Berlin - Die Einwohnerzahl Berlins wird bis zum Jahr 2030 noch einmal stark steigen – und zwar um rund 250.000 Personen. Das geht nach Informationen der Berliner Zeitung aus der aktuellen, noch nicht veröffentlichten Bevölkerungsprognose der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hervor. Die Zahl der Hauptstädter wird sich danach von jetzt 3,5 Millionen auf rund 3,75 Millionen erhöhen. Berlin wächst damit ungefähr um die Größe einer Stadt wie Braunschweig, Gelsenkirchen oder Chemnitz.

Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) bestätigte die Zahlen auf Anfrage. „Das ist eine, wie ich glaube, realistische Bevölkerungsprognose“, sagt er. Berlin erlebe bereits jetzt einen starken Zuzug. Wenn sich die Prognose bestätige, dann kämen in Zukunft „insbesondere die Jüngeren zwischen 20 und 30 Jahren“, sagt Müller. Diese Altersgruppe bleibe auch nach der Ausbildung und nach dem Studium in der Stadt, weil sich ihnen hier „gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ böten. Darüber hinaus komme „die Generation 60-Plus“ nach Berlin. Dies sei eine mobile Altersgruppe, die die Angebote für Bildung, Kultur und Gesundheit nutzen wolle, so Müller.

150.000 neue Wohnungen nötig

Der starke Einwohnerzuwachs hat Auswirkungen auf praktisch alle Lebensbereiche der Stadt. „Wir müssen unseren öffentlichen Nahverkehr entsprechend anpassen, wir brauchen soziale Einrichtungen, wir brauchen Grünflächen, aber natürlich auch Wohnungsbau“, sagt der Stadtentwicklungssenator.

Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) geht davon aus, dass für die 250.000 neuen Berliner mindestens 150 000 zusätzliche Wohnungen“ benötigt werden. Zurzeit leben im Schnitt 1,7 Personen in einem Haushalt in Berlin. „Die kräftige Bevölkerungsentwicklung ist eine großartige Chance für Berlin, stellt das Land aber auch vor neue Herausforderungen“, sagt BBU-Chefin Maren Kern. „Dabei wird es um gute Arbeitsplätze gehen, vor allem aber auch um bezahlbares Wohnen.“

Kern fordert ein Landesneubauprogramm für Berlin. Das wäre die „richtige Investition in die Zukunft“. Notwendig sei eine rasche Aktivierung von Flächen für den Wohnungsbau auf dem Areal des stillgelegten Flughafens Tempelhof und auf dem Areal des Tegeler Airports, der nach Fertigstellung des neuen Flughafens in Schönefeld nicht mehr gebraucht wird.

„Große Potenziale“ wie Tempelhofer Feld für Wohnungsbau nutzen

„Berlin kann es sich nicht leisten, dem Wohnungsbau diese großen Potenziale vorzuenthalten“, sagt Kern. Sie spielt damit auf die Forderung einer Bürgerinitiative an, das ehemalige Flugfeld in Tempelhof von jeglicher Bebauung freizuhalten. Das Areal in Tempelhof ist die prominenteste Fläche für den Wohnungsbau in Berlin. An dessen Rändern sollen 4650 Wohnungen gebaut werden.

Stadtentwicklungssenator Müller betont, dass angesichts der Prognose alle großen Flächenareale für den Wohnungsbau benötigt werden. Das betreffe Tegel und Tempelhof, aber auch die Europacity am Hauptbahnhof und die Wissenschaftsstadt Adlershof sowie den Ortsteil Buch in Pankow. Künftig werden vor allem „Zwei- und Zweieinhalb-Zimmerwohnungen“ benötigt, prognostiziert Müller – weil die Jüngeren und die Älteren „günstigen Wohnraum brauchen“.

Mit der neuen Bevölkerungsprognose müssen die Stadtplaner ihre bisherigen Annahmen zur Entwicklung Berlins innerhalb kürzester Zeit revidieren. Noch im Jahr 2009 war der Senat davon ausgegangen, dass im Jahr 2030 lediglich 3,476 Millionen Einwohner in Berlin leben. Grundlage war eine Prognose für den Zeitraum von 2007 bis 2030.

120.000 mehr Berliner seit dem Jahr 2000

Tatsächlich übt Berlin eine ungeheure Anziehungskraft aus, die die Zahl der Bewohner sehr viel schneller steigen lässt. Bei jungen Leuten gilt Berlin als cool, Internetfirmen wie Google oder Zalando haben sich angesiedelt. Weiteren Zuwachs gibt es durch die Hauptstadtfunktion. Die Bundesregierung beschäftigt mehr und mehr Mitarbeiter in Berlin statt in Bonn. Und in den nächsten Jahren verlegt auch der Bundesnachrichtendienst 2000 Arbeitsplätze von Pullach in seine neue Zentrale in der Hauptstadt.

Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Einwohner um 120.000 gestiegen. Am 31. Dezember 2011 waren nach Angaben des Amtes für Statistik 3.501.900 Einwohner in Berlin registriert. Demnach legte die Hauptstadt allein im vergangenen Jahr um rund 41.000 Bürger zu.

Hauptursache für den Bevölkerungszuwachs im vergangenen Jahr ist ein sogenannter Wanderungsgewinn von 39.400 Personen. Das bedeutet: 158.800 Menschen verlagerten ihren Wohnsitz nach Berlin, während nur 119.400 die Stadt verließen. Von den Personen, die die Statistiker als Wanderungsgewinn bezeichnen, kamen die meisten aus dem Ausland: 24.100. Von ihnen stammen 3300 aus Polen, 2800 aus Bulgarien und 2000 aus Spanien. Zur positiven Bilanz von 2011 trug außerdem bei, dass es 1700 mehr Geburten als Todesfälle gab.