Ahrensfelde - Wilfried Gehrke kann die Verkehrsmeldungen schon vorhersagen. Morgens heißt es: Stau auf der Bundesstraße B158 Richtung Berlin. Nachmittags stockt der Verkehr in die andere Richtung – Autos und Lkw schleppen sich dabei zäh durch seine Gemeinde Ahrensfelde (Barnim), die Dorfstraße gleicht oft einem riesigen Parkplatz. Wilfried Gehrke ist der Bürgermeister in Ahrensfelde. Und aus seinem Amtszimmer könnte er das tägliche Chaos mit 30.000 Fahrzeugen beobachten, erspart sich aber lieber den Anblick, denn ändern kann er die Situation nicht. „Unsere Straße und auch die Bundesstraße 2 nach Berlin funktionieren gar nicht. Wir brauchen dringend eine leistungsfähige Trasse“, sagt Gehrke.

Vierspuriger Ausbau

Dabei ist die Lösung zum Greifen nahe: Denn die Bundesregierung sowie die Länder Brandenburg und Berlin haben sich schon vor Jahren auf den Bau der Umgehungsstraße verständigt, die den Nordosten Berlins mit dem Autobahnring A 10 verbinden soll. Die Neubaustrecke soll 4,5 Kilometer lang sein und vierspurig ausgebaut werden.

Nach bisherigen Planungen soll sie an der Märkischen Allee in Berlin beginnen und zunächst auf einem etwa 60 bis 100 Meter breiten Streifen zwischen dem Dorf sowie den Hochhäusern von Marzahn auf Berliner Gebiet geführt werden. Um die Anwohner vor Verkehrslärm zu schützen, wird die Straße in diesem Bereich drei Meter tiefer als das normale Gelände verlaufen und auf 150 Metern als Tunnel ausgebaut. Die weitere Strecke soll östlich von Ahrensfelde über Felder führen.

Seit über 20 Jahren laufen die Planungen. In mehreren Bundesverkehrswegeplänen wurde die Straße als „vordringlich“ eingestuft. Doch getan hat sich nichts, obwohl sich 2011 alle Beteiligten auf die Tunnelvariante verständigt hatten. Baukosten: 40 Millionen Euro. Der Bund hat zugestimmt und eine Finanzierungszusage gegeben.

Doch das Vorhaben liegt jetzt auf Eis. Im Dezember 2014 hat sich der Bundesrechnungshof eingeschaltet. Er kritisiert plötzlich die Tunnellösung und hält einen ebenerdigen Straßenverlauf mit Lärmschutzwänden für ausreichend, heißt es in einer Stellungnahme. Der Bund könne „durch den Verzicht auf den Tunnel zehn Millionen Euro sparen“ – ein Viertel der Baukosten.

Entscheidung über Tunnelbau noch offen

Bürgermeister Gehrke und der Baustadtrat des Berliner Bezirks Marzahn-Hellersdorf, Christian Gräff (CDU), sind über diese Kehrtwende irritiert und auch erbost. Gräff sieht die Entwicklung etwa des neuen, 90 Hektar großen Industriegebiets Cleantech Business Park gefährdet. Insgesamt werden sich im Nordosten der Hauptstadt in den nächsten Jahren 1 400 Unternehmen ansiedeln, sie benötigen eine schnelle Verbindung zur Autobahn. „Wir brauchen die Ortsumfahrung, auch weil Berlin wächst. Sie ist das wichtigste Infrastrukturprojekt“, sagt Gräff. Er und Gehrke haben jetzt viel mit den Behörden im Bund und den Ländern verhandelt. Einen Durchbruch haben sie nicht erzielt.

Ob der Tunnel wegen der Kritik des Bundesrechnungshofs aus der Planung getilgt wird, ist nicht entschieden. Das Bundesverkehrsministerium bekräftigt aber auf Anfrage, dass die vom Bund mitgetragene Lösung der Straßenabsenkung „eine sowohl für die Anwohner als auch für den Straßenbaulastträger vertretbare Lösung“ sei. Also kommt der Tunnel? „Wir sind in der Abstimmung mit dem Bund“, sagt Steffen Streu, Sprecher von Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider. Das Ergebnis sei offen. Und auch in Berlin hält man sich mit Prognosen zurück und verweist auf Gespräche mit dem Bund.

Das dauert Gehrke und Gräff zu lange. Sie bereiten eine Berlin-Brandenburger Erklärung vor, die auch von den Industrie- und Handelskammern der Länder und von Bauverbänden im April unterzeichnet werden soll. Damit wollen sie Druck erzeugen. Und zugleich die Ortsumfahrung und die Weiterführung der Planung fordern. „Die Bürger haben ein Anrecht darauf zu erfahren, wie es weitergeht“, so Gehrke. Sonst versinkt Ahrensfelde endgültig im Stau.