Berlin - Fassaden werden als Werbefläche immer beliebter. Eine Berliner Firma profitiert davon. Xi-Design hat sich auf großflächige Wandmalerei spezialisiert – und zwar im Graffiti-Style. „2016 war unser bisher erfolgreichstes Jahr“, sagt Kimo von Rekowski (31). Rund 70 Bilder hat man auf Berliner Brandwände gemalt, darunter die Star-Wars-Werbung in der Mühlenstraße, Bruno Mars in der Falkensteinstraße, bei Kaufland an der Eberswalder Straße.

Von Rekowski ist neben Jörn Reiners (41) und Marco Bollenbach (41) einer der drei Inhaber von xi-Design. Sie mögen es nicht, mit Familiennamen angesprochen zu werden. „Kimo, Jörni und Bolle, das sind wir“, so von Rekowski. Kennengelernt haben sich die drei lange vor der Gründung des Unternehmens in seiner heutigen Form, in den 1990ern neben dem Görlitzer Park. Dort betrieb von Rekowski einen Laden für Tattoo-Bedarf. „Jörni und Bolle sind als Kunden einfach so reinspaziert. Wir verstanden uns, wurden dicke Freunde. Die Jungs waren damals voll mit dem Sprayen beschäftigt. Legal, illegal, egal. Die wollten einfach nur ihre Kunst machen.“

Tattoo-Laden verkauft

So kommt es, dass der Name xi-Design schon seit 1993 existiert, die dazugehörige, auf Graffiti-Fassadenwerbung spezialisierte Firma aber erst seit 2012. Davor hatten Reiners und Bollenbach versucht, ihr Können als Duo zu vermarkten. Sie schlugen sich durch mit der Bemalung von Garagentoren, Imbissbuden und einigen Kitas. Dann kam ein Angebot vom Fernsehen. So wurden von xi-Design Autos für einschlägige TV-Formate, erst bei Dmax („Tuning Alarm“), dann bei Vox („Tuning Profis“) aufgemotzt.

„Das ließ den Jungs aber wenig Zeit für anderes“, sagt Kimo über die TV-Zeit seiner Freunde. Und irgendwann war es dann genug mit dem Fernsehen. Man wollte wieder an die Wände. Das war vor ungefähr vier Jahren. Damals entschloss sich von Rekowski, ganz offiziell zu seinen Kumpels zu stoßen. Seinen Tattoo-Laden verkaufte der nunmehr dritte im Bunde, das Geld steckte man in den Aufbau von xi-Design.

Die "Kumpels" helfen

„Wir dachten uns, wir brauchen erstmal ein Büro. Damit man uns in der Businesswelt ernst nimmt.“ Also mietete man sich am Paul-Linke-Ufer ein riesiges Büro mit Atelier – nach dem Motto „klotzen, nicht kleckern“. Außerdem teilten sich die drei Freunde die Arbeitsbereiche auf – nach Können. „Jörni ist der Chef an der Wand und Bolle ist die Grafikabteilung“, so von Rekowski. Er selbst kümmere sich mehr um das operative Geschäft – anleiern, Kontakte knüpfen, quatschen. Networking würde Kimo sein Talent allerdings nicht nennen. Er hat „Kumpels“, man hilft sich gegenseitig.

So kam auch der erste große Auftrag für xi-Design. „Ein Kumpel hat uns den verschafft, bei Universal.“ Der Kumpel heißt Sido. Sein Konterfei war auch das erste von insgesamt zehn Wandbildern, die die Plattenfirma als Paket buchte. Von Rekowski: „Ein Riesen-Deal, allerdings hatten wir damit auch ein Riesen-Problem. Wir hatten einen Auftrag, aber keine Wand!“

Kategorie A für Top-Spots

Also wurden Klinken geputzt. Die xi-Design-Chefs suchten ganz Berlin nach Häusern mit gut sichtbaren Brandwänden ab, kontaktierten Hausverwaltungen, schlossen Mietverträge. Die erste „xi-Wand“ war jene in der Warschauer Straße 9, sie wird immer noch genutzt.

Insgesamt, und darauf ist man richtig stolz, hat xi-Design deutschlandweit rund 100 Wände im Angebot, 80 davon in Berlin. Um Werbekunden gezielt versorgen zu können, hat man die Wände nach Kategorien geordnet, von A bis C. A steht für Top-Spots wie etwa in der Mühlenstraße, wo die Star-Wars-Werbung läuft. Fünf Millionen Sichtkontakte gebe es dort pro Monat laut Verkehrsstatistik. Kategorie-B-Wände seien immer noch „super einsehbar“, aber nur mittelstark frequentiert – wie zum Beispiel eine Wand nahe dem Moritzplatz in der Prinzessinnenstraße. Und auf einer C-Wand prangt Bruno Mars, gut sichtbar, aber eben mit weniger Publikumsfrequenz.

Der Preis für die gemalte Werbung richtet sich aber nicht nur nach der Lage, sondern auch nach der künstlerischen Leistung, die für das Wandbild nötig ist. Allein die Miete für einen Kategorie-A-Platz liegt im fünfstelligen Bereich. Der Preis für das Graffiti selbst setze sich dann aus der Größe, dem gewünschten Motiv (wie detailliert, welche Farbe, wie viele Farben) und dem Künstler-Honorar zusammen.

Bande zur Graffiti-Szene noch stark

„Wir fragen die Künstler immer, was sie für einen Tag haben wollen. Das zahlen wir dann auch“, erklärt von Rekowski. Alles andere würde er für unfair halten, sagt er, und man glaubt es ihm. Denn die Bande zur Graffiti-Szene sind nach wie vor stark. Man kennt sich. Man mag sich. Und man braucht sich. Ohne die 25 freien Künstler, die regelmäßig an xi-Projekten mitwirken, könnte das Unternehmen nicht funktionieren.

Zwar sprayen auch die Firmenchefs nach wie vor selbst, doch dem derzeitigen Boom könnte man zu dritt nicht gerecht werden. „2014 waren es 30 Bilder, 2015 mehr als 50 und 2016 sind wir bei rund 70.“ Man dürfe nicht vergessen, dass die Arbeit nicht nur an den Wände stattfinde. Man müsse ja auch Zeit für Entwürfe und Abstimmung mit dem Kunden haben. Außerdem muss das Gerüst gebucht und aufgestellt werden, im Winter wetterfest gemacht. Von Rekowski: „Im Optimalfall haben wir ein Monat Zeit für den Vorlauf. Es kommen aber auch Kunden, die geben uns nur eine Woche. Bis jetzt haben wir immer pünktlich geliefert.“

Bankgebäude gemietet

Neben Berlin sind auch Hamburg und Köln im Portfolio der Graffiti-Werber, dort warb man zuletzt unter anderem für Jägermeister und Zalando.

Trotz (oder wegen) des Erfolgs brauchen die Jungs von xi-Design immer wieder eine Werbe-Pause. „Neben dem kommerziellen Gedöns müssen wir mindestens einmal pro Jahr raus, Leute treffen, künstlerisch was machen“, so von Rekowski.

Bisher fuhr man dazu meist ins Ausland, zu Graffiti-Conventions. 2017 wird das anders. Xi-Design hat sich ein leerstehendes Bankgebäude unweit des Kudamms organisiert, zur Zwischennutzung. „Was passiert, wenn wir mehr als 100 Graffiti-Atzen in eine leere Bank sperren“, fasst von Rekowski das Projekt The Haus zusammen. Auf fünf Etagen dürfen sich die Künstler auf 12.000 Quadratmetern austoben. Im Frühjahr wird das Ergebnis als „Berlin Art Bang“ in Form einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich sein. Kurz danach wird das Gebäude grundsaniert, die Bilder werden zerstört.

Weltbaum von Ben Wagin

Bleibenderen Eindruck in Berlin wollen die Graffiti-Werber mit dem zweiten fürs kommende Jahr geplanten Non-Profit-Projekt hinterlassen. Es geht um den Weltbaum von Ben Wagin. xi-Design will das 1975 gemalte und mittlerweile arg verblasste Wandbild am S-Bahnhof Tiergarten auf eigene Kosten sanieren. Der Weltbaum gilt als eines der ersten Wandbilder Berlins. Gespräche mit dem Bezirk Mitte laufen.

„Die dachten erst, wir wollen Geld von ihnen“, sagt von Rekowski, „aber wir brauchen keine Fördergelder.“ Stolz schwingt mit, großer Stolz: Vom Graffiti-Atzen zum Vorzeige-Werber. Vielleicht die Berliner Variante des Traums.