Mitte ist ein Schmelztiegel und steht exemplarisch für viele Probleme, die es in Berlin gibt. Immer wieder rückt der Bezirk und damit auch Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel in den Fokus. So war es auch nach dem schweren Verkehrsunfall, bei dem ein SUV-Fahrer vier Tote verursachte.

Herr von Dassel, Sie haben nach dem Unfall getwittert: „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“. Wollen Sie ein SUV-Verbot?

Wir haben zunehmend überdimensionierte und übermotorisierte Fahrzeuge in der Stadt. Deren einziger Vorteil – mehr Sicherheit für die Insassen – wird durch einen hohen Ressourcenverbrauch bei Herstellung und Betrieb, überproportionaler Nutzung des öffentlichen Raumes und einem hohen Verletzungsrisiko von Dritten bei Unfällen erkauft. Wenn die jetzt eingestellte Mercedes-Kampagne für ihren neuen SUV mit dem Slogan „Sie jagen gern Abenteuer in der Großstadt“ wirbt, wird deutlich, dass hier etwas absolut schiefläuft. Auch wenn die Definition von überdimensionierten Fahrzeugen schwierig und das Straßenrecht komplex ist, will ich prüfen lassen, welche Beschränkungen für solche Fahrzeuge rechtlich möglich sind.

Wie würden Sie die Infrastruktur in Mitte mit Blick auf den Autoverkehr am liebsten ändern?

Wir müssen die Stadtgestaltung auf die Menschen ausrichten. Alle Menschen wollen saubere Luft, weniger Lärm, mehr Platz im öffentlichen Raum und dass ihre Kinder sicher über die Straße kommen. Ein kluges Konzept für den Wirtschaftsverkehr vorausgesetzt, können Wohnstraßen autofrei werden. Und es würde viel ändern, wenn es zum Parkplatz immer weiter als zur nächsten Haltestelle von Bus, Tram oder Bahn wäre.

Apropos ÖPNV: 70 Prozent der Berliner leben außerhalb des S-Bahnrings, nur 30 Prozent in den Innenstadt-Bezirken. Setzen wir die Prioritäten falsch? Sollten wir viel öfter über Marzahn und den Helene-Weigel-Platz sprechen als über Mitte und den Alex?

Da hätte ich überhaupt nichts dagegen. Das Phänomen haben wir insgesamt in Deutschland: Wir reden immer nur über Metropolen und über die Kerne in den Metropolen. Weil wir hier spüren, was es bedeutet, wenn sich alles ballt. Für uns wäre es natürlich eine Entlastung, wenn Berlin-Touristen auch mal in einen Biergarten in Marzahn-Hellersdorf gehen oder wenn die Stadt insgesamt anders wahrgenommen würde.

Über die Ballung im Zentrum wird vor allem auch mit Blick auf die vielen unterschiedlichen und neuen Verkehrsangebote diskutiert. Wovon würden Sie den Außenbezirken am liebsten etwas abgeben?

Von allem etwas. Wir brauchen in Mitte nicht so viele E-Scooter, nicht so viele Leihräder, nicht so viele Car-Sharing-Angebote. Es würde sehr viel mehr als in Mitte bringen, wenn ich am Helene-Weigel-Platz gleich mit Car2Go fahren könnte. Teilweise droht in Mitte eine Monokultur, viele Gegenden sind sehr stark von Tourismusbedarfen geprägt. Und das gilt nicht nur für den Verkehr. Auch Clubs könnten wir ein paar an andere Bezirke abgeben, die würden sich freuen, und wir hätten an Wochenenden ein paar Tausend Jugendliche weniger zu managen. Aber das ist eine rein theoretische Diskussion. Es ballt sich eben dort, wo es sich ballt.

Kommen wir zu einem Sorgenkind: die Friedrichstraße. Dort ballt es sich nicht mehr wie gewohnt, Anrainer beklagen Publikumsschwund und Ladenleerstand. Gleichzeitig scheint das Interesse der Anrainer gering, sich zu organisieren und neue Ideen umzusetzen. Woran liegt das?

In der Friedrichstraße gibt es viele Fonds-Gesellschaften und eine komplizierte Eigentümerstruktur. Das erschwert Absprachen und ein gemeinsames Vorgehen. Leerstand tut den Eigentümern außerdem scheinbar nicht besonders weh. Das hat, denke ich, auch damit zu tun, wie gut man die daraus resultierenden Verluste steuerlich abschreiben kann. Das ist aber eine Frage der Steuerpolitik, nicht der Bezirke oder des Landes. Kann ein Unternehmen die hohen Mieten nicht mehr zahlen, bleibt die Fläche leer. Da würde ich mir mehr Experimentierfreude wünschen.

Wenn die Läden das nicht selbst hinbekommen, muss man die Friedrichstraße dann vielleicht auch sterben lassen?

Ich fände es wirklich dramatisch, wenn wir nicht versuchen würden, die Friedrichstraße noch mal neu zu erfinden. Wir unterstützen alle Läden, die es versuchen. Aber scheinbar ist der Impuls aus der Politik zurzeit nötig, zu sagen: Lasst uns eine Friedrichstraße 2.0 kreieren. So wird auf Initiative des Bezirks ein Teil der Friedrichstraße vom 4. bis 6. Oktober zur Fußgängerzone, in der Berliner Firmen nachhaltige Mode präsentieren. So viel Aufwand kann der Bezirk aber nicht ständig wiederholen. Wenn die Anrainer im Advent keine Weihnachtsbeleuchtung hinbekommen, dann ist es so. Wir haben eine freie Marktwirtschaft. Ich kann die Immobilien-Besitzer ja auch nicht dazu verpflichten, die Mieten zu senken, so sinnvoll ich das auch fände.

Würden Sie sich mehr Unterstützung vom Senat oder bestimmten Senatsverwaltungen wünschen?

Das Austesten der Friedrichstraße als Fußgängerzone in den nächsten Wochen wird der Lackmustest sein. Sowohl die Senatswirtschafts- als auch die Senatsverkehrsverwaltung unterstützen uns logistisch und finanziell. Dafür sind wir dankbar.

Auch die autofreie Zone wird unter Anrainern kontrovers diskutiert. Wie stehen Sie zu der Idee?

In autofreien Zonen brummt das Leben, weil man sich frei bewegen und entspannt einkaufen kann. Das nehme ich in jeder anderen Stadt so wahr, ob in Mannheim, Stuttgart oder Frankfurt. Ich bin fest davon überzeugt: Der Autoverkehr und vor allem die parkenden Autos tragen nichts zu einer Aufenthaltsqualität bei. Wir wollen ja Leute, die auch verweilen.

Wenn Sie freie Hand hätten: Wie würden Sie die Friedrichstraße noch gestalten?

Wir brauchen zusätzlich zum bestehenden hohen Qualitätsstandard im Luxus-Segment kreative junge Mode etwas, was es nicht in hundert anderen Straßen schon gibt. Ich würde gerne Berliner Modelabels dort ansiedeln, die nachhaltig produzieren. Es gibt bereits ein Projekt zur Unterstützung solcher Labels. Oft sind sie noch in der Gründungsphase und schon flattern ihnen horrende Mieterhöhungen ins Haus. Ihnen erst mal eine Chance zu geben, sich prominent zu präsentieren, das würde ich gerne in der Friedrichstraße möglich machen.

Aber die Mieten in der Friedrichstraße sind nun mal sehr hoch. Wie wollen Sie die Besitzer dazu bringen, weniger zu verlangen?

Indem wir sie mit Gewerbetreibenden zusammenbringen, die für sie attraktiv sind – auch wenn sie zumindest am Anfang nur wenig Miete bezahlen können. Am ersten Oktoberwochenende sollen sich in der Friedrichstraße kleine, nachhaltige Modelabels präsentieren. Am besten nicht nur auf der Straße in sogenannten Showcases, sondern auch in leer stehenden Ladenflächen. Wenn daraus kostengünstige, vielleicht erst einmal auch nur kurzfristige Mietverhältnisse entstehen, dann könnte sich die Friedrichstraße wirklich neu erfinden. Als spannende Mischung zwischen etablierten Luxusmarken und innovativen und nachhaltigen Start-ups. Kleine Unternehmen könnten sich so entwickeln und die Eigentümer erkennen, wie viel attraktiver ihre Immobilie so im Gegensatz zum bisherigen Leerstand wirkt. Erzwingen können wir natürlich nichts.

Wechseln wir zu einem anderen Sorgenkind: zum Straßenstrich rund um die Kurfürstenstraße. Dort haben Sie erneut einen Sperrbezirk ins Spiel gebracht. Wie würden Sie einen Sperrbezirk in der Praxis durchsetzen wollen?

Für mich ist Sperrbezirk das Synonym für: Wir müssen da etwas ändern. Ich bin weit davon entfernt, zu sagen, dass ein Sperrgebiet die Lösung aller Probleme ist. Aber ich will, dass wir die Situation vor Ort nicht verharmlosen und offen über Lösungen reden. So wie es aktuell ist, springen wir mit unseren Hilfsangeboten immer ein Stück zu kurz. Es gibt in der Kurfürstenstraße zum Beispiel auch Sexarbeitende, die stehen neben ihren Wohnwagen. Wenn der Sex nur im Wohnwagen stattfände, hätten wir ganz viele Konflikte nicht. Wohnmobile wären also eine Möglichkeit, auch über die Sex- oder Verrichtungsboxen sollten wir sprechen. Ich finde, man kann nichts ausschließen. Das gilt auch für Verbote.

Sie sprechen aber immer wieder konkret von Sperrbezirk. Würden Sie dann anfangen, die Prostituierten mit Bußgeldern zu belegen?

In den Städten, wo Sperrbezirke eingeführt worden sind, ist das nicht von einem Tag auf den anderen passiert. Es würde nicht sein wie in französischen Filmen, wo Prostituierte eingesammelt und zur Wache gefahren werden. Das ist Quatsch. Natürlich würde alleine eine Verabredung zum Sperrbezirk eine Wirkung haben. Nämlich das Signal: Das ist nicht mehr erlaubt. Anderes – wie das Stehen vor einem Wohnwagen könnte gegebenenfalls toleriert werden.

Halten Sie das nicht für naiv, gerade bei einem jahrzehntelang gewachsenen Straßenstrich wie dem im Kurfürstenkiez? Der Glaube, dass alleine die Verabredung zu einem Verbot schon die Durchsetzung bringt?

Natürlich müsste man das auch mit Bußgeldern durchsetzen. Das Verbot erst einmal zu beschließen, ist für mich aber schon für die öffentliche Wahrnehmung der Kurfürstenstraße auch außerhalb Berlins und im Ausland wichtig. Viele der Sexarbeitenden kommen aus dem Ausland, manche freiwillig, manche nicht. Es gibt viele Grauzonen. Natürlich hat es eine Bedeutung, ob Prostitution auf offener Straße toleriert wird oder eben nicht.

Wie sind die Erfahrungen anderer Städte?

Köln hat gute Erfahrungen mit der Kombination aus Sperrbezirk in der Innenstadt und dem Einsatz von Verrichtungsboxen außerhalb gemacht. Eine Sexarbeitende, die dort auch im Sperrbezirk gearbeitet hat, hat mir erklärt, alle würden sich ganz anders im Sperrgebiet verhalten – so unauffällig und dezent wie möglich. Alleine das könnte schon eine große Entlastung für die Anwohnenden und die Öffentlichkeit sein. Die Anwohner finden es ja nicht schlimm, dass Frauen in der Kurfürstenstraße sexuelle Dienstleistungen anbieten. Sie finden es schlimm, dass sie Sex vor ihrem Wohnzimmerfenster beobachten müssen oder dass Zuhälter ihre Autos zerkratzen, weil die Parkplätze von ihnen für anderes vorgesehen sind.

Haupt-Argumente der Gegner eines Sperrbezirks sind: Die Lage der Frauen würde sich verschlechtern, sie würden aus Hilfsangeboten herausgedrängt, die vor Ort schon laufen, die Sichtbarkeit auf der Straße sei auch eine Art Schutz für die Frauen, so hässlich sie Anwohner auch empfinden. Sehen Sie diese Argumente?

Nein, sehe ich nicht. Erst einmal wäre die Verhängung von Ordnungswidrigkeiten noch keine Kriminalisierung. Aber natürlich muss man ehrlich sein: Zu sagen, mit einem Sperrbezirk würde es besser, das ist zunächst eine Behauptung. Zu sagen, mit einem Sperrgebiet würde es den Frauen schlechter gehen, ist aber ebenso eine Behauptung. Ich frage mich immer bei diesen Argumenten: Stimmt das denn?

Stimmt was?

Das Argument, dass es eine soziale Kontrolle gibt. Dass es, weil die Prostitution sichtbar ist, den Frauen besser geht. Dem widerspricht die Gewaltschutzambulanz der Charité, die sagt: Wir haben hier eine große Zahl von Gewaltfällen aus der Kurfürstenstraße. Auch die Hilfsorganisation Olga sagt: Einen Teil der Frauen in der Kurfürstenstraße erreichen wir, einen Teil aber auch nicht. Und auch der Hurenverband Hydra beklagt die Zunahme von massiven Gewaltvorfällen gegen Frauen, in allen Bereichen, auch beim Escort-Service, und viele Frauen wagen sich nicht zur Polizei. Deswegen bezweifle ich, dass wir die Situation durch Sichtbarkeit besser unter Kontrolle haben.

Hydra und Olga sprechen sich dennoch klar gegen einen Sperrbezirk aus.

Das stimmt. Aber wir hatten vor kurzem ja das Glück, eine Ausstellung von Sexarbeitenden am Hauptbahnhof zu haben. Und die haben mir alle bestätigt: Wenn man will, dass sich Sex in die Boxen verlagert, dann kann das nicht freiwillig sein. Männer freiwillig dazu zu bringen, in die Box zu gehen oder zu fahren, so eingeengt zu sein, dass sie nicht aussteigen können, die Frau aber einen Alarmknopf erreicht – das ist im Charakter vieler Freier nicht verankert.

Der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe schlägt ein Bordell vor, im Abstand zu Wohngebieten.

Auch darüber kann man diskutieren. Es gibt keine einfachen Lösungen. Aber uns muss klar sein: Solange Männer meinen, die Not von Frauen ausnutzen zu müssen und für 20 Euro Sex ohne Kondom verlangen, kann es nur besser werden, aber nie gut. Ich finde es schade, dass die Bereitschaft, sich anzuschauen, wie andere Städte solche Probleme lösen, in Berlin unterentwickelt ist. Das gilt nicht nur im Bereich Prostitution.

Die Fraktion Ihrer Partei hat sich beim Thema Verkehr von Paris inspirieren lassen und sich auf ihrer Sommerklausur für radikale Konzepte in der Verkehrspolitik ausgesprochen. Unter anderem will sie den S-Bahnring ab 2030 für Diesel oder Benziner sperren. Was halten Sie davon?

Wenn man es wirklich ernst meint mit dem Klimaschutz, dann kann es gar nicht radikal genug sein. Wenn man sich anschaut, wie das Eis an den Polen schmilzt, wie sich das Klima weltweit verändert, dann sind auch die Vorschläge der Grünen noch nicht radikal genug.

Mit welchen Projekten im Bezirk wollen Sie das Klima schützen?

Bei vielen klimarelevanten Themen haben wir als Bezirk nur wenig Einflussmöglichkeiten. Aber unseren eigenen Energieverbrauch, den müssen wir verringern. Ein Beispiel: Wir haben mit dem Erika-Heß-Stadion eines von drei Eisstadien in Berlin. Wir brauchen das Stadion. Leider ist es die größte Energieschleuder, die man sich vorstellen kann. Dort wird Eis künstlich erhitzt, damit es als Wasser abgeleitet werden kann. Die Lampen verbrauchen 100-mal mehr Strom als heutige LEDs. Ende der 60er-Jahre spielte das alles keine Rolle. Heute schon.

Und wie wollen Sie das ändern?

Wir wollen ein gemeinsames Projekt mit den landeseigenen Stadtwerken starten. Nach der energetischen Sanierung würde das Eisstadion wohl mit 20 Prozent der Energie auskommen. Mit den Stadtwerken, die ja erst 2013 gegründet wurden, haben wir den Riesenvorteil: Wir haben keine Wettbewerbsprobleme, wir müssen keine Ausschreibung machen. Dieses Riesenprojekt schrumpft auf die Hälfte der Arbeit zusammen. Und wir brauchen uns nicht mehr zu schämen, dass wir so einen Dinosaurier am Netz haben.