Wenn der Architekt nachts aus dem Fenster schaut, sieht er sie oft auf dem Spielplatz vor dem Haus: Prostituierte und Freier, die versuchen, sich hinter Spielgeräten und Büschen zu verbergen. Manchmal auch Gruppen von jungen Männern, die sich anbrüllen. „Ich wohne seit 34 Jahren hier – und die Probleme rund um die Kurfürstenstraße sind immer noch die gleichen“, sagt der Mann. Er ist an diesem Montagabend ins Veranstaltungshaus Alte Pumpe an der Lützowstraße gekommen. Hier stellt Mittes grüner Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel die Ergebnisse einer Anwohnerbefragung zu den Problemen im Kiez vor.

Der Architekt erntet von den rund 50 Gästen im Saal Applaus für seine Worte. Die repräsentative Umfrage ergibt, dass der öffentliche Vollzug von Geschlechtsverkehr die Nachbarn am meisten stört. Auch Begleiterscheinungen des Strichs wie Müll und Fäkalien rauben besonders vielen Anwohnern die Nerven. „Kinder laufen durch den Strich zur Schule, Prostituierte sprechen Jugendliche an, Exhibitionisten zeigen sich“, schimpft der Architekt. Die Ansprache durch Sexarbeiter erleben laut der Erhebung ebenfalls viele Nachbarn als störend. Baustellen und Lärm rangieren in diesem Kiez, den seit ein paar Jahren auch die Investoren für sich entdecken, im Mittelfeld. Wie der Architekt fühlen sich viele Umfrageteilnehmer vor allem nachts gestört: Zwischen 22 und 0 Uhr geben 60 Prozent der Befragten an, keine Ruhe zu finden.

An der Erhebung, die der Bezirk zusammen mit der Universität Potsdam durchführte, beteiligten sich 1112 Menschen per Post oder Internetformular. Das entspricht einer Rücklaufquote von etwa 18 Prozent, was Sozialwissenschaftler als gute Ausbeute betrachten. 80 Prozent der Antwortenden fühlen sich grundsätzlich wohl in ihrem Wohnumfeld.

Von Dassel setzt auf kleinteilige Maßnahmen

Doch die Forderung der Anwohner ist so deutlich wie schwer umzusetzen: Rund 60 Prozent sprechen sich für ein Gebiet aus, „indem die Prostitution auf der Straße verboten ist“: ein Sperrbezirk. Den brachte auch von Dassel im vergangenen Jahr lautstark ins Gespräch, stieß jedoch auf Bezirks- wie auf Landesebene auf erheblichen Widerstand. „Bei den aktuellen Mehrheitsverhältnissen ist da nichts zu machen“, sagt er am Abend. Selbst der Bezirksbürgermeister räumt ein, dass Sperrzonen, Sperrzeiten und andere restriktive Maßnahmen das Problem mitunter nur verschieben, anstatt es zu lösen.

Stattdessen will von Dassel auf kleinteiligere Maßnahmen setzen, um die Situation zu verbessern. Er schlägt vor, die Präsenz des Ordnungsamts im Kiez zu verstärken und auf die Nacht auszudehnen. „Bisher enden die Schichten um 22 Uhr“, so von Dassel. Mit der Idee kommt er einer Forderung von etwa der Hälfte der Befragten nach, die sich für mehr Polizisten rund um die Kurfürstenstraße aussprechen.

Der Vorschlag, Dixie-Toiletten aufzustellen, zum Beispiel am Magdeburger Platz, erntet im Saal hingegen einige Lacher. „Die verdrecken doch sofort“, flüstert eine Frau in der letzten Reihe. Ähnlich reagieren die Anwohner auf die Idee von sogenannten Verrichtungsboxen. Das sind abgeschirmte Plätze ähnlich Garagen, in denen Prostituierte ihre Freier bedienen können. Wo solche Boxen eingerichtet werden könnten, lässt von Dassel offen. Man wolle das mit Streetworkern und Hilfseinrichtungen im Kiez diskutieren. „Wir müssen einfach alles einmal ausprobieren – und es eben wieder einstellen, wenn es nach drei, sechs oder neun Monaten keinen Effekt hat“, skizziert von Dassel sein Trial-and-Error-Prinzip.

100.000 Euro pro Jahr sind im aktuellen Bezirkshaushalt für ein Platzmanagement vorgesehen. „Ein Feigenblatt“, findet der Architekt. Von einem „Signal für einen Anfang im Kampf gegen die Probleme“, spricht von Dassel. Anfang Mai will der Bezirk mit dem Umsetzung der Maßnahmen beginnen.