Steigende Fahrgastzahlen in Berlin: Die Straßenbahn bekommt drei neue Strecken

Berlin - Tempo, Tempo! So schnell wie möglich soll das Berliner Straßenbahnnetz wachsen – so hat es der Senat angekündigt. Jetzt wird damit ernst gemacht. Nicht mehr lange, dann erreichen die ersten drei Neubauprojekte eine entscheidende Phase: das Genehmigungsverfahren.

„Im Juli/ August werden die Planfeststellungsanträge gestellt“, sagte Petra Reetz, die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). „Wenn alles planmäßig läuft, können alle drei Strecken bis Ende 2020 fertig sein.“ Die Neubautrassen verlaufen durch Moabit, Friedrichshain sowie zwischen Adlershof und Schöneweide. Doch ihr Nutzen reicht weit darüber hinaus.

Im Zehn-Minuten-Takt ins Zentrum

Strecke Nummer 1 wird vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Turmstraße führen. Vor dem Gefängnis biegen die Gleise in die Rathenower Straße ab, danach in die Turmstraße. Die 2,2 Kilometer lange Strecke, die fast 20 Millionen Euro kosten soll, verläuft größtenteils auf einem eigenen Bahnkörper – ungestört vom übrigen Verkehr.

Damit wird die M 10 aus Friedrichshain, die heute noch am Hauptbahnhof endet, wieder ein Stück länger. Künftig rollt ein Teil der Bahnen im Zehn-Minuten-Takt ins Zentrum von Moabit. Dort besteht Anschluss an die U 9 – was neue schnelle Umsteigeverbindungen ermöglicht.

Parkplätze fallen weg

Auch die Strecke Nummer 2 wird den Fahrgästen neue und bequeme Anschlüsse bieten. In Zukunft hält die Straßenbahn am Bahnhof Ostkreuz. Der wichtigste Nahverkehrsknoten im Osten der Stadt wird von Westen aus über die Holtei- und Sonntagstraße erreicht. Dort verschwindet das Kopfsteinpflaster, aber auch 90 Parkplätze und eine Autofahrspur fallen weg.

Von Osten aus geht es von der Marktstraße schnurstracks zum Ostkreuz. Planungen sehen vor, die Straßenbahnlinie 21 auf die ein Kilometer lange und 13 Millionen Euro teure Strecke zu verlegen – mit einem Zehn-Minuten-Takt zum Bersarinplatz in der einen und zur Kosanke-Siedlung in die andere Richtung.

Strecke Nummer 3 entsteht im Südosten – rechtzeitig genug, bevor die Bebauung rund um den Groß-Berliner Damm verdichtet wird. Das 2,6 Kilometer lange Doppelgleis, das meist auf einer eigenen begrünten Trasse verläuft, schließt die Lücke zwischen der Wissenschaftsstadt Adlershof und Schöneweide. 18 Millionen Euro kostet die Trasse, auf der Straßenbahnen der Linien M 17, 61 und 63 verkehren sollen.

„Es läuft gut. Mit der Straßenbahn geht es schneller als bisher voran“, hieß es in der Senatsverwaltung. Das war nicht immer so: Früher hätten Mitarbeiter, für die der Autoverkehr wichtiger ist, die Vorbereitungen in die Länge gezogen. Doch der neue Verkehrs-Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) setze mehr Tempo durch. Es gebe mehr Personal, auch in der Planfeststellungsbehörde, die für Genehmigungsverfahren zuständig ist.

Dem Vernehmen nach soll das Verfahren für die Strecke in Friedrichshain am 13. Juli beginnen. „Ich werde darauf achten, dass es dann auch wirklich losgeht“, sagte der SPD-Abgeordnete Sven Heinemann. Früheren Ankündigungen zufolge müsste die Straßenbahn schon längst zum Ostkreuz fahren.

„Ich habe einen Brief von 2012, in dem die Senatsverwaltung die Eröffnung für 2016 ankündigt“, erzählte er. Später war von 2019 die Rede. Planer entgegneten, dass die Projektvorbereitung immer aufwendiger wird. Für den Lärm seien noch vor Beginn der Genehmigungsprozedur Gutachten nötig. Mit der Verkehrslenkung, der oberen Straßenverkehrsbehörde, musste die Trassierung abgesprochen werden – auch das dauerte. Die Strecke werde in einem dicht besiedelten Gebiet verlaufen. Da müsse alles gut vorbereitet sein.

Abgeordneter rechnet mit Klagen

„Ich hoffe, dass das tatsächlich der Fall ist“, sagte Heinemann. „Trotzdem gehe ich davon aus, dass es Klagen geben wird – zum Beispiel von Hauseigentümern in der Sonntagstraße.“ Seit Beginn der Planungen fordern Anwohner, dort auf den Bau von Gleisen zu verzichten.

Auch in anderen Stadtgebieten könnte es Streit mit Anliegern und Autofahrern geben. Auf der Projektliste des Senats stehen 14 Neubaustrecken – etwa vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz und weiter nach Steglitz, wo die BVG hohe Fahrgastzahlen erwartet, oder von der Warschauer Straße zum Hermannplatz, wo noch die Streckenführung zu prüfen ist – durch den Görlitzer Park oder drumherum?