Annette Ahme, Vorsitzende des Vereins Berliner Historische Mitte, demonstriert mit Mitstreitern gegen die Zerstörung des Sockels des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals. Dieses soll für das Fundament des Freiheits- und Einheitsdenkmals  durchlöchert werden. 
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BerlinSchlossplatz in Mitte, Montagmittag, kurz vor 12 Uhr. „Stopp dem Abbruch“ steht auf Schildern, die Gegner des Freiheits-  und Einheitsdenkmals in die Höhe halten. Eine Handvoll Aktivisten ist gekommen, um gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Sockels des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals zu protestieren. Der Sockel, der erst vor kurzem für 5,6 Millionen Euro saniert wurde, soll wie berichtet, für das Fundament des Freiheits- und Einheitsdenkmals durchlöchert werden. Die Arbeiten haben bereits begonnen. Schuttberge türmen sich meterhoch auf der Sockeloberfläche.

Aufgerufen zu dem Protest am Bauplatz hat die Vorsitzende des Vereins Berliner Historische Mitte, Annette Ahme. „Es ist wirklich ein Frevel“, sagt sie, „und es ist auch ein Skandal“. Denn von einem Abbruch des historischen Sockels für den Bau der Einheitswippe sei früher nie die Rede gewesen. „Geldverschwendung im großen Stil“ schimpft Harald Moritz Bock, der an Ahmes Seite mitdemonstriert. Zur Erinnerung an die Wiedervereinigung gebe es doch das Brandenburger Tor. „Das reicht“, sagt der 80-Jährige. Es sei zwar ziemlich spät, um jetzt noch etwas an den Plänen zu ändern, sagt Ralf Rohrlach (72). „Ich hoffe aber, dass es noch eine Lösung gibt.“ Rohrlach hat früher Führungen durch die historischen Gewölbe gemacht, vorbei an Fledermäusen, die hier lebten. „Keine Wippe in die Mitte“ steht auf einem Plakat, das er vor dem Bauch trägt.

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal soll nach einem Entwurf des Büros Milla & Partner auf dem Sockel des früheren Nationaldenkmals errichtet werden – in Sichtweite zum Hauptportal des neuen Berliner Schlosses. So hat es der Deutsche Bundestag nach einigem Hin und Her zuletzt im Jahr 2017 beschlossen. Um das neue Denkmal zu errichten, wird jedoch nach den bisherigen Plänen ein massiver Eingriff in die erhaltenen Reste des früheren Nationaldenkmals nötig. Nach Angaben aus dem Haus von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ist vorgesehen, sieben Bohrpfähle mit einer Länge von etwa 40 Metern durch den historischen Sockel ins Erdreich einzubringen. Auf den Pfählen, die im Bereich der Gewölbe einen Durchmesser von 1,20 Meter haben, soll anschließend eine Platte errichtet werden, die das Freiheits- und Einheitsdenkmal trägt. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Kultur sind „circa ein Viertel der historischen Gewölbe“ von den Arbeiten betroffen. Nach den Fundamentarbeiten sollen die Gewölbe wieder hergestellt werden. Zum Denkmal gehört ein Bodenmosaik, das über Jahrzehnte unter einer Bitumenschicht auf dem Gewölbe erhalten blieb und mit einer Fläche von circa 800 Quadratmetern laut Landesdenkmalamt „das großflächigste Bodenmosaik unter freiem Himmel in der deutschen Hauptstadt“ ist. Im Zusammenhang mit der Instandsetzung der Gewölbe von 2014 bis 2017 war das Mosaik freigelegt, gereinigt, ausgebaut und außerhalb Berlins eingelagert worden. Eine Rückkehr an den alten Platz ist nicht geplant.

Intervention der Denkmalpflege verlangt

Die Demonstranten auf dem Schlossplatz sind nicht die einzigen, die gegen den Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmals protestieren. Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss, sagt: „Man mag die Einheitswippe lieben oder auch nicht, ich liebe sie eher weniger. Aber ich hatte meinen Frieden mit ihr gemacht, hieß es doch, dass das Gewölbe des alten, wilhelminischen Denkmalsockels, aufwendig restauriert, nur kleinere Eingriffe für die Fundamente der Wippe erfahren würde.“ Auch das großartige, über die Zeiten gerettete Mosaik sollte wieder eingebaut werden, so von Boddien. „Nun soll es im Depot bleiben. Und die großartigen Gewölbe werden schonungslos einfach abgebrochen.“ Wie oft im Spannungsbereich von Politik und Denkmalpflege scheine dies „nichts als beschwichtigende Heuchelei gewesen zu sein“, kritisiert von Boddien. „Wo bleibt die Intervention der Denkmalpflege für einen sofortigen Baustopp? Jetzt kann sie zeigen, ob sie wirklich als Institution von der Politik ernst genommen wird!“

Auf Distanz zum Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmals gehen auch die Grünen. „Die Wippe ist ein besonders ungeliebtes Projekt bei den Berlinern, denn hier kulminieren die Absurditäten“, sagt die Grünen-Abgeordnete Daniela Billig. „Sie ist schlecht geplant und nicht zu Ende gedacht. Sie ist von oben befohlen und am falschen Ort; denn die Einheit fand an anderen Orten statt.“ Die Wippe zerstöre zudem den Lebensraum von Wildtieren und den frisch restaurierten Sockel des früheren Nationaldenkmals. „Die Praxistauglichkeit bezweifle ich stark, auf Barrierefreiheit wird wohl verzichtet“, so Billig. „Wer die Wippe weiter so durchboxt, hat Berlin nicht verstanden.“ Die einzige Rettung wäre „der sofortige Baustopp und zurück auf Anfang“. Selbst die AfD, die sonst nicht viel mit den Grünen verbindet, beurteilt das Freiheits- und Einheitsdenkmal ähnlich. Die AfD-Abgeordneten Dieter Neuendorf und Martin Trefzer fordern einen sofortigen Baustopp. Vor der Erarbeitung einer Lösung, die auch von den Denkmalschützern und den Vertretern des Vereins Berliner Historische Mitte mitgetragen werden könne, dürfe die Wippe nicht weitergebaut werden.

Brief und Petition an die Bundeskanzlerin

Annette Ahme vom Verein Berliner Historische Mitte wendet sich unterdessen mit einer Petition im Internet und einem Brief direkt an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) - „mit der Bitte um ein Moratorium beim Bau des Einheitsdenkmals an der Berliner Schlossfreiheit“, wie es in dem Schreiben heißt. „Es ist ein unerträglicher Denkmals-Frevel, der hier betrieben wird“, schreibt Ahme. Im Vorfeld sei von Abbrucharbeiten am historischen Gewölbe nicht die Rede gewesen, nun werde das denkmalgeschützte Gewölbe des früheren Nationaldenkmals „brachial beseitigt, obwohl es für viele Millionen Euro in allerjüngster Zeit saniert worden ist“. Zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus wäre ein guter Platz für das Denkmal, aber auch auf der Reichstagswiese oder im Spreebogen. Ahmes Appell: „Heute und morgen und übermorgen wäre noch Zeit, diesen Frevel zu stoppen und endlich über eine bessere Standortwahl nachzudenken.“