Berlin - Es sind die 60er Jahre. Ein schwarzes Zimmermädchen wird schwanger von ihrem gewalttätigen Ehemann. Aus Angst, ihrem Kind drohe dasselbe Schicksal, lässt sie sich auf einen abscheulichen Deal mit einer Hexe ein: Mit Hilfe eines Zauberspruchs bekommt der Fötus einen anderen biologischen Vater. „Es ist eine etwas schräge Horrorgeschichte – und genau das hat mich so fasziniert“, erzählt Selina Sondermann. Die Filmemacherin durfte die Kurzgeschichte „Dedication“ (Zueignung) des berühmten amerikanischen Autoren Stephen King für nur einen Dollar verfilmen. 

King hat mehrere seiner Kurzgeschichten als sogenannte „Dollar Babies“ Filmstudenten weltweit zur Adaption angeboten, auf einer Art Vermietungsbasis. 25 dieser Filme werden nun erstmals auf dem internationalen Stephen-King-Festival, das am 23. April startet, der Öffentlichkeit gezeigt. Sondermann darf das virtuelle Festival mit ihrem Kurzfilm eröffnen. Für die gebürtige Österreicherin, die seit fünf Jahren in Berlin wohnt, ist es eine große Chance: Sie kann endlich ihr Werk einem internationalen Publikum präsentieren.

Rassismus in der Originalgeschichte

Dedication war 2019 Sondermanns Abschlussprojekt an der Met Film School in Berlin. Seitdem arbeitet sie als freie Filmschaffende. An diesem Apriltag trägt sie einen pinken Lippenstift und einen pinken Blazer. Die 28-Jährige mag es aufzufallen, anders zu sein, erzählt sie. Das spiegelt sich nicht nur in ihren Outfits, sondern auch in ihren Filmen wieder.

Einige von Kings Kurzgeschichten wurden bereits viele Male verfilmt. An Dedication hat sich bisher nur eine andere Regisseurin vor Sondermann herangetraut. „Es ist eine schwierige Geschichte“, erklärt Sondermann. King gehe davon aus, dass Gewalt oder Talent vererbbar seien. Da der gewalttätige Mann in Dedication schwarz und der neue angeblich „bessere“ Vater des Kinder weiß sei, sei es auch Rassismus, den Sondermann hier kritisch beleuchte. Zudem spiele in der Geschichte Sperma eine große Rolle, es ist Bestandteil des magischen Rituals; gerade in den USA fasse man das Thema daher nicht gerne an.

Sondermann habe hingegen die Geschichte gelesen und als Herausforderung angesehen. „So sehr ich ihn als Autoren schätze, ich sehe viele Dinge anders als King. Ich glaube etwa nicht an genetische Vorbestimmung“, so Sondermann. Sie habe die Geschichte daher verändert, moderner gemacht – und doch grauenhaft genug für einen Horrorfilm.

Bereits mit zwölf Jahren las Sondermann ihr erstes Stephen-King-Buch: ES, eine Geschichte über einen Clown, der Kinder frisst. „Ich fand es schon als Kind spannend, wie King menschliche Geschichten mit Grauen verbindet“, erzählt sie. Der Horror habe sie bereits damals fasziniert, die Analyse, das Spiel mit der menschlichen Psyche. Er zeige die Abgründe der Menschen. „Horror bedeutet eben nicht nur Splatter und Mord. Horror ist auch, wenn eine Frau nichts gegen ihren gewalttätigen Ehemann unternehmen kann, da er Polizist ist und von seinen Freunden gedeckt wird – auch eine Geschichte von King: Das Bild“, sagt Sondermann. 

Thema ihres ersten Spielfilms: einvernehmlicher Kannibalismus

Sie behandele gerne Themen, die andere nicht angehen. In ihrem Studium hat Sondermann unter anderem einen Film über die Mordopfer des Frauenmörders Jack the Ripper gedreht. „Über den Mörder wurden zahlreiche Bücher und Filme veröffentlicht. Doch ich wollte die Geschichte der Frauen erzählen, die getötet wurden, deren Organe entnommen wurden“, erzählt Sondermann.

Zurzeit arbeitet die Wahlberlinerin an ihrem ersten Spielfilm zum Thema einvernehmlicher Kannibalismus – ebenfalls ein kontroverses Thema. Inspiriert wurde sie von dem Fall aus dem Jahr 2006, von dem Kannibalen Armin Meiwes, der sein Opfer tötete und aß. „Das Opfer hat Tagebuch geführt und darüber geschrieben, dass es gegessen werden wollte. Auch seine ehemaligen Partner haben diese Fantasien bestätigt“, erzählt Sondermann. „Wenn es einvernehmlich war, ist Kannibalismus dann zu verurteilen?“ Eine Frage, die sie beschäftigt hat und die sie in dem Film aufgreift. 

Simples Schwarz-Weiß-Denken liege ihr nicht. „Ich finde es nicht gut, wenn ein Charakter in einem Film komplett verurteilt, wenn eine Sache als gut und die andere als böse dargestellt wird. Ich mag Debatten, das Hinterfragen von Motiven und Taten.“ Das Drehbuch zu ihrem Film sei noch in Arbeit. Sobald es fertig sei, werde sie es notariell hinterlegen lassen und versuchen, eine Produktionsfirma zu finden.

Sondermanns größter Traum: die Berlinale

Als freie Filmschaffende sei es nicht immer einfach, gerade wenn man kontroverse Themen behandelt. „Im deutschen Film wird sich meist auf das Konzept verlassen, das man kennt. Es gibt oft noch nicht genug Mut, schräge Geschichten zu produzieren“, sagt Sondermann. 

Zurzeit habe sie einen Nebenjob, um ihre Miete bezahlen zu können. „Manchmal bin ich unsicher in dem, was ich tue. Aber dann arbeite ich an meinen Filmen und kann mir keine andere Arbeit vorstellen, die mich dermaßen erfüllt. Ich könnte es mir nie verzeihen, es nicht versucht zu haben“, so Sondermann. Ihr größter Traum sei es, wenn einer ihrer Filme auf der Berlinale laufen würde. „Ich glaube an mich, an meine Filme“, sagt die 28-Jährige. „Dass ich mit meinem Film beim Stephen-King-Festival eröffnen darf, zeigt mir, dass meine Arbeit geschätzt wird.“

Das Stephen-King-Festival startet am Freitag, 23. April, um 15 Uhr westkanadischer Zeit, in Deutschland am 24. April um 0 Uhr, live zu sehen auf dem Barker Street Cinema's Vimeo-Channel und Youtube-Channel. Das Festival endet am 25. April.