BerlinDie ersten neuen S-Bahn-Züge für Berlin und Brandenburg sind startklar. Zwei Wochen vor der geplanten Inbetriebnahme wurde bekannt: Der Termin wird gehalten.

Damit kann wie angekündigt der Einsatz am 1. Januar 2021 beginnen. Von der Neujahrsnacht an werden die zehn Vorserienzüge der neuen Baureihe 483/484 auf der S47 im Südosten Berlins eingesetzt. Dabei handelt es sich um jeweils fünf Zwei- und Vier-Wagen-Einheiten. Die S-Bahn-Linie, auf der die neue Fahrzeuggeneration ihre Premierenfahrten absolvieren wird, verbindet Spindlersfeld mit Schöneweide, Baumschulenweg, Neukölln und Hermannstraße. Die erste Fahrt soll kurz nach dem Jahreswechsel kurz nach Mitternacht starten. S-Bahn-Chef Peter Buchner und Chef-Fahrzeugmanager Jürgen Strippel wollen dann am Bahnhof Schöneweide sein.

„Nach einer rund zweijährigen Testphase haben wir rechtzeitig alle Voraussetzungen für den Betriebsstart erfüllt. Die Fahrzeuge sind startklar, die Personale ausgebildet und die Werkstätten vorbereitet. Für die gute Vorbereitung bedanke ich mich bei allen Mitarbeitern der S-Bahn, DB, Stadler und Siemens Mobility, die sich unermüdlich für dieses zukunftsweisende Projekt eingesetzt haben“, sagte S-Bahn-Chef Buchner.

Zugelassen sind die klimatisierten Fahrzeuge übrigens schon länger. Das Eisenbahn-Bundesamt habe den Baureihen 483/484 am 30. Oktober die Fahrzeugtypgenehmigung erteilt, sagte ein Sprecher der Aufsichtsbehörde der Berliner Zeitung auf Anfrage. „Die Triebzüge wurden mit der beantragten Gesamt-Software-Version genehmigt. Die zwei- und vierteiligen Züge sind in allen denkbaren Kombinationen bis zu einer Zuglänge von acht Wagen mehrfach- und mischtraktionsfähig.“

„Doch wir haben die Zulassung nicht kommuniziert“, hieß es bei der S-Bahn. Denn danach mussten noch diverse Themen abgearbeitet werden. So achtete das Unternehmen darauf, dass das aufwendige Fahrgastinformationssystem funktioniert. Hier hatte es mehrmals Nachbesserungsbedarf gegeben, weil Hardware und Software nicht immer zusammenpassten. Auch Softwareprobleme beim Auseinanderkuppeln und Zusammenstellen der Zugverbände bereiteten den Experten Kopfzerbrechen. Immer wieder wurden Abnahmefahrten mit negativem Ergebnis beendet. Dem Vernehmen nach werden die neuen Fahrzeuge, die auf der Premierenlinie S47 eingesetzt werden, bis Frühjahr 2021 nun zunächst mit einer Übergangssoftware unterwegs sein. Die Verbände werden so lange nicht wie erhofft am Bahnsteig in Schöneweide auseinander- oder zusammengefügt, sondern nur in der Werkstatt.

Ein Kind der großen S-Bahn-Krise

Der Betriebsstart zu Beginn des neuen Jahres markiert den Beginn eines weiteren Kapitels einer Geschichte, die schon ziemlich lange dauert. Dass Berlin und Brandenburg neue, zuverlässige S-Bahnen brauchen, war die zentrale Forderung nach der Krise, die dieser Verkehrsträger und seine Nutzer vor mehr als einem Jahrzehnt durchstehen mussten. Diese Krise erlebte im Sommer 2009 spektakuläre Höhepunkte. Weil Wartungsfristen überschritten worden waren und immer mehr Versäumnisse ans Licht kamen, ordnete das Eisenbahn-Bundesamt die Stilllegung von bis zu zwei Dritteln der Flotte an. Der Mangel war so gravierend, dass die S-Bahn Berlin GmbH, Tochterfirma  der Deutschen Bahn (DB), den Verkehr auf der Stadtbahn einstellen musste. 

Fahrzeugprobleme und Wartungsmängel hatten über viele Jahre hinweg zu der Berliner S-Bahn-Krise geführt. Für die Schieflage, in die das Unternehmen geraten war, machten Kritiker überstürzte und zu weitgehende Rationalisierungen verantwortlich, die mit Blick auf den geplanten Börsengang der DB Arbeitsstrukturen zerstört und Fachleute vergrault hatten. Das Rationalisierungsprogramm „Optimierung S-Bahn“ der DB hatte bereits 2004 begonnen. Eine Entwicklung begann, bei deren Aufarbeitung immer wieder Namen wie Hartmut Mehdorn (damals Bahnchef), Ulrich Homburg (DB-Vorstand Personenverkehr) und Ulrich Thon (Technikchef der S-Bahn Berlin) genannt wurden.

Kritiker befürchten „Privatisierung der S-Bahn“

In Berlin führte die S-Bahn-Krise allerdings zu unterschiedlichen Folgerungen. „Die Ursache liegt in der Monopolstellung der S-Bahn GmbH“, sagte Hans-Werner Franz, damals Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg. „Ziel muss es daher sein, einen weiteren Anbieter in einem Wettbewerbsverfahren mit dem Betrieb zu beauftragen. Darum sollte die Ausschreibung für ein Teilnetz der S-Bahn schnellstmöglich vorbereitet und veranlasst werden.“

Doch während die damalige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ein Vergabeverfahren ebenfalls befürwortete, machten sich in der rot-roten Koalition auch Wettbewerbskritiker und Skeptiker bemerkbar – allen voran der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, auch er ein Sozialdemokrat. In der Linken gab es ebenfalls eine starke Strömung, die nach Wegen suchte, wie das Staatsunternehmen DB S-Bahn-Betreiber bleiben könnte. Gewerkschafter und Bündnisse wie „Bahn für alle“ befürchteten wie sie, dass die S-Bahn privatisiert wird.

Die Diskussionen führten dazu, dass die Ausschreibung erst 2013 begann. Während des Verfahrens wurde kritisiert, dass die Vorgabe, dass der künftige Betreiber des S-Bahn-Verkehrs auf dem Ring und im Südosten Berlin auch alle Neubaufahrzeuge mitbringen muss, DB-Konkurrenten abschreckt. Als die Deutsche Bahn vor fünf Jahren tatsächlich den Zuschlag sowie den 15-Jahresvertrag für die Linien S41, 42, 46, 47 und 8 bekam, war sie dem Vernehmen nach der einzige übrig gebliebene Bewerber. Stadler Pankow und Siemens Mobility erhielten den Rahmenvertrag über bis zu 1380 Wagen. Zudem löste die Bahn eine erste Bestellung über 382 Wagen aus, die rund 900 Millionen Euro kosten.

Foto:  Benjamin Pritzkuleit
... und so sehen die neuen Züge innen aus: ein Mehrzweckabteil für Rollstühle, Fahrräder und Kinderwagen.

So sieht nun der Fahrplan aus: Auf der S47 sollen fünf Zwei-Wagen-Verbände (Baureihe 483) und fünf Vier-Wagen-Verbände (Baureihe 484) im sogenannten „Fahrgastprobebetrieb“ eingesetzt werden. „Erkenntnisse aus diesen Tests sind in Maßnahmen zu bündeln, die in der Produktion der Serienfahrzeuge umzusetzen sind“, erklärte Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne) in seiner Antwort auf eine aktuelle Anfrage des Linken-Verkehrspolitikers Kristian Ronneburg.

Die Serienfahrzeuge, deren Bau bereits begonnen hat, werden „ab dem ersten Quartal 2021 kontinuierlich entsprechend der Fertigungslinie des Herstellers montiert und anschließend in das Netz der Berliner S-Bahn überführt. Dort finden weitere Arbeiten zur Inbetriebsetzung sowie Probefahrten statt“, erläuterte der Staatssekretär.

Der Verkehrsvertrag sieht vor, wann die neuen S-Bahnen auf welchen Linien eingesetzt werden. So sollen sie vom 1. Juli 2022 an auch auf der Linie S46 fahren, die Königs Wusterhausen mit Westend verbindet. Geplant ist, dass dann 16 Zwei-Wagen- sowie 19 Vier-Wagen-Verbände die Fahrgastbeförderung aufnehmen. Am 14. Oktober 2022 soll die Linie S8 zwischen Zeuthen und Birkenwerder als Einsatzgebiet hinzukommen. Dann wächst die Flotte der Neufahrzeuge um sieben Zugverbände mit jeweils vier Wagen.

Möglich, dass neue Züge bis zu acht Monate auf den Einsatz warten

Die stark frequentierten Ringlinien S41/42 folgen im Jahr darauf, hieß es weiter. Vom 14. April 2023 sollen die „Stammzüge“ mit den neuen Fahrzeugen gefahren werden, vom 13. Oktober 2023 an auch die Tageszuggruppen, die tagsüber das Angebot ergänzen. Zu diesen Zeitpunkten sollen jeweils 27 Vier-Wagen-Verbände den Betrieb aufnehmen – so die Planung. Auch dies wird in der Antwort des Senats auf die Anfrage des Abgeordneten Ronneburg bekräftigt. Insgesamt umfasst die erste Bestellung, die vor fünf Jahren platziert wurde, 21 Zwei-Wagen- sowie 85 Vier-Wagen-Verbände. Vor kurzem wurde bekannt, dass die Züge auch auf der neuen Strecke zwischen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof fahren sollen. Die neue Linie S15 geht Ende 2021 in Betrieb.

Foto:  Benjamin Pritzkuleit
Ein neuer Zug im S-Bahn-Werk Grünau. Hier sind die Fahrzeuge beheimatet.

Der Senat schließt nicht aus, dass die Fahrzeuge zum Teil schon vor den dargelegten Fristen geliefert werden. „In Abhängigkeit vom tatsächlichen Abnahmetermin können sich auch längere Abstelldauern von bis zu acht Monaten ergeben, sofern die Fahrzeuge nicht vorfristig genutzt werden“, sagte Staatssekretär Streese. Dass neue Züge erst einmal auf Wartepositionen verharren werden, findet der Linken-Abgeordnete Ronneburg allerdings problematisch. „Dass die neuen Fahrzeuge der S-Bahn am Ende möglicherweise abgestellt werden, halte ich für kritisch“, sagte er. „Ich würde es begrüßen, wenn das Land noch einmal Gespräche mit der S-Bahn führen würde, um einen früheren Einsatz der Neubaufahrzeuge zu ermöglichen.“

Ein weiteres Thema: „Es wird zudem deutlich, dass es Probleme bei DB Energie gibt, da die neuen Fahrzeuge mehr Strom verbrauchen“, so Ronneburg. „Das Problem muss dringend gelöst werden, denn sonst werden die neuen S-Bahnen nur mit Einschränkungen in der Beschleunigung fahren können." In der Geschichte der Berliner S-Bahn beginnt ein neues Kapitel. Doch die Herausforderungen gehen nicht aus.