Die Wut auf die Mauer und die Diskussionen über das geteilte Land gehören zu Stephan Müllers Familiengeschichte. Schon als Kind hat er miterlebt, wie lange die Familie über diese Themen redete. Immer wieder. Bei jedem Wiedersehen. Die Verwandten wohnten in beiden Teilen des Landes. Stephan Müller auch. Er wuchs im Ruhrgebiet auf und zog nach der Wende nach Berlin, Prenzlauer Berg, in eine unsanierte Altbauwohnung mit Ofenheizung an der Eberswalder Straße. „Der Mauerfall ist das zeitgeschichtlich wichtigste Ereignis, das ich bisher erlebt habe“, sagt der 46-Jährige.

In der Wohnung lebt er nun schon 22 Jahre, sie ist bezahlbar, nicht luxussaniert, die Öfen sind geblieben, die Zimmer haben ihren „Ost-Charme“ behalten, sagt Stephan Müller. „Die DDR-Geschichte ist sichtbar geblieben.“

Und genau darum geht es ihm. Zum vierten Mal veranstaltet Stephan Müller das Kiezfestival Prenzlauerberginale. Es ist ein Festival mit Filmen, Dokumentationen, Fernsehbeiträgen und einer Fotoausstellung mit Bildern aus einer Zeit, als der Stadtbezirk noch ein Wohnort für Arbeiter sowie ein Lebens- und Schaffensort für Künstler, Studenten, Unangepasste und Oppositionelle war. In den unsanierten Altbauten fanden damals alle eine billige Bleibe mit Außenklo. Der Boheme ging es gut.

Stephan Müller vertraut auf das „Wissen der Archivare“

Etlichen Filmemachern diente der Prenzlauer Berg als Kulisse. Einige Filme wurden berühmt, andere verboten, manche blieben unbekannt. Sie lagern heute in den Archiven der Deutschen Kinemathek, der DEFA-Stiftung, der Filmuniversität Babelsberg und des Deutschen Rundfunks. Dort sucht Stephan Müller sein Material.

„Ich bin auf das Wissen der Archivare angewiesen“, sagt er. Monatelang bereitet er das Programm vor, beschäftigt sich neben seiner Arbeit als Sachbearbeiter mit dem Auswählen der Filme, mit Werbung, Sponsorensuche, Finanzen und Lizenzen. Alles nach Feierabend, an Wochenenden und im Urlaub.

Von Dienstag an zeigt Stephan Müller sein Programm an vier Abenden im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Den Schwerpunkt hat er auf den 30. Jahrestag des Mauerfalls gelegt, es sind Filme aus den Jahren von 1972 bis 2006.

Programm der Prenzlauerberginale beinhaltet bekannte Spielfilme

Selten gezeigte Dokumentationen aus der Wendezeit sind dabei: „Berlin-Prenzlauer Berg – Begegnungen zwischen dem 1. Mai und dem 1. Juli 1990“. Es geht um die Sorgen und Hoffnungen der Menschen. „Kurz vor dem Fall“, „Maueröffnung Eberswalder“ und „Ost-Berlin – der Tag danach“ dokumentieren die Tage um die Grenzöffnung 1989.

In der Doku „Nachtarbeiter“ aus dem Jahr 1973 besucht das Filmteam die Arbeiter im Backwarenkombinat (VEB Bako) an der Saarbrücker Straße, die Rettungsstelle in der Marienburger Straße und das Gaswerk an der Dimitroffstraße, die heute Danziger Straße heißt. Aber auch bekannte Spielfilme sind in diesem Jahr zu sehen: „Sommer vorm Balkon“ (2005) von Andreas Dresen, gedreht in einem Wohnhaus am Helmholtzplatz, und „Coming out“ (1989) von Heiner Carow.

Regisseur Lothar Warneke produzierte im Jahr 1982 den DEFA-Film „Die Beunruhigung“. Bei einer Psychologin stellen Ärzte Brustkrebs fest. Christine Schorn spielt diese Rolle, Hermann Beyer ihre Jugendliebe. Beide sind nach dem Filmabend am 12. März als Gäste im Babylon dabei, ebenso Inka Friedrich und Marcel Neudeck am Filmabend mit „Sommer vorm Balkon.

Prenzlauerberginale: Eine Gelegenheit, verblassende Erinnerungen aufzufrischen

Erstmals gibt es einen Schirmherrn für das Filmfest: Bundestagspräsident a.D. Wolfgang Thierse, Prenzlauer-Berg-Bewohner seit den 70er-Jahren. Er sagt, die Prenzlauerberginale sei eine gute Gelegenheit, die verblassenden Erinnerungen aufzufrischen. „Sich zu erinnern und zu vergleichen – das mag Staunen, Kopfnicken, Kopfschütteln hervorrufen. Es kann helfen gegen Verklärung sowohl der Zeit vor 1990 als auch der Zeit nach 1990.“

Und so wird das Publikum dann eben überwiegend aus Zuschauern bestehen, die den Prenzlauer Berg schon seit ihrer Jugend kennen, und jenen, die sich als Hinzugezogene aus Ost und West für seine Geschichte interessieren.

Das komplette Programm unter: www.prenzlauerberginale.berlin