Geduld braucht man, und ein kleines Abenteuer ist es auch, besucht man die Künstler in der Herzbergstraße 53 zum ersten Mal. Ein Industriegebiet in Lichtenberg. Kunst vermutet hier niemand. Inmitten von Baubetrieben, Schrotthändlern und gegenüber vom vietnamesischen Handelszentrum Dong Xuan steht ein altes Industriegebäude aus roten Ziegelsteinen.

Früher wurden hier Autos repariert. Nun steht es leer. Das Haus liegt gut versteckt einige Meter von der Straße entfernt. Es ist nicht leicht zu finden. Autowracks verdecken die Sicht, verbeulte und ausgeschlachtete Kisten. Doch die Aufkleber am Zaun sind frisch. „Kulturbotschaft Lichtenberg“ steht darauf. Ein Plakat kündigt eine Party zum 28. Geburtstag des Tacheles an, genau hier, in Lichtenberg.

Dabei befand sich das berühmten Kunsthaus bekanntlich in Mitte. Junge Leute hatten die Kaufhausruine nach der Wende besetzt, instand gesetzt und so vor dem Verfall gerettet. Wohl jeder Berlin-Tourist wollte das Kunsthaus damals besichtigen. Die Tacheles-Party vor wenigen Tagen erinnerte an alte Zeiten. Mit selbst gedrehten Filmchen von früher.

Ein Leben als Erfolgsstory

Ist das Tacheles in Lichtenberg jetzt auferstanden? Nicht ganz. „Wir sind eine Anlaufstelle für Künstler aus aller Welt“ sagt Lucas Böttcher. Der 47-jährige Videokünstler und Sohn des Berliner Malers und Filmemachers Jürgen Böttcher, besser bekannt als Strawalde, gehört zu den neuen Mietern des Kunsthauses.

Ebenso der niederländische Fotokünstler Tim Roeloffs, über dessen Schicksal die Berliner Zeitung kürzlich berichtet hatte. Roeloffs gehörte zu jenen Künstlern, die durch das Tacheles berühmt geworden sind. Die italienische Modeschöpferin Donatella Versace entdeckte seine großflächigen Berlin-Collagen und bestellte sie für eine Kollektion. Der Senat veröffentlichte Roeloffs Leben als Erfolgsstory, Klaus Wowereit machte ihn zum Kulturbotschafter Berlins. Doch dann ging es bergab. Der Mietvertrag für seine Atelier lief kürzlich aus, ohne dass Roeloffs ein neues fand. Ärger bekam er auch mit dem Vermieter seiner Wohnung, bis heute droht seiner Familie die Kündigung. Vorübergehend kam Roeloffs im Weißenseer Atelier von Lucas und Jürgen Böttcher unter. Bis auch diese Räume gekündigt wurden.

Die mühsame Suche nach neuen und bezahlbaren Arbeitsräumen führte die befreundeten Künstler bis nach Lichtenberg. Sie hatten Glück. Der Eigentümer des dreigeschossigen Gebäudes in der Herzbergstraße ließ sich auf einen Mietvertrag mit einer Laufzeit von vier Jahren ein, er sicherte gute Mietkonditionen zu.

Kulturbotschaft heißt das Künstlerhaus

Und so meldeten sich rasch Künstler bei Böttcher und Roeloffs. Schnell sprach sich in der urbanen Künstlerszene herum, dass es in Lichtenberg Räume zum Arbeiten und zum Ausstellen gibt. 1200 Quadratmeter auf drei Etagen. Eine Seltenheit, in der Innenstadt längst nicht mehr zu finden, jedenfalls nicht für Künstler, die kaum Geld haben. Dafür aber Lust auf Kreativität. „Wir träumen alle von der Kunst“, sagt Roeloffs. „Hier können wir sie endlich umsetzen.“

Vor vier Wochen begannen die Künstler, die Räume herzurichten. Sie haben tagelang geputzt und alles repariert. Nun funktioniert die Heizung wieder, es gibt Wasser und Strom. Im Dachgeschoss lagen Unmengen Schutt und Taubenkot. Jetzt stehen dort die großformatigen Bilder des 86-jährigen Strawalde. Sein Sohn Lucas möchte den Raum als Galerie und Arbeitsraum nutzen, auch mit einer Malecke für Kinder.

Kulturbotschaft heißt das Künstlerhaus. Es ist eine Reminiszenz an die Würdigung, die Roeloffs vor zehn Jahren von Wowereit erhielt. Es ist aber auch eine Rückbesinnung an eine Zeit, in der Künstler wie Roeloffs das Image Berlins als Hauptstadt der Künstler prägten. Als es selbstverwaltete Kunsthäuser gab und genügend Ateliers in der Innenstadt. „Davon ist nichts geblieben“, sagt Roeloffs.

Künstler als Nachbarn

In Lichtenberg planen die Künstler jetzt den Neuanfang. Den Tag beginnen sie mit einem gemeinsamen Frühstück. Kaffee und Yogi-Tee. „Wir wollen langsam zusammenwachsen“, sagt Roeloffs. Im Nebenraum hat er sich ein Atelier eingerichtet. Eine riesige Fotocollage hat er an der Schiebetür der Autowerkstatt installiert. Sein jüngstes Werk. Im Treppenhaus hängen große Porträtfotografien, die es auch im Tacheles schon gab. Jetzt sind die Bilder fleckig, die Ränder gewellt. Über die Treppengeländer hat jemand rote Stoffbahnen gespannt. Ins Erdgeschoss zieht bald eine Siebdruckwerkstatt ein. Die ersten Veranstaltungen sind geplant: Ausstellungen, Konzerte, Performance, Party.

Die Lichtenberger Kulturverantwortlichen freuen sich über die neuen Künstler. „Das ist eine Bereicherung“, sagt Daniela Bell, Leiterin des Amtes für Weiterbildung und Kultur. „Die freie Szene siedelt sich verstärkt in Lichtenberg an.“ Nebenan, auf einem Hof in der Herzbergstraße, ist der Unternehmer Axel Haubrok mit seiner Kunstsammlung eingezogen und stellt Konzeptkünstler aus. Eine frühere Margarinefabrik ist jetzt die Kunstfabrik HB 55. Darin arbeiten jetzt Maler, Designer und Bildhauer. In einem Bürohochhaus an der Siegfriedstraße proben viele Bands. „Die müssen wir alle kennenlernen“, sagt Roeloffs zu Böttcher. Er klingt glücklich.