Mit dem Christopher Street Day, dem CSD, ist es wie mit Weihnachten, sagt Robert Kastl. „Alle schreien, er ist zu kommerziell, es wird zu viel gesoffen.“ Der Unterschied zu dem heiligen Fest sei aber: Beim CSD gebe es einen verantwortlichen Verein, den CSD e.V., und einen Geschäftsführer, dem alles angelastet wird. Dieser Geschäftsführer ist Robert Kastl, 43 Jahre alt, gebürtiger Wiener.

Es gibt jedoch noch einen Unterschied. Bisher hatte niemand die Idee, Weihnachten umzubenennen. Der Berliner CSD dagegen soll nach dem Willen von Robert Kastl und den anderen Vorstandsmitgliedern einen neuen Namen bekommen: Stonewall Parade. Das Stonewall Inn ist die Bar in der New Yorker Christopher Street, deren überwiegend homo- oder transsexuelle Besucher sich am 28. Juni 1969 gegen eine Polizeirazzia wehrten und einen Aufstand vom Zaun brachen.

Alternativ-Demo angemeldet

Wenn sich Dinge ändern, kann man ihnen einen neuen Namen geben. Dass Robert Kastl den CSD verändern will, steht außer Zweifel. Er hat es bereits getan und dafür auch viel Anerkennung bekommen. Trotzdem ist es ihm und dem CSD-Vorstand nicht gelungen, ihre Idee zu kommunizieren. Die Community ist in Aufruhr. Vorige Woche erklärte die Aids-Hilfe ihren Austritt aus dem CSD-Verein. Ein Aktionsbündnis hat angekündigt, am 21. Juni einen alternativen CSD zu organisieren. Das war der Höhepunkt in dem seit drei Monaten andauernden Streit. In der Namensfrage gibt es inzwischen einen Kompromiss, den sich der CSD-Vorstand in dieser Woche überlegt hat. Stonewall CSD Parade soll die Demonstration heißen. Ob das die Wogen glättet? „Nein, das glaube ich nicht“, sagt selbst Robert Kastl. Denn es geht längst nicht mehr nur um den Namen.

Zum Interview bittet Kastl ins CSD-Büro in Schöneberg. 70 Stunden pro Woche arbeitet er derzeit, sagt er, dabei hat er nur eine halbe Stelle. Kastl ist ein freundlicher Vielredner mit weichem Akzent. Zu seinen Ausführungen wippt er im Takt mit dem Fuß. Ende 2012 entwickelte der CSD-Vorstand das Stonewall-Konzept und sicherte sich auch gleich die Markenrechte. Im Januar 2014 legte er die Idee der Mitgliederversammlung zur Abstimmung vor, ohne das vorher anzukündigen.

Nicht nur der Name soll sich ändern, der CSD-Verein soll sich auch wandeln zu einer Interessensvertretung. Eine große Mehrheit der Anwesenden stimmte zu, aber viele von ihnen fühlten sich überrumpelt. Warum also blieb der Plan ein Jahr lang geheim?

Er wollte die Community nicht überfordern, sagt Kastl. Dann holt er aus und beginnt im Jahr 2010. „Damals haben wir begonnen, den Verein grundlegend zu verändern“, sagt Robert Kastl. Er sah die Gefahr, dass den CSD das gleiche Schicksal ereilen könnte wie die Loveparade. Immer bunter, immer lauter, immer größer, immer beliebiger – und irgendwann ist plötzlich Schluss.

Also bemühte sich Kastl, den CSD politischer zu machen, mit vielen kleinen Maßnahmen. Das ist gelungen, sagen auch Kritiker. Es gibt mehr Aktionen am Rand der Parade. Es gibt eine Speaker’s Corner. Eine Jury vergibt einen kleinen Preis an die engagiertesten Teilnehmer. Stefan Evers, der queerpolitische Sprecher der CDU-Abgeordnetenhausfraktion, findet: „Der vorige CSD war der beste und politischste seit langem.“ Robert Kastl sagt: „Voriges Jahr haben wir nach der Parade zum ersten Mal positives inhaltliches Feedback bekommen.“ Zugleich war es mit 700.000 Teilnehmern einer der größten CSDs aller Zeiten.

Trotzdem ist es zuletzt nicht gut gelaufen für den CSD. 2012 war der Verein fast bankrott. Und Robert Kastl sagt, dass die Stadt daran schuld war. Die Straße des 17. Juni war vor und nach dem CSD durch die Fanmeile zur EM blockiert.

Ein anderer Ort als das Brandenburger Tor kam für die Abschlusskundgebung aus Sicht der Organisatoren aber nicht infrage. Also wurden die Stände der Fanmeile für einen Abend zur Seite geräumt. „Wir hatten dadurch massive Mehrkosten, 40.000 Euro“, sagt Robert Kastl. Er sagt, es habe Zusagen von der Politik gegeben, dieses Problem zu lösen. Doch dann sei nichts gekommen. „Sie haben uns alleine gelassen“, sagt Robert Kastl.

"Damals herrschte auch Zoff."

Kastl nimmt seither keine Rücksicht mehr auf die Politik. Deren Einfluss sei viel zu groß, sagt er. Immer wieder gebe es Versuche der Parteien, das Motto zu beeinflussen oder die Abfolge der Wagen. 2013 schloss der Vorstand des CSD e.V. die CDU von der Teilnahme an der Parade aus. Begründung: ihre Parteitagsbeschlüsse, darunter das Nein zur Homo-Ehe. Kritik wurde laut. Warum schließt man eine demokratische Partei aus? Welche Legitimation hat der Vorstand, das zu tun? Immerhin gibt es das basisdemokratische CSD-Forum, das über das Motto der Parade entscheidet.

Noch größer war der Eklat, als Kastl kürzlich auf einer Pressekonferenz anprangerte, dass der CSD vom Bezirksamt Mitte bei der Gebührenerhebung diskriminiert worden sei. Er beschuldigte Klaus Wowereit, Stadtrat Carsten Spallek (CDU) aus Mitte und die Abgeordneten Stefan Evers und Tom Schreiber (SPD), dem CSD zu schaden.

Dazu hielt er Fotos von ihnen hoch. Manche Beobachter fanden, sie muteten wie Fahndungsplakate an. Die nächste Eskalation ist abzusehen: Gerichtlich will der CSD-Verein durchsetzen, dass die Abschlusskundgebung auch in diesem Jahr am Brandenburger Tor stattfinden kann, obwohl dort die Fanmeile ist und am selben Abend ein Deutschland-Spiel stattfindet.

Vielleicht gelingt es Robert Kastl und dem CSD, sich durchzusetzen. Und bei allem Streit werden wohl auch dieses Jahr Hunderttausende zur Parade kommen. Trotzdem bleibt es das Geheimnis von Robert Kastl, warum er die Erfolge der letzten Jahre aufs Spiel setzt. Und warum er politische Impulse geben will, aber selbst offenbar nicht versteht, wie Politik funktioniert.

Nur eines stimmt optimistisch. Fragt man Bernd Gaiser, den Organisator des ersten Berliner CSDs im Jahr 1979, wie die Stimmung in der queeren Szene damals war, dann sagt er: „Damals herrschte auch Zoff.“ Dem CSD scheint das nicht geschadet zu haben.