Streckenausbau Berlin-Dresden: Schnelle Bahnverbindung nach Dresden erst im nächsten Jahrzehnt

Die neuen Masten für die Fahrleitung wirken ziemlich schief. „Keine Sorge, alles steht sicher. Die werden später gerade gerückt“, sagt Michael Bung. Der Bauingenieur von der Deutschen Bahn (DB) ist in den Süden von Brandenburg gefahren, um zu schauen, wie sein Projekt vorankommt: der Ausbau der Strecke Berlin–Dresden für Tempo 200. „Die ersten Etappen haben wir pünktlich geschafft“, berichtet Bung. Doch es wird noch einige Zeit dauern, bis eine Bahnfahrt zwischen beiden Städten statt mehr als zwei Stunden nur noch 80 Minuten dauert – und das hat Gründe.

Immerhin: Eine kleine Verbesserung wird es schon in einem Jahr geben, wenn die Arbeiten in Süd-Brandenburg enden und der derzeit gesperrte Abschnitt von Wünsdorf-Waldstadt nach Elsterwerda wieder befahren werden kann. „Dann sinkt die Reisezeit auf eine Stunde und 47 Minuten“, so der Ingenieur. Danach kann das neue Zugsicherungssystem ETCS installiert werden, was den Fahrgästen weitere fünf Minuten pro Weg erspart – ab Ende 2020.

„Aber erst Mitte der 2020-er Jahre werden wir die Fahrzeit Berlin– Dresden auf eine Stunde und 20 Minuten drücken können“, so Bung.

Lieber Autobahn als Eisenbahn

Auch wenn die Bauarbeiten derzeit im Zeitplan liegen, anderes hat sich um Jahre verzögert. Das ist Pech für die Reisenden, die zum Teil im gemächlichem Tempo über Land zuckeln müssen. Im Vergleich zu DDR-Zeiten hat sich die Fahrzeit kaum verändert. Das ist aber auch Pech für die Bahn, weil sie im Wettbewerb nicht mit dem Faktor Tempo punkten kann. Nicht zu Unrecht ist die Route Berlin–Dresden die am zweitstärksten genutzte Fernbuslinie in Deutschland. Die Busfahrt dauert nicht viel länger als der Trip mit der Bahn – ist aber viel, viel preiswerter.

Es ist schon 19 Jahre her, da wurde eine Projektgesellschaft der Bahn damit beauftragt, den Ausbau eines Großteils der rund 180 Kilometer langen Trasse für Tempo 200 vorzubereiten. „2002 begannen die konkreten Vorplanungen“, erzählt Bung. Doch 2005 ließ die damalige rot-grüne Bundesregierung das Vorhaben auf Eis legen. Das galt auch für eine weiteres Projekt, von dem Berlin profitieren wird: den Neubau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke, dank derer die Fahrzeit zwischen Berlin und München unter vier Stunden sinken kann. Sie soll Ende 2017 ans Netz gehen. Die nebenan geplanten Autobahnen sind dagegen schon seit Langem fertig.

„2009 konnten die Planungen für die Dresden-Strecke wieder aufgenommen werden“, so der Ingenieur. Im Mai 2016 traten die ersten Bautrupps und Bagger in Aktion – nachdem die Planer nicht weniger als 18 Planrechtsverfahren bewältigt hatten. Auf 125 Kilometer Strecke fahren bis Dezember 2017 keine Züge. Sie können es auch nicht, weil die meisten alten Schienen und Schwellen abgebaut worden sind.

Umplanungen bremsen den Ausbau aus

„Die 16-monatige Vollsperrung erleichtert die Arbeiten und spart viel Geld“, sagt Bung. Bei einer teilweisen Offenhaltung hätten die Arbeiten dagegen fünf Jahre gedauert.

Die Trasse wird neu gebaut – für Tempo 200. Doch bis Ende 2020 dürfen die Züge nur 160 Kilometer in der Stunde fahren. „Ursprünglich sollte der Verkehr 2018 beschleunigt werden“,erklärt Bung. „Doch dann verlangte die Europäische Union eine neue Version für das Zugbeeinflussungssystem ETCS. Wir mussten umplanen, und das dauerte.“

„Schön, dass das Ausbauprojekt endlich Fahrt aufgenommen hat“, sagt Alexander Kaczmarek, der Berliner DB-Konzernbevollmächtigte. Das gilt auch für einen umstrittenen Projektabschnitt im Berliner Süden: Das Teilstück, auf dem 1952 der letzte Fernzug zum Anhalter Bahnhof fuhr, muss wieder aufgebaut werden. Im vergangenen Jahr erteilte das Eisenbahn-Bundesamt den Planfeststellungsbeschluss, den die Bahn 1997 beantragt hatte.

In Lichtenrade geht es bald los

Doch in Lichtenrade gibt es Kritik. Bürger, die einen Tunnel verlangen, sind vor das Bundesverwaltungsgericht gezogen. Der dortige Projektleiter Holger Ludewig berichtet: „Zwei Klagen liegen in Leipzig vor, und es gibt auch ein Verfahren im einstweiligen Rechtsschutz, das Anfang 2017 entschieden könnte.“ Wenn die Richter der Bahn Recht geben und die Genehmigung sofort vollzogen werden darf, sollen gleich darauf erste Arbeiten in Lichtenrade beginnen. Mit den Rodungen würde die Bahn am liebsten im Januar oder Februar loslegen, sagt Ludewig.

2018 sollen in Lichtenrade die Bauarbeiten beginnen. Wie lang sie dort zu Sperrungen führen, ist noch nicht klar, sagt Ludewig. „Ob es drei, dreieinhalb oder vier Jahre werden, müssen wir noch sehen“ – länger aber nicht. Auch die Befürchtung, dass sieben Meter hohe Schallschutzwände den Stadtteil verschandeln würden, könne er entkräften: „Die Wände werden nirgendwo höher als fünf Meter sein.“

Allerdings wird es noch Jahre dauern, bis die ersten Züge durch Lichtenrade nach Dresden, Prag und zum Flughafen BER fahren – aktuell ist von 2024 die Rede. Erst dann, so die DB, sinkt die Fahrzeit Berlin–Dresden auf 80 Minuten.