Rühstädt - Die Störche in Rühstädt an der Elbe haben gerade Besuch bekommen. Michael Kaatz hat einen Modellbau-Hubschrauber, der eine kleine Kamera samt Sender trägt, über ihre Nester in dem Prignitz-Dorf fliegen lassen. Nicht aus Neugier oder reinem Forscherdrang, sondern ebenso zum Schutz der Vögel: Denn Dauerregen und die für die Jahreszeit zu niedrigen Temperaturen machen neben den Menschen und vielen anderen Tieren auch den Störchen zu schaffen.

In Sachsen-Anhalt, wo der Storchenexperte Kaatz eine Vogelschutzwarte betreibt, hat es schon Opfer gegeben. In zwei Nestern auf dem Hof in Loburg, nahe der Landesgrenze zu Brandenburg, waren im Frühjahr insgesamt sieben Küken geschlüpft. „Die sind alle gestorben“, sagt Kaatz. Auch in anderen Regionen Sachsen-Anhalts und Niedersachsens gebe es Verluste.

Nun machen sich Naturschützer um die Weißstörche in Brandenburg Sorgen, dem Bundesland mit den meisten Paaren dieser Großvögel. In den kommenden Tagen erwarten sie in vielen Orten Nachwuchs – der aber ist durch Kälte und Wasser im Nest stark gefährdet. Die Jungtiere hätten noch keinen ausreichenden Federschutz, erläutert Sebastian Kolberg vom Naturschutzbund (Nabu) in Berlin. „Wenn es viel regnet, können sie sehr schnell unterkühlen.“

Der Mensch kann nicht helfen

Die Bauweise mancher Storchennester vergrößert das Risiko. Auf der Suche nach Material stoßen die Vögel häufig auf Plastiktüten oder Müllsäcke in der Landschaft. Manche von ihnen mögen es zu Hause gerne bunt, hat Michael Kaatz festgestellt: „In einigen Nestern ist mächtig viel Müll verbaut.“ Die Plastikfolien verhindern aber, dass Regen abfließen kann – im Nest entsteht dann ein richtiger Teich und damit eine Todesfalle für die Küken. „Den Schnabel halten sie noch irgendwie drüber, aber das Wasser ist zu kalt“, so Kaatz. Die jungen Störche erfrieren, wie in Loburg geschehen. Dort waren die Jungen zudem schon über zwei Kilogramm schwer, die Elterntiere konnten sie nicht mehr zum Schutz gegen die Kälte bedecken. Im Alter von drei bis sechs Wochen gelten Küken deshalb als besonders gefährdet.

Der Naturschutzbund beklagt überdies, dass die Wetterkapriolen zu Futtermangel führen. Störche ernähren sich unter anderem von Insekten, die aber wegen Feuchtigkeit und Kälte weniger zahlreich unterwegs sind als üblich. Darunter leiden auch andere Vögel wie Feldlerche, Baumpieper oder Grasmücken, die sonst in Brandenburg brüten, dieses Jahr aber laut Nabu südlichere Gebiete bevorzugen. Dagegen gebe es hierzulande viele Regenwürmer, die wichtigste Nahrung für Jungstörche, freut sich Marion Szindlowski von der Storchenschmiede in Linum (Ostprignitz-Ruppin).

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Für die Störche in Rühstädt kann Kaatz nach seinen Erkundungsflügen erst einmal Entwarnung geben: „In Brandenburg sieht es noch gut aus“, sagt der promovierte Storchenforscher, der sich seit Kindertagen mit den Großvögeln beschäftigt: Sein Vater habe 1979 die Pflegestation gegründet, erzählt der 43-Jährige. Aufgrund seiner Erfahrung weiß Kaatz, dass der Kältetod von Küken kein einzigartiges Phänomen ist, sondern schon früher vorgekommen ist: „Bei Regenmengen ab 30 Millimeter in kurzer Zeit wird es für Jungstörche kritisch.“

Wenn die Niederschläge andauern, wie es die Meteorologen vorhersagen, sind deshalb auch in Brandenburg Opfer nicht auszuschließen. Gewissheit gebe es erst in etwa vier Wochen, sagt Marion Szindlowski aus Linum, „wenn die Küken größer sind und aus dem Nest herausgucken“. Als Vorteil könnte sich erweisen, dass wegen des langen Winters etliche Paare spät zu brüten begonnen haben. „Denn Eier sind wesentlich besser geschützt“, sagt Michael Kaatz.

Der Mensch kann den frierenden Störchen jedenfalls kaum helfen. Eingreifen sei schwierig und umstritten, so die Experten einmütig. Brütende Störche könnten Versuche, ihr Nest trockenzulegen oder Küken aufzuwärmen, als Angriff missverstehen. Für denkbar hält Kolberg das nur in Notfällen.