Die Furcht vor dem als übermächtig empfundenen Berlin bremst seit mehr als hundert Jahren die Kooperationsfreude im Brandenburger Umland. 
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Berlin/PotsdamBerlin und Brandenburg, der Millionen-Moloch und das weite Feld drumherum, pflegen ein distanziertes Nahverhältnis zueinander. Jeder weiß genau, dass man ohne einander nicht auskommt, aber man achtet doch streng auf das Eigene.

Zwar findet täglich eine Art Bevölkerungsaustausch durch Hunderttausende Pendler statt, aber es gibt kein gemeinsames Straßenverkehrsmanagement, nicht mal eine gemeinsame Pendlerstudie, die genaue Zahlen als Planungsbasis liefert. Es gibt zwar den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, aber keine gemeinsame Verkehrsstrategie.

Vielfach verflochtene Wirtschaft

Es gibt zwar eine vielfach verflochtene Wirtschaft, aber keine gemeinsame Linie zu deren Förderung und Ansiedlung. Eifersüchteleien traten jüngst bei Bekanntwerden des Tesla-Großprojektes in Grünheide zutage. Ähnlich grotesk erscheinen Konflikte durch Eigenbröteleien in den Bereichen Bildung, Gesundheit oder Wohnungsbau – obwohl immer mehr Hauptstädter ins Umland ziehen und erste Gemeinden Zuzug blockieren.

So unkoordiniert kann es angesichts der rasanten Entwicklung der Region nicht weitergehen, findet die Stiftung Zukunft Berlin und stellte am Dienstag ihren Vorschlag zur Schaffung eines Regionalrates vor. Das erklärte Ziel: die gemeinsame Region handlungsfähig machen.

Chronik eines Nebeneinanders

Länderfusion: 1996 scheiterte ein von beiden Landesregierungen vereinbarter und von beiden Landesparlamenten ratifizierter Fusionsvertrag bei einem Volksentscheid an der fehlenden Zustimmung in Brandenburg.
Landesplanung: Kurz nach dem Scheitern der Fusion startete die gemeinsame Landesplanung. Beamte erarbeiten Rahmen für Verkehr, Bau, Infrastruktur u.a., aber ohne gemeinsame politische Struktur. Verflechtungen: Zahlreiche Behörden und Gerichte wurden zusammengelegt. Sehr präsent sind u.a. der Rundfunk Berlin-Brandenburg oder der Verkehrsverbund und die Flughafengesellschaft.

Volker Hassemer, Vorstandsvorsitzender und langjähriger Senator Stadtentwicklung, forderte nachdrücklich ein neues Gremium,   in dem beide Landesregierungen, aber ausdrücklich auch die Kommunen und alle Berliner Bezirke für gemeinsame Probleme Lösungen finden. Dafür brauchen man über die punktuelle Zusammenarbeit hinaus eine verbindliche, stabile Organisationsform, so wie es in vielen Metropolregionen normal sei, ohne dass man sich um Landesgrenzen schere. „Nur Berlin kriegt das nicht hin“, beklagte Hassemer. Wichtig ist ihm: Keiner soll Kompetenzen verlieren.

Kooperationsprojekten fehlt rechtliche Grundlage

Karsten Knobbe, Bürgermeister von Hoppegarten, nannte zwar eine Vielzahl guter punktueller Kooperationen, aber es fehle „die verknüpfende Ebene“. So mache zum Beispiel im Tourismus „jeder seins“. Für viele Kooperationsprojekte fehle die rechtliche Grundlage.

Die Initiatoren erhoffen sich im 100. Jahr des Bestehens der Einheitsgemeinde Groß-Berlin und dem 30. Jahr der Gründung des Landes Brandenburg Schwung für ihren Vorschlag. Sie verspüren angesichts des Drucks der Fakten wachsenden politischen Willen, die Gemeinschaftsaufgabe Hauptstadtregion in Angriff zu nehmen.