Berlin - Nur noch wenige Wochen, dann soll der Startschuss fallen. Auf fünf Hauptverkehrsstraßen in Berlin möchte der Senat untersuchen, ob sich mit Tempo 30 die Stickoxidbelastung der Luft verringern lässt.

Doch bei diesen Abschnitten soll es nicht bleiben, sagte Verkehrssenatorin Regine Günther. „Wenn Tempo 30 etwas bringt, werden wir es auf weitere Straßen ausweiten“, kündigte die parteilose, von den Grünen nominierte Politikerin an. Nach Recherchen der Berliner Zeitung sind rund ein Dutzend weiterer Hauptverkehrsstraßen dafür im Gespräch. Die Straßenabschnitte befinden sich fast ausschließlich im Westen der Stadt.

Dem Senat geht es darum, die Belastung der Berliner Luft mit Stickoxiden zu senken. Die gesundheitsschädlichen Verbrennungsprodukte, die Atemorgane, Herz und Kreislauf angreifen, stammen größtenteils aus Dieselfahrzeugen. Beim Anfahren werden besonders große Mengen des Gases ausgestoßen.

Start auf 8,2 Kilometern

Wenn der Verkehr flüssig gestaltet wird und Kraftfahrzeuge seltener anhalten müssen, wird die Luft sauberer – das ist die These, die der Senat mit seinen Versuchen überprüfen möchte. Mit veränderten Ampelschaltungen und Tempo 30 soll der Verkehr auf fünf Abschnitten von 8240 Metern Länge verstetigt werden.

Wie berichtet soll der Versuch im April in der Leipziger Straße beginnen. Wenige Wochen später werden auch in der Potsdamer Straße, ebenfalls in Mitte, Tempo-30-Schilder montiert. Ein Teilstück des Tempelhofer Damms, die gesamte Hauptstraße in Schöneberg sowie ein Teil der Kantstraße folgen. Auf allen Straßen wird drei Monate lang gemessen, wie viel Stickoxid frei wird, so lange dort noch Tempo 50 erlaubt ist. Die Ergebnisse werden mit den Daten verglichen, die ein Jahr bei Tempo 30 gewonnen werden. Ermittelt wird auch die Verkehrsbelastung vor und nach Beginn der Tests.

Weitere Kandidaten für den Tempo-30-Test

„Wo wir Tempo 30 bereits angeordnet haben, hat es etwas gebracht“, sagte die Verkehrssenatorin. Laut Senat sank die Stickoxidbelastung in der Silbersteinstraße in Neukölln in Folge von Tempo 30 um 26 Prozent. In der Schildhornstraße in Steglitz waren es neun, in der Beusselstraße in Moabit rund fünf Prozent.

Für die mögliche nächste Etappe der Tempo-30-Tests, die 2019 beginnen könnte, haben die Senatsexperten dem Vernehmen nach rund ein Dutzend Abschnitte ins Auge gefasst. Auf der Liste stehen Teile der Martin-Luther-Straße und der Kolonnenstraße in Schöneberg. Auch Abschnitte des Hindenburgdamms in Steglitz, der Sonnenallee in Neukölln, der Elsenstraße in Treptow sowie der Reinickendorfer Straße und Prinzenallee in Wedding finden sich dort wieder.

In Kreuzberg wurden der Mittelteil der Adalbertstraße sowie die Oranienstraße vom Görlitzer Bahnhof bis jenseits vom Oranienplatz ausgewählt. Der Großteil der Neuen Kantstraße in Charlottenburg und ein Abschnitt der Manteuffelstraße in Tempelhof sind ebenfalls aufgeführt. Im Gespräch ist außerdem, Tempo 30 auf dem Westteil der Frankfurter Allee zu erproben – dort, wo ein Auto-Fahrstreifen stadtauswärts zu einer Radlerspur werden könnte.

ADAC warnt vor „Aktionismus“

Auch auf den neuen Tempo-30-Abschnitten sollen Ampeln umprogrammiert werden, damit es keine Staus gibt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) lobte die Senatorin. „Wir sind erfreut, dass der Senat über den laufenden Modellversuch hinaus auf weiteren Abschnitten Tempo 30 einführen möchte“, sagte Verkehrsreferent Martin Schlegel. „Auf den von ihm jetzt ausgewählten Straßen besteht auf jeden Fall Handlungsbedarf.“

Dagegen warnte Jörg Becker vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) vor „Aktionismus“. „Wir finden es gut, dass der Senat auf fünf Abschnitten prüft, welche Wirkungen Tempo 30 hat. So lassen sich Daten gewinnen, die für die Diskussion sehr wichtig sind“, sagte er. „Doch wir sollten die Auswertung abwarten – und erst einmal den Zehn-Punkte-Plan umsetzen, den der Dieselgipfel im Roten Rathaus beschlossen hat.“

Werden Busse ausgebremst?

Beobachter kritisierten, dass Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ausgebremst würden. Das umweltfreundliche Verkehrsmittel werde dadurch unattraktiv. Andere fragten, ob die Polizei genug Personal habe, um alle Tempo-30-Teilstücke zu kontrollieren. Für die ersten fünf Abschnitte sind wöchentliche Radarkontrollen im Gespräch.

Grünen-Mitglieder bemängelten, dass ausgerechnet ein rot-rot-grüner Senat den Autoverkehr flüssiger gestalten will. Das sei ein Schlagwort des ADAC, hieß es. Die Verkehrslenkung Berlin, die für die Ampeln verantwortlich ist, sei schon jetzt mit der ersten Etappe der Tempo-30-Tests voll ausgelastet, sagte Stadträtin Christiane Heiß aus Tempelhof-Schöneberg. Die Behörde sei „so blockiert, dass sie für andere Maßnahmen, etwa im Rad- und Fußverkehr, nicht mehr zur Verfügung steht“.

Wie berichtet schätzt Jürgen Resch von der Umwelthilfe, die auch Berlin auf saubere Luft verlangt hat, die Wirkung von Tempo 30 als gering ein. Er forderte Diesel-Fahrverbote möglichst bald : „Die Zeit der Studien ist vorbei.“ Wie berichtet prüft der Senat solche Beschränkungen.