Wieder gibt es eine Kündigung. Wieder verlässt jemand, der vor nicht allzu langer Zeit als Straßenbahnfahrer angefangen hatte, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). In einer Nachricht, die er einem Kollegen sandte, erklärt der Mann seine Entscheidung. „Das Finanzielle war ein Grund. Und die Dienste. Dass Du nach 8,5 Stunden Dienst zwar elf Stunden Ruhe hast, aber anderthalb Stunden nach Hause fährst“, sagt er.

Der größte Straßenbahnbetrieb Deutschlands, der im vergangenen Jahr rund 195 Millionen Fahrgäste beförderte, hat ein Personalproblem. Das merkt auch die Kundschaft. Wenn die Bahn länger als gewohnt auf sich warten lässt, könnte es mit diesem Problem zu tun haben.

„Die hohe Fluktuation und ein hoher Krankenstand führen dazu, dass an vielen Tagen nicht genug Fahrerinnen und Fahrer zur Verfügung stehen“, sagt Jeremy Arndt, Sekretär bei der Gewerkschaft Verdi. „Die Decke ist zu kurz. Dann fallen Fahrten aus.“ Es gibt Tage, an denen es gelingt, alle Lücken zu schließen – zum Beispiel indem Fahrer Überstundendienste leisten.

Es gibt aber auch Tage, an denen das nicht gelingt. Wie am 16. März, als für 32 Dienste intern vermerkt wurde: „Ausfall“. Acht Linien waren betroffen, vor allem die M5, die M6 und M8.

Jahrelang keine Ausbildung

Zunehmende Fluktuation: Das ist ein Thema, mit dem sich viele Arbeitgeber befassen müssen. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt bessert sich, das gibt Beschäftigten mehr Wahlfreiheit. Wenn woanders die Bedingungen angenehmer und die Löhne höher sind, nutzen viele ihre Chance. Auch die BVG bekommt das zu spüren. Arndt: „Viele gehen, weil die Bezahlung gering ist und sie woanders mit weniger Stress mehr Geld verdienen können.“

Ein BVG-Mitarbeiter rechnet vor: „Der Einstiegslohn im Fahrdienst beträgt 2093,42 Euro pro Monat brutto. Hinzu kommen 100 Euro Verkehrsdienstzulage sowie 150 Euro Zulage für Nacht-, Wochenend- und Sonntagsarbeit. Bei Steuerklasse 1 sind das rund 1400 Euro netto – für Wechselschichten, die an allen Tagen zu jeder Tages- und Nachtzeit stattfinden können, 39 Stunden pro Woche. Meist wird sechs Tage am Stück zu unterschiedlichen Zeiten gearbeitet, dann sind zwei Tage frei. Das kann ganz schön schlauchen.“

Eine Schicht dauere maximal achteinhalb Stunden, jedoch gehörten die Pausen nicht zur bezahlten Arbeitszeit. Insgesamt seien die Fahrer also bis zu neun Stunden und 20 Minuten auf Arbeit. Maximaler Verdienst ohne Zulagen: 2318,55 Euro brutto – aber erst nach 20 Jahren.

„Es gibt Kollegen, die aufstocken müssen und weitere Jobs übernehmen, etwa als Security-Mann oder als Hausmeister“, so der Straßenbahner. „Die Mieten werden immer teurer, dann muss man sich auch noch ein Auto anschaffen, damit man zu den Einsatzorten kommt.“

500 Euro pro Monat mehr

Der Berliner Verkehr sei eine große Belastung: „Er wird immer dichter, es gibt immer mehr Radfahrer, die plötzlich auftauchen und zu Gefahrenbremsungen zwingen. Und Ampeln, die nicht so funktionieren wie sie sollen. Demos und Baustellen sorgen für Verspätungen.“ Oft bleibe kaum Zeit für Pausen.

Krankmeldung ist eine Möglichkeit, auf die Verhältnisse zu reagieren. Am Montag fielen fast 110 Straßenbahnfahrer aus diesem Grund aus – 10,2 Prozent. Wer pro Jahr insgesamt mehr als sechs Wochen krankgeschrieben ist, bekommt einen Präventionsbrief vom Arbeitgeber. Darin geht es um Krankheitsvorbeugung. „Vergangenes Jahr wurden im Fahrdienst der Straßenbahn rund 230 Präventionsbriefe versandt, in diesem Jahr waren es schon um die 100.“

Eine weitere Möglichkeit ist die Kündigung. „Viele Kollegen haben andere Berufe und Qualifikationen: Elektriker, Schlosser, sogar Bäcker“, sagt der Straßenbahner. „Das macht es auf dem jetzigen Arbeitsmarkt leicht zu wechseln.“ Wer sich zum Beispiel bei der S-Bahn ausbilden lässt und dort anfängt, erhält über 500 Euro pro Monat mehr.

Viele hielten dreimonatigen Lehrgang nicht durch

Bei der BVG, die Probleme mit hohen Schulden und Kosten hat, hieß die Devise jahrelang: je weniger Personal – desto besser. „Mehr als 15 Jahre, bis 2014, wurde kaum ein Straßenbahnfahrer eingestellt oder ausgebildet,“ erzählt der BVGer. Inzwischen hat Chefin Sigrid Nikutta umgesteuert. „Das Unternehmen bildet wieder Fahrer aus,“, lobt Arndt. Es gebe genug Bewerber. Der Altersdurchschnitt im Fahrdienst der Straßenbahn sank von 53 auf rund 50 Jahre.

Doch viele neue Kollegen hielten schon den dreimonatigen Lehrgang nicht durch. Internen Zahlen zufolge hat die BVG im vergangenen Jahr 140 Menschen zur Ausbildung als Straßenbahnfahrer angestellt. Davon traten 132 die Ausbildung an, 101 schlossen sie mit Erfolg ab. Allerdings: Im selben Jahr schieden 106 Tram-Fahrer aus, rund 70 durch Eigenkündigung. Unterm Strich bleibt ein Defizit.

„Sehr anspruchsvoll“

„Neu ausgebildeten Fahrerinnen und Fahrern fällt es in den ersten Monaten nach der Ausbildung manchmal nicht so leicht, sich an die Belastung im Fahrdienst mit Schichtarbeit, fester Urlaubsplanung und dichter Verkehrsentwicklung zu gewöhnen“, bestätigt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Das seien auch die Hauptgründe, die bei Kündigungen angegeben werden. Das Thema Entgelt werde nicht genannt. Reetz: „Der Fahrerberuf ist sehr anspruchsvoll.“ Daher versuche die BVG, die Eingewöhnung mit Hilfe von Dienstgestaltung zu erleichtern.

2017 sei es gelungen, „eine stabile Betriebsleistung zu fahren und die Zuverlässigkeit auf hohem Niveau zu halten“, so die BVG-Sprecherin. 97 Prozent der Fahrten fanden statt, die Zahl der Straßenbahnfahrer sei von 1069 auf 1142 gestiegen. „Zum Ende des Jahres hat sich die Situation wieder angespannt.“ Die Auswirkungen hielten sich aber im Rahmen, meist mussten Fahrgäste etwas länger warten. Der Januar war gut, danach stieg die Krankenquote wieder an. Nun sei Zuwachs in Sicht: Ende April schließen wieder 20 Fahrer die Ausbildung ab, sagte Reetz.

„Das Fahren hat mir immer Spaß gemacht“

Der Straßenbahner, mit dem die Berliner Zeitung sprach, hat andere Zahlen. Danach stieg die Zahl der Fahrer 2017 nur geringfügig von 1 024 auf 1 046, zugleich wurde das Fahrtenpensum erhöht. In seiner Zahl seien Langzeitkranke nicht enthalten, dafür aber Teilzeitfahrer, deren Zahl fast 400 beträgt. Nicht alle in der Statistik arbeiten Vollzeit. Unterm Strich gebe es für die bis zu 600 Dienstschichten pro Tag 100 Fahrer zu wenig, sagt er.

Wenn 2019 über einen neuen Manteltarifvertrag verhandelt wird, geht es um Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, heißt es bei Verdi. Ein Thema könnte die Arbeitszeit sein.

„Das Fahren hat mir immer Spaß gemacht“, sagt der Fahrer, der gekündigt hat. „Wenn sich bei der BVG was ändern würde, wäre ich nicht abgeneigt, irgendwann wieder anzufangen.“