Die Nachfrage nach Mundschutzmasken, Produkten zum Desinfizieren und Einweghandschuhen ist seit Auftreten des Coronavirus (Covid-19) gestiegen.
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Berlin - Wat is eijentlich mit die Leute los?“, fragt mein innerer Berliner. „Eben noch war’n se alle uffjeklärt und abjeklärt, und plötzlich schieben se Corona-Panik. Man hat fast den Eindruck, als ob bald Typen mit Schnabelmasken durch de Jejend loofen und Pestzeichen an de Häuserwände malen.“

Ja gut, man kann sich aufregen. Man kann aber auch mit Humor und Ironie reagieren, so wie es manche in den sozialen Medien tun. Ein Klinikarzt: „Wir gehen mit FFP3-Maske vor der Notaufnahme auf und ab. Die Fallzahl derer, die eine Abklärung (jetzt mal endlich) wollen und derer, die wegen Lappalien dort rein wollen, sinkt rapide.“ Ein Twitter-User:   „Ich horte übrigens Handcreme. Wenn euch die Haut von den Desinfektionsmitteln in Fetzen hängt, werde endlich ich reich!“ Jemand postet ein Fake-Medikament, auf dem steht: „Coronex-ratiopharm – Schmalspur-Antiidiotikum gegen Panikmache und Hamsterkäufe“.

Dass morgen die Welt untergeht, ist nichts Neues. So aufgeklärt wir uns auch immer vorkommen mögen – bei bestimmten Gefahren funktionieren die Reflexe des Mittelalters (Apokalypse!) zuverlässig. Vor 110 Jahren zum Beispiel wanderte die Erde durch den Schweif des Halleyschen Kometen. Ein Weltuntergangs-Zirkus setzte ein. Die Menschheit würde durch Blausäure im Kometenschweif vergiftet werden, hieß es. Die Leute rüsteten sich mit Gasmasken und sogenannten Kometenpillen aus. Am Ende passierte nichts.

Doch man muss gar nicht so weit zurückgehen. Die EHEC-Epidemie von 2011 – schon vergessen? Es herrschte die Panik vor Gurken, Salat und Tomaten! Oder die Vogelgrippe 2006. Die Bundeswehr suchte mit Tornados nach Habicht- und Schwan-Kadavern. Die Leute machten riesige Bögen um jeden Vogel, der irgendwo traurig herumhüpfte.

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Die Panik wiederholt sich

Interessant ist, dass in solchen Situationen fast alle irgendwann den Blick für Relationen verlieren. Das passiert, weil mehrere Dinge zusammenwirken: mediale Zuspitzungen, strenge Vorschriften der Gesundheitsbehörden und eine von Experten geschürte Erregung, die offenbar notwendig ist, um bestimmte Maßnahmen durchzusetzen.

Auf sensible Gemüter wirkt alles wie eine Ankündigung des persönlichen Endes, auch wenn es nur höchst selten droht. Ein Gedicht des Berliners Alexander Moszkowski von 1922 beschreibt das gut. Damals ging es um Bakterien, nicht um Viren, aber die Angst war die gleiche:   „Det ick mit de Hochbahn rutsche/ Kommt mir niemals in den Sinn;/ Nee, in die Bazillenkutsche/ Da kriegt mir keen Deibel rin!/ Steigste in fidel und munter,/ Pletzlich spürste Atemnot,/ Fährste bis zum Zoo hinunter,/ Steigste aus und biste dot.“

Aber nicht nur die Panik wiederholt sich, sondern auch der Impuls, Krankheitsausbrüche zu nutzen, um die Gesellschaft generell zu kritisieren. So wie es Kurt Tucholsky 1918 tat, als die Spanische Grippe ausbrach: „Nachts im Dunkel Transpirieren,/ Herzangst, Schwindel und Phantasieren,/ mittags Erhitzen, abends Erkalten,/ morgen ist alles wieder beim Alten –/ Das ist keine Grippe, kein Frost, keine Phtisis –/ das ist eine deutsche politische Krisis.“ (Phtisis bedeutet übrigens Schwindsucht.)

Ich glaube, heute haben wir vor allem eine Krisis des rationalen Denkens und der Fähigkeit, die richtigen Informationen zu erlangen und abzuwägen. Ein Tipp, um dagegen anzugehen: den täglichen Podcast mit dem Virologen Christian Drosten auf der Seite ndr.de hören!