Selchow - Im Liegestuhl an der Bar ist es wunderbar ruhig. Es ist Nachmittag. Die Sonne scheint. In den Liegestühlen hängen ein paar Radfahrer ab und schlürfen Cocktails und Wasser. Eine Familie mit Kleinkind hat es sich unter einem Sonnenschirm bequem gemacht. Auf der Landstraße, die an der Strandbar entlang in den Schönefelder Ortsteil Selchow (Dahme-Spreewald) führt, ist kaum ein Auto unterwegs.

Die Stille wird jäh unterbrochen durch ein Dröhnen, das immer bedrohlicher anschwillt. Dann huscht ein riesiger Schatten über das Gelände. Alle Köpfe gehen nach oben. Der Airbus A 319 aus Genf ist im Anflug auf Schönefeld. In etwa 30 Metern Höhe fliegt er über die Liegestühle hinweg der Landebahn des Flughafens Schönefeld entgegen, die hinter einem Erdwall gelegen ist.

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Dieter Weber hält die Kamera bereit. Der 68-Jährige ist Planespotter, jemand, der Flugzeuge beim Starten und Landen beobachtet und fotografiert. „Aus dem Liegestuhl heraus gibt es einfach unglaubliche Fotos“, erzählt er. Immer wenn Ostwind ist, die Flieger also über Selchow landen, kommt Weber extra aus Potsdam hierher in die neue Strandbar. „Wenn erst einmal der Großflughafen eröffnet hat, dann wird das hier der Spotterplatz Nummer eins“, glaubt er. Denn für die Hobbyfotografen biete die Strandbar große Vorteile: beste Sicht auf die Flieger, tolles Essen und leckere Getränke.

Nur der Airport wurde nicht fertig

Eine Strandbar in der Einflugschneise – was für eine verrückte Idee. Doch sie funktioniert. „Klar haben wir auch erst von einer Schnapsidee gesprochen. Aber jeder ist doch fasziniert von Flugzeugen“, sagt Kai Sauerwald, der in Selchow lebt und den Hofladen auf dem Strandbargelände betreibt. Er und Barmann Sven Böhme haben sich mächtig ins Zeug gelegt, den Hofladen und auch die Bar bis zur einstmals im Juni dieses Jahres geplanten Eröffnung des Hauptstadtflughafens aufzubauen. „Wir haben es geschafft“, sagt der 34-jährige Sauerwald. Anders als der Airport.

Der Hofladen von Kai Sauerwald hat schon eine lange Tradition. Er war immer im Hof der Familie untergebracht. Bis die Bahntrasse für den Hauptstadtflughafen gebaut und der Weg nach Selchow zum Geschäft Sackgasse wurde. Sauerwald wollte das seinen Stammkunden nicht antun. Er zog mit dem Laden in eine Baracke an den Ortsrand, die besser zu erreichen war. „Schön sah die nicht aus“, sagt er. Das wollte er ändern, also stellte er einen Bauantrag.

Seit 15 Jahren sind Kai Sauerwald und Sven Böhme Freunde und auch Geschäftspartner. Als Sauerwald die Genehmigung hatte, bauten sie zusammen das Holzhaus für den neuen Laden und einem Gastraum mit 60 Plätzen auf. Doch sie wollten noch mehr aus dem 3000-Quadratmeter-Areal machen, trotz des Fluglärms. Und hatten die Idee mit der Einflugschneisen-Strandbar.

„Ich habe vorher im Felix und am Traumstrand in Berlin Cocktails gemixt“, erzählt Böhme. Noble Adressen. Wenn die Leute mit den Autos bis in die Stadt fahren, dort hohe Parkgebühren zahlen, um dann ebenso hohe Preise für Getränke zu bezahlen, warum sollten sie da nicht auch nach Selchow kommen, wo es Cocktails zu humanen Preisen gibt und wo niemand Parkgebühren erhebt, sagt Böhme. „Mit den Flugzeugen am Himmel ist das doch hier eine richtig coole Location“, sagt der 29-jährige Wildauer.

Die große Spotterparty ist schon geplant

120 Liegestühle stehen am Selchower Strand. Das Publikum ist sehr gemischt: Es kommen Spotter zum Fotografieren, Ehepaare zum Kaffeetrinken, Familien zum Mittagessen, Radfahrer zum Pausieren. Abends sind viele junge Leute hier, vor allem wenn freitags und sonnabends ein DJ Musik für Jedermann auflegt. „Es ist ja auch abends schön, wenn Kerzen auf den Tischen stehen und die Lichter der Flieger am Himmel auftauchen. Das hat was“, sagt Böhme. In lauen Sommernächten wurde hier schon bis vier Uhr früh gespottet.

Das nächste Großereignis wird die Luftausstellung ILA sein, die Mitte September auf dem Messegelände am anderen Ende von Selchow stattfinden wird. „Da werden wir eine richtig große Spotterparty aufziehen“, so Kai Sauerwald.

Rudolf Andersch aus Berlin-Lichtenrade ist zwar kein Spotter, aber er ist schon seit Jahren Stammkunde im Hofladen. „Es ist hier richtig schön geworden“, schwärmt der 78-Jährige. Einmal in der Woche kommen er und seine Frau mit dem Auto zum Einkaufen und Kaffeetrinken hierher. Und die lauten Flugzeuge? „Die stören mich nicht. Im Gegenteil. Das ist doch ganz interessant“, sagt Andersch und blinzelt dem nächsten Airbus entgegen.