Dallgow-Döberitz - Da vorn könnten sie sein, die Vögel des Jahres. Denn dort vorn, in dieser kahlen Heidelandschaft, steht eine auffällige Kiefer, hoch und schön und ganz allein auf weiter Flur. Am Stamm hängt ein Kasten, der extra so gebaut ist, dass er den Wiedehopfen gefällt. Diese Vögel sind nicht nur selten, sondern auch äußerst scheu. Sie sind nicht leicht zu beobachten, aber vielleicht brütet dort ein Pärchen. Also: leise anschleichen.

Die Vögel mit den auffälligen orangefarbigen Feldern auf dem Kopf gehören zu den stark gefährdeten Arten. Denn die heutige Intensivlandwirtschaft hat ihre Lebensräume weiträumig zerstört. Um darauf aufmerksam zu machen, wurden die Wiedehopfe zum Vogel des Jahres 2022 erklärt.

Besonders auffällig sind auch ihre schwarz-weißen Flügel. Auch ihr Balzruf ist prägnant und klingt wie „Hup hup“. Deshalb heißt diese Art im Sorbischen auch „Huppatz“ und im Englischen „Hoopoe“. Selbst der lateinische Name ist vom Balzruf abgeleitet: „Upupa epops“.

Aus 200 Metern Entfernung ist nicht zu erkennen, ob der Nistkasten besetzt ist. Grundsätzlich herrschen hier, in der Döberitzer Heide, gleich hinter der westlichen Grenze von Berlin, geradezu paradiesische Verhältnisse für diese Vögel. Denn der einstige Truppenübungsplatz steht unter Naturschutz wurde vor Jahren von der Sielmann-Stiftung übernommen und wird als Heide erhalten. Hier ist kein Traktor, der die Vögel stört.

Gerd Engelsmann
Ganz vorsichtig: Robert Stein öffnet den Nistkasten und schaut, ob dort Jungvögel sind.

Trotzdem ist nicht sicher, dass sie dort brüten. „Wir haben heute bereits zehn Kästen kontrolliert“, sagt Tim Funkenberg. „Und nur drei Mal waren auch Wiedehopfe drin.“ Funkenberg ist 39 Jahre alt, studierter Bio-Geograf und arbeitet für die Sielmann-Stiftung. Er ist mit Robert Stein unterwegs, dem Mann, der die seltenen Vögel heute beringt. Das macht der Vogelfan ehrenamtlich, hauptberuflich ist der Tierpräparator im Berliner Naturkundemuseum.

Er hat alles dabei, um am Bein der Vögel einen Ring anzubringen und sie zu registrieren. „Ich habe eine Waage, um das Gewicht zu bestimmen, ein Lineal, um die Spannweite der Flügel zu vermessen“, sagt er. Er hat eine spezielle Ringzange dabei, die so gearbeitet ist, dass sie den kleinen Aluminiumring zwar sicher zusammendrückt, aber dabei das Bein der Vögel nicht verletzt. „Ich musste dafür extra eine Prüfung ablegen.“

Nun zeigt er, dass er noch etwas Wichtiges mitgebracht hat. Ein Stück Stoff. Das stopft er das Flugloch des Kastens, damit während der Beringungsaktion niemand rein oder raus kann. Vorsichtig schiebt er an der Seite des Kastens eine Tür auf und sagt lächelnd: „Jungvögel.“

Er nimmt den ersten Vogel heraus. Er ist sehr klein. Die Elterntiere sind mit 28 Zentimetern recht imposant, aber die Jungen sind winzige Häufchen aus rosaroter zarter Haut und so dünnen Federchen, dass sie ganz sicher noch nicht wärmen können. Stein wiegt das Tier. 34 Gramm. Er vermisst die Flügel und legt einen Ring an.

Die Ringe sind so etwas wie ein Personalausweis für Tiere: Da steht eine Nummer drauf, die an Beringungszentrale Hiddensee gemeldet wird, die für Ostdeutschland zuständig ist. Dort wird in einer riesigen Datenbank eine Art Personalakte für jeden beringten Vogel angelegt. Es gibt Hobby-Ornithologen, die mit ihren starken Ferngläsern die Nummern auch aus einiger Entfernung lesen können. Sie melden dann nach Hiddensee, wann und wo sie die Tiere gesichtet haben, wo er brütet, wie viele Junge dort sind. Die Daten ergeben den Lebenslauf der Vögel. Und wenn sie irgendwo tot gefunden werden, wird auch dies gemeldet. „Diese Daten sind wichtig für die Erforschung der Verhaltensweisen der Tiere“, sagt Tim Funkenberg.

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Sehr klein: Ein Häufchen dünner Federn, die kaum wärmen. Im Kasten sitzen insgesamt neun kleine Vögelchen.

Robert Stein hat inzwischen den dritten Vogel beringt und wundert sich, dass es noch nicht stinkt. „Auch Wiedehopfe wollen nicht gefressen werden“, sagt er. Die Abwehr gegen Feinde, ob Marder oder Mensch, erfolge chemisch. „Sie sondern ein Sekret ab, das ziemlich unangenehm riecht“, sagt er. Und tatsächlich: Der vierte Vogel haut ihm eine dicke Ladung auf die Jeans. Er sagt: „Jetzt stinke ich wie ein Wiedehopf.“

Diese Vögel lieben Wärme und waren deshalb lange vor allem in Süddeutschland heimisch. Doch durch die Intensivierung der Landwirtschaft fanden diese Tiere überall immer weniger Orte, an denen sie brüten konnten. Plötzlich landete der Huppatz ganz oben auf der Liste der bedrohten Vögel. Im Osten hingegen fand der Wiedehopf nach dem Ende der DDR riesige Flächen: Truppenübungsplätze und ehemalige Tagebaue, die nun unter Naturschutz stehen. Drei dieser Gebiete betreut nun die Sielmann-Stiftung. Und da in Brandenburg mit dem Klimawandel  die Wärme und Trockenheit spürbar zugenommen haben, brüten dort nun immer mehr Wiedehopfe.

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Äußerste Vorsicht: Die Zange ist extra so gearbeitet, dass die Ringe um die Beine der Vögel gut geschlossen werden können, ohne die Tiere zu verletzten.

Sie gehören zu den wenigen heimischen Arten, die vom Klimawandel profitieren. Durch Schutzmaßnahmen wie in der Döberitzer Heide konnte sich der Gesamtbestand etwas erholen. Erst schafften es die Wiedehopfe aus der schlechtesten Kategorie „Vom Aussterben bedroht“ in die Gruppe „stark gefährdet“, inzwischen werden sie in der Kategorie „gefährdet“ gelistet.

Robert Stein ist fertig. „Im Kasten waren neun Jungtiere“, sagt er. „Sieben konnte ich beringen, zwei waren noch zu klein. Die kommen beim zweiten Kontrollgang dran.“ Nun ist Eile angesagt, denn die Eltern sollen ihre Jungen wieder füttern können.

Wiedehopfe fliegen zum Überwintern in den Süden. Und eine wichtige Frage ist, ob Vögel, die in der Region geboren wurden, auch wieder hierher zurückkommen. Da helfen die Ringe. Stein sagt: „Im Vorjahr habe ich einen Wiedehopf beringt, den ich dieses Jahr wiedergetroffen hat, als ich seine Jungen beringt habe.“

Der Vogel ist in den Nachbarkasten von dem Kasten gezogen, in dem er geboren wurde. „Der war noch frei“, sagt Vogelkenner Funkenberg. „Deshalb ist es sinnvoll, auch zukünftig neue Nisthilfen aufzuhängen.“ Denn auf den einstigen Truppenübungsplätzen finden die Vögel zwar reichlich Futter wie Grillen, Heuschrecken, Raupen und Käfer, aber nicht viele Nistplätze. In den recht baumlosen Landschaften fehlen zum Beispiel verlassene Höhlen von Spechten. Da helfen die Kästen, von denen die Stiftung 64 Stück aufgehängt hat.

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Aktenarbeit: Alle Daten zu jedem Vogel werden akribisch in Tabellen geschrieben: Robert Stein (links) und Tim Funkenberg (rechts).

Am Ende des Tages können die Männer eine positive Bilanz ziehen: Im Vorjahr fanden sie drei Bruten mit 14 Jungvögeln. Dieses Mal haben sie 27 junge Wiedehopfe gezählt und davon 21 mit Ringen versehen. „In drei Kästen noch Eier, die erst noch ausgebrütet werden müssen“, sagt Tim Funkenberg. „Wir haben damit schon jetzt wesentlich mehr Jungvögel als im Vorjahr nach der Zweitkontrolle.“

Die Zweitkontrolle ist nötig, weil einige Paare in diesem Sommer wohl noch ein zweites Mal brüten werden. „Das heißt: Der Trend geht ganz klar nach oben.“ Ein Erfolg, der wichtig ist. Denn bundesweit wird die Zahl der Brutpaare auf maximal 950 geschätzt. „Die Hälfte davon brütet in Brandenburg“, sagt Funkenberg.