, plant sein Pensionärsdasein in Berlin. Und: Nur weil die Hauptstadt bis 2030 um eine Viertelmillion Menschen wächst – mehrheitlich junge Menschen kommen in die Stadt –, wird die Bevölkerung insgesamt insgesamt nicht etwa jünger, sondern nur etwas langsamer älter als im Durchschnitt der Bundesrepublik.

Der Senat ist davon überzeugt, dass die neue Wachstumsprognose für Berlin auch eintreffen wird. Man habe eine sichere Datenbasis, sagte Müller. Der Zuwachs von 2011 bis 2030 um 7,2 Prozent sei eine „erhebliche Größenordnung“, nämlich so viel wie eine Stadt von der Größe Mönchengladbachs oder, berlinisch gesprochen, ungefähr ein Bezirk mehr. Andererseits sei dies aber auch kein explosionsartiges Wachstum wie in manchen Metropolen Chinas, Indiens oder Südamerikas, wo derartige Raten teils jährlich gemessen werden. „Städte wachsen weltweit, Berlin liegt im Trend“, sagte Müller.

Wachstumsfaktor Zuwanderung

Zum Vergleich: Hamburg erwartet nach der jüngsten Prognose von 2010 ein Wachstum von knapp sechs Prozent bis 2030. München dagegen, nach ganz aktuellen Zahlen, rechnet mit 15 Prozent mehr Einwohnern in diesem Zeitraum. Für ganz Deutschland dagegen wird, je nach Geburten- und Zuwanderungsszenario, ein Rückgang etwa zwischen drei und sechs Prozent erwartet.

Zuwanderung ist dabei auch für Berlin der entscheidende Wachstumsfaktor. Bis 2030 kommen etwa 275.000 Menschen mehr in die Hauptstadt als umgekehrt; im selben Zeitraum werden aber laut Prognose 21 000 mehr Menschen sterben als geboren werden. Im Ergebnis bleibt daher ein Plus von 254 000 Menschen, insgesamt wächst die Einwohnerzahl also von derzeit 3,5 Millionen Menschen auf 3,75 Millionen.

Grundlage für politische Planung

Dieses mittlere Szenario von insgesamt dreien, die die Experten entworfen haben, diene als Grundlage für die politische Planung, sagte Müller. In der kühnsten Version wüchse Berlin demnach sogar auf 3,9 Millionen Menschen bis 2030, in der zurückhaltendsten dagegen nur auf 3,6 Millionen.

Eines bleibt aber in jedem Fall Gewissheit: Berlin wird älter. So erhöht sich das Durchschnittsalter von derzeit 42 auf 44 Jahre. Die Zahl sehr alter Menschen, 80 Jahre und älter, wächst sogar um 80 Prozent, während die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter (18 bis 65 Jahre) nahezu konstant bleibt. Die Zuwanderung meist Jüngerer dämpft also die Alterung, kann sie aber auch hier nicht aufhalten.

Damit sind die wichtigsten Themen der Stadtentwicklung gesetzt. „Wir brauchen die entsprechende Infrastruktur“, sagte Müller. Berlin benötige mehr Wohnungen, die Zahl von rund 150 000 neuen Wohnungen bis 2030, die der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) bereits fordert, halte er durchaus für die richtige Größenordnung. Bis 2016 sollen jährlich rund 6 000 Wohnungen gebaut werden, von Landesgesellschaften, Privaten und Genossenschaften.

Danach wäre eine Beschleunigung des Neubaus auf jährlich neun- bis zehntausend Wohnungen fällig, erklärte der Senator. Aber auch die Planungen für Kitas, Schulen, Krankenhäuser und Friedhöfe müssen angepasst werden, ebenso die für den Verkehr – wo laut Müller aber nicht mehr Autos, sondern mehr Fußgänger, Radfahrer und mehr Bus- und Bahnfahrer zu erwarten sind. Dass Berlin sich jetzt schon die richtigen Ziele setzt, sieht Müller ganz aktuell durch die Europäische Kommission bestätigt. Denn die verlieh der deutschen Hauptstadt am Montag den renommierten Preis für die „Barrierefreie Stadt 2013“.