In welchem Stockwerk er und die Eltern gewohnt haben, kann Henry Foner nicht mehr sagen. „Ich weiß nur noch, dass die Großmutter unter uns lebte.“ Ratlos blickt der heute 82-Jährige hoch zu dem Eckhaus in der Kantstraße 30, ein riesiger Altbau in Charlottenburg, der einst das Zuhause der Familie Lichtwitz war. Hier zu stehen bewegt ihn und fühlt sich doch fremd an nach der langen Zeit, in der ihn nichts mehr mit Berlin verband. Gerade mal sechs Jahre war Henry Foner alt, der damals noch Heinz hieß, als sein Vater Max Lichtwitz, ein jüdischer Anwalt, ihn 1939 auf den Kindertransport nach England schickte, um ihn vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. So wuchs der kleine Henry, alias Heinz bei den Foners auf, einer Pflegefamilie im britischen Swansea. Nach Kriegsende zog ihn nichts mehr nach Berlin zurück.

Der Vater sowie Stiefmutter und kleine Halbschwester waren tot, ermordet in Auschwitz. Von ihm blieben Henry Foner bloß bunte Postkarten, die der Vater bis zur Deportation noch hatte schicken können. Nur die Großmutter und ein Familienmitglied überlebten das Konzentrationslager. Eine Tante beging Selbstmord. Ein Onkel schloss sich dem NS-Widerstand an, saß zeitweise in Haft, aber kam durch. Zur Erinnerung an sie alle werden an diesem Freitagmorgen Stolpersteine verlegt, jeweils vier Stück links und rechts des Eingangs zur Kantstraße 30. „Jeder ist ein Einzelstück, ein Gedenkstein für die Opfer, die meist ohne Gräber sind“, sagt Sönke Petersen von der Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf. 6 200 solcher goldmatt schimmernden Stolpersteine sind inzwischen in das Berliner Pflaster eingelassen, 2 600 davon in Charlottenburg, wo vor dem Krieg eine große jüdische Gemeinde zu Hause war.

Aber es ist eine Ausnahme, dass zu jenen, an die auf diese Weise das Andenken bewahrt wird, einer gehört wie Henry Foner. Einer, der lebt und dazu eigens aus Jerusalem zu der Zeremonie angereist ist, samt drei erwachsenen Kindern und Enkelkindern. Dabei hatte Henry Foner zuerst gezögert, als – angeregt durch eine Geschichte über sein Schicksal in der Berliner Zeitung – die Idee aufkam, auch für die Familie Lichtwitz Stolpersteine zu verlegen. Ihm behagte die Vorstellung nicht, dass Passanten auf die im Boden eingelassenen Steine womöglich treten. Aber das Argument der Initiatoren, „wer die Namen der Opfer lesen will, muss sich vor ihnen verbeugen“, überzeugte ihn. Und dann war da ja noch seine in Amsterdam lebende Tochter Maya, die ihm erklärte, notfalls fahre sie auch alleine nach Berlin. Weil sie die Stolperstein-Aktion für „eine wunderbare Sache“ halte.

„Ich habe deine Geschichte gehört, die mich sehr traurig gemacht hat“, liest seine jüngste Enkelin Gonni (7) ein paar Zeilen vom Blatt, die sie eigens für diesen Tag in Berlin aufgeschrieben hat. „Aber ich bin froh, dass wir uns heute vor dem Haus treffen, in dem du gelebt hast, bevor du deportiert wurdest, als du noch ein Jahr jünger warst, als ich bin.“ Es ist nicht der einzige Moment an diesem Märzmorgen, in denen sich Henry Foner über die Augen wischen muss. Alle Enkelkinder haben sich etwas Besonderes ausgedacht. Die zwölfjährige Inbar stimmt mit klammen Fingern auf ihrer Trompete eine jüdische Trauermelodie an.

Die 15-jährige Mor erzählt in einem geradezu lyrischen, selbstverfassten Text von einem kleinen Jungen im Kletterbaum, den der Vater aus der Ferne beobachte, und der Hoffnung, dass sich alles zum Guten wende. Und sein Sohn David, der extra aus Tel Aviv eingeflogen ist, liest das Kaddisch-Gebet zur Ehre der Toten.