Havelaue - Havelaue Leuchtreklamen, Straßenlaternen, Flutlichter - Berlin ist ein riesiges Lichtermeer. Längst lassen sich in der Stadt kaum noch Sterne am nächtlichen Himmel erkennen, weil die Nächte immer mehr zum Tag gemacht werden. Von Lichtverschmutzung sprechen die Hobbyastronomen. Sie fahren daher oft nach Teneriffa oder Namibia, um noch einen richtigen Sternenhimmel sehen zu können.

Doch um die Milchstraße am nächtlichen Firmament sehen zu können, muss man nicht hunderte oder gar tausende Kilometer weit reisen. Denn nur 70 Kilometer westlich von der Hauptstadt entfernt gibt es sie noch - die stockfinstere Nacht. Der Naturpark Westhavelland zählt bei Neumond zu den dunkelsten Orten in Mitteleuropa. Demnächst kann er sich vielleicht mit dem Titel „Erster Sternenpark Deutschlands“ schmücken.

Mit bloßem Auge

„Wir haben genug Abstand von Berlin, da erkennt man die dortige gewaltige Lichtglocke nicht mehr“, sagt Kordula Isermann, die Leiterin des Naturparks Westhavellands mit Sitz in der Gemeinde Havelaue. 40 Prozent der jungen Leute in Deutschland hätten die Milchstraße noch nie gesehen. „Es gibt nur noch wenige Orte, wo sie mit bloßem Auge zu erkennen ist. Solche Orte finden sie in unserem Naturpark“, sagt Kordula Isermann.

Das ist auch der Grund dafür, warum sich der Naturpark bei der International Dark Sky Association (IDA) um den Titel des ersten deutschen Sternenparks beworben hat. Die Vereinigung ist stets auf der Suche nach den finstersten Orten der Welt. Bisher hat sie solche Dunkelheit erst in Amerika, Schottland und Ungarn gefunden und dort Gebiete als Dark Sky Parks ausgewiesen. Die Titelvergabe gilt bei Astronomen und Hobbysternengucker als eine Art Reiseführer.

Eindrucksvolle Milchstraße

Die Idee für die Sternenpark-Bewerbung, die Mitte Oktober am Rande eines europäischen Symposiums an die IDA übergeben wurde, hatte der Astronom Andreas Hänel, der im Planetarium in Osnabrück arbeitet und die Fachgruppe Dark Sky Deutschland leitet. Hänel war anhand von Satellitenbildern und durch Diskussionen in Astroforen auf das Westhavelland gestoßen. „Ich habe mir gedacht, dass ich mir das Gebiet unbedingt anschauen muss“, erzählt er. Hänel fuhr nach Brandenburg und führte im Westhavelland Messungen durch. Wie dunkel es hier war, überraschte ihn. Die Milchstraße sei von Horizont zu Horizont zu sehen gewesen, sagt er. „Das war sehr eindrucksvoll.“

Hänel wandte sich mit der Sternenpark-Idee an die Naturparkverwaltung. Die zeigte sich begeistert von dem Gedanken. „Doch es kam nicht nur auf uns an, wir mussten auch die Gemeinden mit ins Boot holen“, erzählt Kordula Isermann. Denn um den Titel zu erhalten, bedarf es nicht nur stockfinsterer Nächte. Die im Naturpark liegenden Orte müssen sich auch bereit erklären, den Himmel möglichst dunkel zu erhalten. Das bedeutet, Gemeinden müssen ihre Straßenbeleuchtung darauf abstimmen und nach und nach Lampen installieren, die nur nach unten strahlen.

„Die erste Reaktion war schon: Oh Gott, jetzt geht hier überall das Licht aus“, erinnert sich Jens Aasmann, Rhinows Amtsdirektor. Doch die Skepsis habe sich bald gelegt. Denn die Straßenbeleuchtung muss nicht, wie zunächst befürchtet, auf einen Schlag ausgetauscht werden. Und bei energieeffizienten Lampen spare man schließlich auch Energiekosten, sagt Aasmann.

Gute Chancen für das Westhavelland

28 Seiten lang ist das Bewerbungsschreiben des Naturparks. Darin haben auch das Land Brandenburg und der Nabu-Regionalverband ihre Unterstützung für den künftigen Sternenpark zugesagt. Alle Gemeinden bekennen sich darin auch zum Schutz der Dunkelheit. Das Westhavelland konkurriert mit der Rhön. Die 54 Quadratkilometer große Region an der Grenze Hessens zu Bayern will ebenfalls als erste in Deutschland die Dark-Sky-Park-Anerkennung.

Vermutlich Anfang 2012 wird die IDA ihre Entscheidung bekanntgeben. Der Astronom Andreas Hänel indes ist sehr optimistisch, dass das Westhavelland das Rennen macht. Dann dürften Hobbyastronomen aus aller Welt Brandenburg künftig häufig als Reiseziel wählen. Vor allem im Herbst und Winter, wenn der Himmel besonders dunkel ist. Aussichtspunkte, an denen auch Teleskope stationiert sind, sollen entstehen. Hotel-, Pensionsbetreiber sowie Gastronomen werden davon profitieren, erzählt die Naturpark-leiterin Kordula Isermann. „Die Leute müsse sich nur darauf einstellen, dass Sternengucker nicht unbedingt schon um 8 Uhr morgens frühstücken wollen.“