Berlin - Die neuen Auswüchse der Mobilität machen den Berlinern zu schaffen – viele sind genervt von herumliegenden E-Rollern und achtlos abgestellten Leihfahrrädern, die sich seit Monaten wie eine Seuche in der Innenstadt ausbreiten. Erst am vergangenen Wochenende stoppte die Polizei zwölf betrunkene E-Scooter-Fahrer. Neun von ihnen waren absolut fahruntüchtig, wie eine Polizeisprecherin sagte. Bei ihnen wurde ein Atemalkohol von über 1,6 Promille gemessen.

Blinde Berliner besonders betroffen

Eine Bevölkerungsgruppe treffen die neuen Auswüchse der E-Mobilität besonders hart: Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. für sie wird der Spaziergang durch die Stadt zum Hürdenlauf. Am Mittwoch wollen sie am Alex demonstrieren.

Nichtsahnend läuft Stephan Heinke (39) auf dem Fußweg dem Ziel entgegen – und plötzlich liegt er da, ein E-Roller. Achtlos abgestellt, mitten auf dem Weg. So geht es Heinke nahezu jeden Tag. Das Problem: Während andere Fußgänger ausweichen können, kann ein solches Gefährt für ihn zur Stolperfalle werden. Denn Heinke kann nicht sehen – und kommt nur mit Hilfe des Taststocks zum Ziel. Er leidet an Morbus Coats, einer genetischen Erkrankung, die zur Ablösung der Netzhaut führt, gilt seit 2005 als vollblind.

„Seit ein paar Monaten haben Menschen mit Sehbeeinträchtigung in Berlin große Schwierigkeiten mit den E-Rollern“, sagt er. Das Problem: Die Gehweg-Struktur enthält die sogenannte „Taktile Leitlinie“ – viele Fußwege sind in der Mitte glatt und an den Seiten mit Kopfsteinpflaster versehen.

Für Blinde sind E-Roller-Fahrer auf dem Gehweg gefährlich 

Die glatte Fläche dient Blinden zur Orientierung – und genau auf dieser Linie werden immer wieder E-Roller und Leihfahrräder abgestellt oder abgelegt. „Besonders schlimm ist es innerhalb des S-Bahn-Rings, vor allem im Bezirk Mitte“, sagt Heinke. „Auf der Strecke vom Alex bis zum Potsdamer Platz laufe ich Slalom.“

Ertastet der Blindenstock einen E-Roller, muss Heinke bremsen, um nicht zu stolpern. Dann versucht er, zu ertasten, an welcher Seite des Fahrzeugs er gefahrlos vorbeilaufen kann. „Nur weil die Dinger jetzt da sind, können wir nicht durch die Stadt schleichen, die Laufgeschwindigkeit ändern“, sagt er. Hinzu kommt: Immer wieder kommt es zu Begegnungen mit Rollerfahrern, die auf dem Fußweg unterwegs sind. Gefährlich für jemanden, der nicht ausweichen kann.

Heinke ist heute einer der beiden Leiter des Gemeinsamen Fachausschusses Umwelt- und Verkehr beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). „Zum Glück gibt es bisher noch keine Meldungen, dass beeinträchtigte Leute deshalb schwer gestürzt sind.“ Seine Forderung: Berlin braucht feste, klar ausgewiesene Parkzonen für die Roller, am besten fernab der Gehwege.

Verstöße müssten klar geahndet, der Bußgeldkatalog verschärft werden. „Ich wäre sogar für eine Art Mini-Führerschein für die Roller. Denn die meisten nutzen die Fahrzeuge als reine Spaßobjekte, zeigen überhaupt kein Verantwortungsbewusstsein.“

Auch Rollstuhlfahrer und Leute mit Kinderwägen seien betroffen 

Gemeinsam mit dem Fuss e.V., dem Fachverband Fußverkehr Deutschland, organisiert der DBSV am Mittwoch um 16 Uhr am Alexanderplatz eine Demonstration. „Wir haben damit gerechnet, dass die E-Roller zu einem Problem werden könnten“, sagt Roland Stimpel, Sprecher von Fuss e.V. „Mit dem kindischen und verantwortungsfreien Verhalten der Nutzer haben wir aber nicht gerechnet. Wer auf einen dieser Roller steigt, fällt in seiner Reife offenbar um Jahrzehnte zurück.“ Nicht nur blinde Menschen sind seiner Ansicht nach betroffen, auch Rollstuhlfahrer und Leute mit Kinderwägen leiden unter der Roller-Flut.

„Und Senioren haben Schwierigkeiten, weil sie den schnell ankommenden Rollern nicht ausweichen können.“ Auch er weist besonders auf die Gefahren in Mitte hin. „Am heftigsten ist es rund um das Brandenburger Tor, aber auch das komplette Areal zwischen Alexanderplatz und Pariser Platz ist durchgängig verseucht mit den Rüpel-Rollern. “

Das Problem laut Stimpel: Das Abstellrecht für Räder ist in Deutschland sehr liberal. „In die entsprechende Verordnung sind auch E-Roller eingeschlossen. Als sie eingeführt wurde, dachte jeder an private Räder, nicht aber in die Leihgeräte-Flut.“ Die „Juicer“ - Mini-Jobber, die die Roller über nach in den eigenen vier Wänden aufladen – kippen sie morgens um 6 Uhr wieder irgendwo ab.

„Denen ist das doch auch egal, wie die Fahrzeuge geparkt werden.“ Der Verein fordert ebenfalls klare Abstell-Regelungen, feste Plätze – und im Fall des Regelbruchs saftige Strafen. „Denn ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr ist eine Straftat“, sagt er.