Sie gehören zu den ärmsten Menschen der Stadt, sie stehen an Straßenecken und vor Supermärkten, steigen in Züge und verkaufen an diesen Orten die Obdachlosenzeitung Straßenfeger. Ein Exemplar kostet 1,50 Euro. 90 Cent bekommen die Verkäufer, 60 Cent gehen an den Verein mob. e.V., der die Zeitung herausgibt. So funktioniert das Prinzip.

Doch weil sich längst nicht mehr alle Verkäufer an dieses Prozedere halten, hat der Verein jetzt die Regeln verschärft – „um Schaden von allen ehrlichen Verkäufer/innen abzuhalten“, schreibt der Chefredakteur der Zeitung Straßenfeger, Andreas Düllick, in der April-Ausgabe. „Betrugsversuche und aggressive Betteleien werden registriert und geahndet“, so Düllick.

Nur ein Exemplar dabei

In den vergangenen Monaten haben sich immer häufiger langjährige, meist deutsche Verkäufer über Migranten aus Osteuropa beschwert. Diese würden kaum oder gar kein Deutsch sprechen und auch keinen Verkaufsausweis haben. Häufig würden sie ein altes Exemplar der Zeitung in einer Hülle eingeschweißt bei sich tragen, die Zeitung aber nicht verkaufen, sondern um Spenden betteln. „Das ist ein klarer Verstoß gegen die Verkaufsregeln“, sagt Düllick.

Denn bei dem Obdachlosenprojekt geht es darum, dass arme Menschen nicht nur auf Almosen und Spenden angewiesen sind, sondern selbstbestimmt arbeiten können, also Zeitungen verkaufen und etwas Geld verdienen. „Wer diese Zeitung verkauft, ist wirklich in Not. Und reich wird davon keiner“, sagt Düllick. Die Zeitung sei Hilfe zur Selbsthilfe, einige Verkäufer schreiben auch Artikel. Der Straßenfeger erscheint alle zwei Wochen mit bis zu 20.000 Exemplaren.

Etwa 1800 Verkäuferausweise hat die Redaktion im Laufe der vergangenen Jahre ausgestellt, doch längst nicht alle Verkäufer sind jeden Tag unterwegs. Jeder verpflichtet sich aber, den Ausweis beim Verkauf offen zu tragen und Exemplare nicht an andere ohne Ausweis weiterzugeben sowie keine anderen Verkäufer zu bedrängen.

Kein Alkohol, keine Drogen

Doch genau das geschehe immer häufiger, berichten Straßenverkäufer. Meist seien es Migranten, die plötzlich an einem Verkaufsplatz mit nur einem Exemplar vom Straßenfeger auftauchen und betteln würden. Das schade dem Ansehen der Verkäufer, für die es klare Verhaltensregeln gebe. So berichtet ein langjähriger Verkäufer namens CaDe in der Straßenfeger-Ausgabe vom Januar 2015, ein guter Verkäufer müsse mindestens fünf Tage die Woche mit der Zeitung in der Hand an einem Platz stehen. „Er muss freundlich sein, höflich, und er sollte wissen, was in der Zeitung steht. Er sollte tunlichst auf Alkohol oder Drogen verzichten, und er sollte auch nicht betteln“, schreibt CaDe. Chefredakteur Düllick sagt, man wolle nun mit allen Verkäufern reden und sie davon überzeugen, die Regeln einzuhalten. Wer das nicht tue, werde gesperrt.

Beim Obdachlosenmagazin Motz wollen die Herausgeber gelassener mit diesen Problemen umgehen. „Beschwerden über Verkäufer, die über die Stränge schlagen oder alkoholisiert verkaufen, wollen wir nicht hochkochen“, sagt Stefan Peter vom Vorstand. Motz-Verkäufer bräuchten keinen Ausweis mit ihrem Namen. „ Viele wollen anonym bleiben. Sie werden ständig verscheucht, erniedrigt und eingeschüchtert“, sagt Peter. „Es sind die Ärmsten der Armen. Da muss man tolerant sein.“