Gegen Emotionen lässt sich mit Fakten nur schwer argumentieren. Emotionen sind Fakten kaum zugänglich. Und Angst ist ein besonders starkes Gefühl. Vor allem die Angst der Berliner, Opfer einer Straftat zu werden, angesichts von Meldungen über brutale Übergriffe in den U-Bahnen, Taschendiebstahl-Banden, tödliche Autorennen auf dem Kudamm und nicht zuletzt der Zuzug von Flüchtlingen.

Doch die Kriminalitätsstatistik der Polizei spricht eine andere Sprache. Sie ist die Aneinanderreihung von amtlich erhobenen Fakten, die die Botschaft haben: Berliner leben relativ sicher. SPD-Innensenator Andreas Geisel hat das am Montag auf die griffige Formel gebracht: „Berlin wächst, die Kriminalität aber nicht.“ Immerhin sind im vergangenen Jahr 60.000 Neu-Berliner in die Stadt gezogen, ein Plus von gut anderthalb Prozent. Die Kriminalität in ihrer Gesamtheit ist dagegen um 0,1 Prozent gesunken – auf genau 568.860 Straftaten. Die Bilanz aus dem vergangenen Jahr ist gemischt: mehr Diebstähle und mehr Körperverletzungen, hat die Polizei gezählt, aber auch weniger Raubüberfälle und etwas weniger Einbrüche.

Nachdem die (erfasste) Kriminalität in den vergangenen Jahren also gestiegen war, ist sie jetzt erstmals gesunken. Innensenator Geisel machte bei der Vorstellung der Statistik am Montag nicht den Versuch, dies der rot-rot-grünen Koalition gutzuschreiben, die seit Ende 2016 regiert. Denn erstens kann es bald wieder anders kommen, wenn die Polizei zum Beispiel mehr Zeit haben sollte, Drogendealer zu jagen.

Und zweitens ist der Rückgang bei steigender Einwohnerzahl in erster Linie das Verdienst der Polizei. Sie geht mit eigenen Ermittlungsgruppen schwerpunktmäßig gegen Wohnungseinbrecher vor, koordiniert sich besser untereinander und mit der Staatsanwaltschaft. Das bringt durchaus Erfolge. Die Polizei hat es geschafft, Staatsanwälte davon zu überzeugen, festgenommene Taschendiebe nicht sofort wieder laufen zu lassen, was im Übrigen auch für erwischte Einbrecher gilt. „Jeder Haftbefehl ist ein deutliches Zeichen an die Täter“, sagt Polizeipräsident Klaus Kandt. Bei Verbrechen wie Mord, Totschlag oder Raub gibt es ebenfalls Rückgänge. „Die ständig wiederholte Behauptung ’Es wird immer schlimmer’ ist falsch“, sagt Kandt.

Auch die Behauptung, mit den Flüchtlingen komme das Verbrechen in die Stadt, lässt sich mit der bisherigen Statistik nicht belegen. Im Umkreis von Flüchtlingsunterkünften hat die Polizei keinen signifikanten Anstieg der Straftaten festgestellt. Ein Statistiker sagte bei der Vorstellung des Zahlenwerkes, dass die durch Zuwanderer verübten Taten – die meisten sind Ladendiebstähle oder Prügeleien in den Unterkünften – im Januar und Februar des aktuellen Jahres um 30 Prozent zurückgegangen seien. Die Lage könnte sich noch einmal entschärfen, wenn endlich die Turnhallen, wo viele Menschen auf engem Raum leben, bis Frühjahr leer gezogen sind.

Mehr Videoüberwachung, mehr Personal

Allerdings: Ob Asylbewerber und Flüchtlinge öfter gegen das Gesetz verstoßen als Deutsche und Nichtdeutsche, die schon länger hier sind, kann die Polizei noch nicht beantworten. Man weiß zwar, dass gut  9 000 Asylbewerber und Flüchtlinge verdächtig sind, Straftaten begangen zu haben. Aber niemand weiß, wie hoch ihr Anteil an den Menschen ist, die ab dem Spätsommer 2015 nach Berlin strömten. Denn die Behörden haben noch immer keine Ahnung, wie viele Zuwanderer die Stadt aufgenommen hat.

Wie mit jeder Statistik liest auch hier   jede Partei, jede Polizeigewerkschaft sie in ihrem  Sinne. Die Gewerkschaft der Polizei kritisiert die gesunkene Aufklärungsquote und fordert mehr Personal und bessere Ausrüstung. Die kleinere Konkurrenz, die Deutsche Polizeigewerkschaft, fordert das auch, ebenso die CDU, die noch bis vor kurzem den Innensenator stellte. Sie fordert außerdem mehr Videoüberwachung. Und die FDP merkt an, dass der Senat nach wie vor nicht in der Lage sei, der weiter steigenden Diebstähle und Taschendiebstähle Herr zu werden.

Die Kriminalitätsstatistik gibt Anlass zu Sorge und Gelassenheit zugleich. Denn Berlin wächst (relativ) sicher. Vor allem alte Menschen können sich auf die Straße trauen. Sie sind laut Statistik am wenigsten gefährdet.  Die Gefahr,  Opfer eines Gewaltdeliktes zu werden, liegt für alle bei 2,1 Prozent. Das mag beruhigend klingen, zumal in anderen Städten wie Mexiko City es deutlich schlimmer ist. In Zahlen  heißt dies aber immer noch: 78.296 Menschen wurden im vergangenen Jahr Opfer von Gewalt. Jeder und jedem Einzelnen von ihnen wird man diese leicht positive Bilanz nur schwer vermitteln können.